Asylbewerber Meine Schrottcontainer­kindheit

Neben dem vietnamesischen Neujahrsfest feiert die Familie auch Weihnachten – ohne Christentum, nur mit Baum und Geschenken. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Es blieb nicht bei den Reisetaschen. In der Dämmerung schickten mich meine Eltern zu verschiedenen Freunden. Frau Chau zum Beispiel. Sie überzog dann eine Decke für mich, sie war hellblau und duftete nach Lilien. Ich liebte es, wie sie sie aufschüttelte und sich über meinem Kopf ein Himmel aus weichem Stoff wölbte. Der Stoffhimmel sollte mich aber nicht vor der kalten Dunkelheit schützen, sondern vor den nächtlichen Abschieberazzien. Damals konnte man Eltern noch nicht ohne ihr Kind abschieben.

Nach drei Wochen erkältete ich mich, und meine Eltern gaben das Versteckspiel auf. Wir schliefen wieder zusammen in unserer Wohnung gegenüber vom Heim und hofften, dass uns niemand holen würde. Nacht um Nacht verstrich, niemand kam.

Nach den 30 Tagen gingen meine Eltern wieder zum Ausländeramt. Sie brauchten neue Aufenthaltspapiere. Nervös blickten sie um das Gebäude, schlichen drumherum. Sollte dort ein Polizeiauto stehen, würden sie sofort umdrehen und wegrennen: zuerst zu den Reisetaschen, dann vielleicht nach Holland, da wohnte ein Bekannter, oder nach Frankreich, da wohnte ein Cousin. Vielleicht schickten die gar keine Abschiebekommandos mehr, dachten meine Eltern, sondern ließen die Leute selbst in die Falle laufen. Vor dem Amt stand kein Polizeiauto. Meine Eltern gingen rein. Raus kamen sie mit einem neuen weißen Papier.

Herr Thanh muss gehen

In dieser Zeit suchten viele Freunde und Bekannte Zuflucht bei uns. Herr Thanh hatte mit meinen Eltern oft Karten gespielt, Nüsse gegessen und mich zum Spielplatz begleitet. Irgendwann wich das Unbekümmerte aus seinem Gesicht. Auch Herr Thanh hatte ein weißes Papier. Er zwängte sich in unserem Dachboden hinter verstaubte Holzlatten und Kisten. "Wir spielen Verstecken", sagte er mir mit gequältem Lächeln. "Aber ich weiß doch jetzt, wo du bist!", sagte ich.

Eines Nachts lautes Türklopfen: Polizeiinspektion Schubwesen. Mein Vater öffnete. Die Beamten warfen meine Mutter aus dem Bett, klappten die Matratzen hoch und rissen alle Schranktüren auf. An ihre Worte erinnere ich mich nicht, nur an die Klemmbretter und die Taschenlampen. Grell schnitten sich ihre Strahlen durch die Dunkelheit. Sie suchten Herrn Thanh.

Wenig später besuchte ich Herrn Thanh mit meinen Eltern in seiner Abschiebezelle auf der Polizeiwache. Ein karger Raum mit Feldbett. Auch andere Freunde kamen. Sie gaben ihm ein bisschen Geld, jeder 50 D-Mark, als Starthilfe. Herr Thanh, sagten die Erwachsenen, konnte ja nicht einmal mehr seine Sachen packen. Er hatte nichts außer seiner Kleidung am Körper. Schmächtig, gekrümmt und allein saß er da. Auch ich sollte ihm etwas geben. "Geh schon rein", sagten meine Eltern. Sie drückten mir eine Tafel Schokolade mit Nüssen in die Hand und schubsten mich in die Zelle. Wortlos gab ich sie ihm. Es war das letzte Mal, dass ich Herrn Thanh sah. Als wir die Polizeistation verließen, sprach niemand. Alle wussten: Wir könnten die Nächsten sein.

Tatsächlich verschwand einer nach dem anderen aus unserem Leben, vor allem Alleinstehende. Wir warteten weiterhin mit unserem weißen Papier und den Reisetaschen auf unser Abschiebekommando. Dann kam ein Brief.

"Sehr geehrter Herr VU,
sehr geehrte Frau TRAN,

das Landratsamt Rottal-Inn prüft derzeit die Möglichkeit, ob Ihnen und Ihren Kindern gemäß der Altfallregelung vom 19.11.1999 eine Aufenthaltsbefugnis erteilt werden kann. Dafür sind umfangreiche Überprüfungen notwendig. Wir benötigen deshalb einige Unterlagen von Ihnen, die Sie uns bitte umgehend vorlegen wollen."

Die Eltern mit ihren drei Kindern heute © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Die Regierung von Gerhard Schröder hatte das Ausländerrecht reformiert. Wer schulpflichtige Kinder hatte, besaß einen Anspruch darauf, bleiben zu können. Ich war gerade in der zweiten Klasse. Wenig später standen wir mit den Unterlagen im Ausländeramt und sahen der Sachbearbeiterin dabei zu, wie sie für jedes Kind einen bunten Aufkleber in den Reisepass meiner Mutter drückte: die Aufenthaltsbefugnis. Sie war auf zwei Jahre befristet, mehr als wir jemals zuvor bekommen hatten.

Die Reisetaschen wanderten in den Keller und meine Eltern eröffneten ihr eigenes Geschäft: Asia Imbiss, Grüß Gott! Hat's geschmeckt? Drei Euro achtzig, bitteschön. Auf Wiedersehen! Jeden Tag versprachen sie den Gästen das Wiedersehen, doch das Versprechen war ein ungewisses. Die Aufkleber klärten nur, wie lang wir noch mindestens bleiben duften, aber nicht, ob wir jemals ankommen durften.

Mutter und Tochter, kurz nach der Geburt, Anfang der Neunziger © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

"Sei doch stolz auf dein Heimatland", hörte ich damals oft von weißen Deutschen. Aber wie sollte ich stolz sein auf ein Land, vor dem ich in erster Linie Angst hatte? Ein Land, das meinen Eltern Albträume bereitete und über das die anderen Kinder lachten. "Ching Chang Chong, Chinese sein nicht dumm", riefen sie und zogen ihre Augenwinkel hoch. Waren sie weniger gut gelaunt, sollte ich "zurück in den Dschungel" oder gehörte "vergast". Sie jagten mich mit Steinen, manchmal auch nur mit Fäusten, immer mit Gelächter. Ich war nicht stolz. Ich wollte so sein wie die anderen. Oder unsichtbar. Oder gar nicht sein.

In der Schule stellte ich mich als Vanessa vor und nicht als Vân. Ich schwieg über meine Herkunft und feilte wie besessen an meinem Deutsch. Hauptsache, niemand knöpfte sich meine Andersartigkeit vor. Es gelang mir gut. Ich gab auf dem Gymnasium deutschen Kindern Nachhilfe in Deutsch und vergaß allmählich meine eigene Muttersprache. Trotzdem saß ich manchmal im Unterricht und fragte mich, wie lange noch. Ob ich wohl noch Abitur machen könnte, und nach dem Abitur vielleicht sogar reisen, studieren und arbeiten?

Mit 17 beendete ich die Ungewissheit und stellte einen Antrag auf Einbürgerung. Meinen alten Reisepass steckte ich in einen braunen Briefumschlag und adressierte ihn an die vietnamesische Botschaft. Dann schob ich meine Vergangenheit durch den Postkastenschlitz. Dumpf prallte sie auf. Ich hielt kurz inne. Vielleicht, dachte ich, hatte ich doch nur ein Stück Papier weggeschickt. Vielleicht würde ich das Gelächter behalten.

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