© Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Asylbewerber Meine Schrottcontainer­kindheit

In Deutschland geboren, im Asylbewerberheim groß geworden, und alle 30 Tage zum Amt: Wie es ist, wenn man mit der ständigen Angst aufwächst, abgeschoben zu werden. Von

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"Mẹ ơi!*", rief ich und hielt meiner Mutter einen silbernen Topf unter die Nase. Ich war vier Jahre alt und hatte ihn in einem Schrottcontainer gefunden. Es war einer dieser Sommer, in denen ich fast jeden Tag unter dem Himmel Niederbayerns verbrachte. Diese Sommer rochen nach Gülle und Chlor, sie schmeckten nach Pommesfett und Salz, die Luft flirrte, und meine Knie waren blutig vom Toben auf dem Schotterplatz. Wenn wir Kinder uns gruseln wollten, wühlten wir uns durch sattgrüne Sträucher zu einem Hexenhaus. Natürlich lebte da keine Hexe, sondern eine arme alte Frau. Ihr Haus war zerfallen, und sie schaute finster.

Meine Freunde wohnten wie ich im Asylantenheim, einen anderen Namen hatte der ehemalige Gasthof der lokalen Bierbrauerei hier nicht. Ich kam Anfang der Neunziger zur Welt und kannte, wie die meisten anderen Kinder hier, von Geburt an kein anderes Zuhause. Da waren Fitore, Besa, Valdrina, Vildane und alle ihre Geschwister. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache, verstanden haben wir uns trotzdem. Oft streiften wir durch die Nachbarschaft und suchten Schätze. Wir fanden süße Marillen, wir fanden Marienkäfer, und an richtig guten Tagen fanden wir was Brauchbares für die Eltern. Wie den Topf.

Die Familie bewohnte ein Zimmer im ersten Stock des Heims. Aus Angst vor Neonazis bewahrte der Vater immer ein Seil neben dem Fenster auf, um jederzeit hinausklettern zu können. Heute steht das Gebäude leer. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Wenn Schatten die Häuser umschlungen, kehrten wir erschöpft in unsere Zimmer zurück. Jede Familie hatte eines. Unsere Tapete war vergilbt, rechts standen ein Tisch, eine Kommode und ein Altar für die Ahnen, links ein schmales Bett. Zum Neujahrsfest kam ein Zwergorangenbaum dazu. Viel mehr passte nicht rein. Essen gab es zweimal pro Woche aus Kisten. Für Asiaten gab es ein bisschen Reis, ein tiefgekühltes Huhn und ganz viele Zwiebeln.

Eines Tages brachte mein Vater ein Klappsofa vom Straßenrand mit und rollte sich fortan darauf zusammen. Wir waren glücklich. Im Asylantrag meines Vaters stand:

"Ich möchte mit meiner Frau in Deutschland leben, weil hier Frieden ist. Wir hoffen, daß wir in Deutschland arbeiten können."

Mit der Dunkelheit krochen Kakerlaken hinter den Schränken hervor und suchten Essensreste. Leicht hatten sie es nicht, viele starben in unseren Fallen aus Zahnstochern und Klebefilmen. Am nächsten Morgen sah ich nach ihren reglosen Körpern. "Sonst krabbeln sie dir im Schlaf in den Mund", sagte meine Mutter und warf die Klebestreifen in den Müll.

Die Familie kam Anfang der Neunzigerjahre aus Vietnam in einen 12.000-Einwohner-Ort im katholischen Niederbayern. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Im Heim gab es nur drei Duschen und vier Toiletten für rund 100 Asylbewerber, also pissten manche Männer einfach gegen die Wände im Flur. Ihre Söhne machten es ihnen nach. Ein Junge kicherte, als er an einer Säule nassgelbe Linien zog. Überhaupt waren die Klos ein schrecklicher Ort. Eine Frau beendete dort sogar ihr Leben. Sie zwängte sich durch das schmale Fenster und stürzte sich auf den Asphalt. Sie sei aus der Mongolei gekommen, erzählten sich die Erwachsenen. Mehr wussten sie nicht.

An grauen Tagen besuchten wir Kinder uns gegenseitig. Die Familie von Fitore hatte das größte Zimmer und einen Röhrenfernseher. Davor saß oft ihr Vater. Er schaute Nachrichten aus der Heimat und schüttelte dabei seinen Kopf. Im Kosovo herrschte Krieg, über die Satellitenschüssel am Fenster kamen die blutenden Menschen auch zu uns. Sie schrien und trugen Waffen. "Das passiert bei uns daheim", sagte Fitore, "voll schlimm, oder?" Dann kam ihre Mutter und brachte süße Kekse.

*vietnamesischer Ruf nach der Mutter

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