Asylbewerber Meine Schrottcontainer­kindheit

Der Jasminstrauch im Wohnzimmer erinnert den Vater an die Heimat. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Als zwei Jahre später der neue Pass kam, änderte ich auch offiziell meinen Vornamen. Niemand sollte sich mehr an meinem eigentlichen Namen stören, Silben vertauschen, Reime ausdenken oder sich an einer Aussprache üben, die vermeintlich asiatisch klingt. Ich wollte einen richtigen Namen: einen Namen, mit dem man mich benennen und mit dem man mich ernst nehmen würde.

Ich füllte ein Formular aus, und die Standesbeamte schrieb mit einem Fineliner auf mein Geburtenregister: "Folgebeurkundung 1: Angleichung der Namen des Kindes, wirksam am 21.06.2011. Vornamen Kind: Vanessa." Darunter setzte sie ihre Unterschrift. Vielleicht würde ich diesmal endlich richtig deutsch werden, dachte ich. Angleichung, das klang nach gleich.

Meine Eltern hatten auf ihre Weise am Deutschsein gearbeitet. Sie säuberten den Schlachthof, frittierten Schmalzgebäck, sortierten am Fließband Gurken, zwickten Seitentriebe von Nelken und Ringelblumen ab, putzten, kochten und brachten den Leuten Essen. Als meine Mutter zum dritten Mal schwanger wurde, arbeitete sie so lange, bis es nicht mehr ging. Sie stand hochschwanger auf Leitern und wischte Fenster. "Sonst denken sie, dass Ausländer faul sind", sagte sie. Abends schrubbte sie uns Kinder mit dem Waschlappen wund. "Sonst denken sie, dass Ausländer schmutzig sind", sagte sie. Aus der Bücherei holte sie uns nur dicke, bilderlose Bücher. "Sonst denken sie, dass Ausländer dumm sind."

Der vietnamesische Reisepass des Vaters. Er hatte sich nicht mit der restlichen Familie einbürgern lassen, weil er sich nicht bereit dazu fühlte. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Ehrgeiz, Disziplin, Zurückhaltung – für uns waren das nicht nur persönliche Ziele. Sie hatten uns einen Aufenthaltsstempel und Passaufkleber nach dem nächsten gebracht. Die Sachbearbeiter in den Ämtern lobten den Fleiß und die klugen Kinder. Nachts aber schreckt mein Vater bis heute noch aus Angst vor Abschiebung auf.

F: Möchten Sie noch etwas Wichtiges hier angeben bzw. einen Wunsch äußern?

A: Wenn die bundesdeutsche Regierung menschlich bzw. human wäre, dann würde sie mich hier lassen, damit ich mein restliches Leben in Freiheit verbringen kann. Außerdem wünsche ich meinem Kind, nicht die gleiche Erfahrung zu machen, die ich gemacht habe. Deswegen haben wir unser Kind auch erst bekommen, nachdem wir in einem freien Land waren. Vorher wollten wir kein Kind haben.

Heute besitze ich einen Pass, der laut Passport Index zu den mächtigsten der Welt gehört. 158 Länder kann ich damit ohne Visum bereisen. An Wochenenden kann ich einfach in den Flieger steigen und Freunde auf der ganzen Welt besuchen, zu Konzerten gehen oder den Wellen des Ozeans zuhören.

"Why me", sang ein Mann mal auf einem Flug von London nach München. Das me zog er lang und klagend, vielleicht war es vielmehr ein Winseln als ein Singen. Die Sonne ging gerade auf, das Flughafengelände färbte sich graugold, mein Gesicht glitzerte von einem langen Festival-Wochenende. Ich hatte nicht geschlafen und war wie die meisten Passagiere müde. Einige raunten und stöhnten. Was denn los sei, fragte ich einen Flugbegleiter. "Der Mann wird gerade abgeschoben", sagte der. "Offenbar ist er deswegen traurig."

Ich drehte mich um. Da saß er, klein und mager, die krausen Haare ganz kurz, sein Blick  leer und auf den Boden gerichtet. Um ihn herum standen wuchtige Sicherheitsleute. Ich wollte mit ihm sprechen, aber da waren sie wieder: die Bilder von unseren Reisetaschen, Herrn Thanhs Nussschokolade und die bilderlosen Bücher.

Ob seine Freunde ihm auch Geld als Starthilfe mitgegeben haben? Vor was hatte er damals wohl den Rücken gekehrt? Würde er in seiner Heimat sicher sein? Und ja, why you? Warum er? Warum nicht ich?

Zwei Stunden später landete unser Flug. Ich stieg die Treppen hinab, schob die Gedanken beiseite und betrat den Bus in mein eigenes, unerträglich bequemes, freies Leben.

Kommentare

990 Kommentare Seite 1 von 40 Kommentieren