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Clean Eating Sprung in der Schüssel

Wer nicht dem heiligen Pfad von Quinoa und Grünkohl folgt, der bringt die Extremisten des Clean Eating gegen sich auf. Gesunde Ernährung verlangt heute religiöse Hingabe. Von

So bunt es auf dem Teller auch zugehen mag, unser Essen haben wir schon immer in Schwarz-Weiß-Kategorien betrachtet. Es ist lecker. Oder eben nicht. Manche Lebensmittel machen dick, andere nicht. Die Sünde auf dem Teller macht Spaß, Zurückhaltung oft weniger. Doch diese Denkmuster wirken zunehmend veraltet.

Heute ist das, was wir zu uns nehmen, nur noch gesund oder ungesund. Und gesund heißt dabei nicht, dass es keinen Krebs, Bluthochdruck oder Diabetes verursacht, sondern dass es uns zu besseren Menschen macht: leistungsfähig bei der Arbeit, energiegeladen beim Sport, mit schöner Haut und gesundem Haar, glücklichen Darmbakterien und moralischer Überlegenheit gesegnet. Und was für ein Typ Mensch wir sind, soll unsere Ernährung auch ausdrücken: Wir sind so super wie das Essen, das wir zu uns nehmen.

Was ist überhaupt gesund?

Jung, urban, sportlich, gesundheitsbewusst: Gerade diese Bevölkerungsgruppe will nicht bloß schlank sein, sondern stark. Und stark ist, wer gesund ist. In einer Marktanalyse des Allensbach-Instituts für Demoskopie aus dem Jahr 2016 gaben 84 Prozent der Befragten an, an gesunder Ernährung und gesunder Lebensweise interessiert zu sein. Über Diäten sagten das nur knapp 29 Prozent. Abnehmen zu wollen ist für Frauen im Zeitalter von Feminismus sowieso ein schwieriges Thema. Wir sollen unseren Körper doch lieben und nicht mehr so hart mit ihm ins Gericht gehen. Statt Diät lieber Detox, statt Low-Fat lieber Superfood. Doch bleibt da das Gefühl, dass es sich hier um alte Zwänge in neuen Denkmustern handelt. Denn der Grad der Besessenheit, mit der über den eigenen Körper nachgedacht wird, hat zu- und nicht abgenommen. Und außerdem: Was ist überhaupt gesund?

Seit Jahrzehnten werden Nahrungsbestandteile auf eine schwarze Liste gesetzt, nur um später rehabilitiert zu werden: Fett, Zucker,  Kohlenhydrate, Gluten oder Laktose. Je mehr wir uns mit Essen beschäftigen, desto weniger scheinen wir darüber zu wissen. Deshalb ist es kaum überraschend, dass Menschen sich immer mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen – und zu dem einfachen Schluss kommen, dass sie viele Lebensmittel nicht vertragen. Früher bekam man vom Essen ein schlechtes Gewissen. Heute bekommt man Bauchschmerzen.

Mir ging es besser, deshalb bin ich immer weiter gegangen.
Jennifer Anglim, Gründerin von Deutschlands erstem selbst ernannten Clean-Eating-Restaurant.

So war es auch bei Jennifer Anglim, Typ: junge Berlinerin, wilde blonde Locken, viele Tattoos, wenig Make-up. Um ihre Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten in den Griff zu bekommen, fing die 32-Jährige an, sich erst vegetarisch zu ernähren, dann vegan, später nur noch mit Rohkost: "Mir ging es besser, deshalb bin ich immer weiter gegangen". 2015 war sie Mitbegründerin von The Bowl, Deutschlands selbsternanntem ersten Restaurant für Clean Eating, im Berliner Bezirk Friedrichshain, heute betreibt sie das Hope Superfood Deli im Stadtteil Schöneberg.

Clean-Eating-Gerichte sind prinzipiell vegan, nur heißt das bei The Bowl plant-based, "Wir wollten den Stress damit ein bisschen rausnehmen", sagt Anglim. Das Essen ist bio. Ohne Chemikalien, Konservierungsstoffe oder sonstigen Zusätze. Ohne Transfette, denn die könne der Körper nicht verarbeiten, und ohne weißen Zucker, denn der habe keine Mineralstoffe mehr. Natürlich glutenfrei. Alkohol und Koffein gibt es auch nicht. 

Das Konzept mag für Außenstehende extrem restriktiv klingen, doch Jennifer Anglim sieht es genau anders herum: Clean Eating besteche gerade durch seine Vielfalt. Ein Mittagessen kann zum Beispiel aus einer Schüssel mit Quinoa, gebratenem Rosenkohl, Hummus aus Miso-Bohnen und grünem Salat bestehen, dazu gibt es einen Rohkost-Smoothie aus Mango, Grünkohl, Agavendicksaft und Eiswürfeln aus vitalem Wasser. Zum Nachtisch dann einen Chia-Pudding mit Roter Bete.

Clean Eater richten die kargen Zutaten gern in Schüsselchen an. Dann sieht das Essen heimeliger aus. © S. Karau/Photocase/photocase.de

Jennifer Anglim sagt, es gehe ihr nicht darum, zu missionieren, man dürfe nicht zu dogmatisch sein beim Essen und es gäbe auch nicht die eine richtige Ernährungsweise für jeden. Ganz zwanglos klingt das dennoch nicht. Erst recht nicht, wenn sie erklärt, dass sie sich nur zu 90 Prozent "clean" ernähre, um "aus sozialen Gründen" auch mal ein Stück Pflaumenkuchen ihrer Oma, einer Bäckermeisterin, essen zu können: "Der Körper kann ja einiges ab." Es klingt nach einem Kampf mit einer mittelschweren Lebensvergiftung.

Kommentare

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Meiner Meinung wird mit 'Clean eating' alles gelabelt, was als 'gesundes Essen/Trinken' vermarktet wird und irgendwie hip klingen soll - raw, slow cooking, smoothie, energized, paleo und superfood klingt einfach glaubwürdiger gesund als Trennkost, Kohlsuppe, Atkins, Schnitzer & wie Diäten sonst noch früher benamst wurden. Ich glaube aber nicht, dass der schwammige Begriff etwas mit einem reinen Gewissen oder moralischer Überlegenheit zu tun hat; die Rezepte, Speisekarten und Snacks (Riegel etc.) weisen z. B. nur sehr selten Zutatenlisten auf, die regional/saisonal sind.