Wohnen Das Graue muss ins Eckige

Mausgrau, Aschgrau, Steingrau, Zementgrau: Alle haben mittlerweile das gleiche reizlos dezente Sofa mit Rumliege-Winkel in ihrem Wohnzimmer stehen. Warum eigentlich? Von
© Uwe Gärtner/plainpicture

In Deutschlands Wohnzimmern herrscht das große Grauen, und zwar immer im selben 90-Grad-Winkel. Gesessen wird auf einer Nichtfarbe zwischen Weiß und Schwarz, die wie diese beiden kaum Lichtwellen aussendet; die, anders formuliert, komplett reizlos für das Auge ist.

Eigentlich wird aber heutzutage auch weniger gesessen als tiefenentspannt gelegen beim Serien-Konsumieren und WhatsApp-Parlieren. Die rechtwinklige Konstruktion, die Nachgiebigkeit eines handelsüblichen Ecksofas lässt es zu, dass mindestens zwei Menschen sich darauf abends ermattet lagern können, die Füße in Socken einander entgegengestreckt. Nach dem Motto: Das Leben da draußen ist hart, die Couch hier drinnen weich. So wird das graue Ecksofa zum Symbol des dauerangestrengten Menschen der Moderne, der sich permanent nach Entspannung sehnt, sich ausruhen muss und die Entschleunigung eben im Reizarmen sucht

Wie eine Outdoorjacke

Die formale Ausführung ist immer gleich, ob man die Anschaffung nun bei Dopo Domani oder Poco Domäne getätigt hat, Qualitätsunterschiede mal außen vor gelassen. Dank des grauen Ecksofas ist es vorbei mit dem bürgerlichen Sitzen bei gestrafftem Rücken. Das Sinnbild von individueller Bequemlichkeit und stilistischer Anspruchslosigkeit findet man abertausendfach, wann immer man in Privatwohnungen vorgelassen wird. Warum nur? Oder, andere Frage: Könnte das Leben mit einer lila Ledercouch ein anderes sein? Würde sie einen insgesamt waghalsiger machen?

Gut bewacht: die klassische Sofaecke unserer Tage, natürlich mit Kuscheldecke. © ZEITmagazin ONLINE

Mögen Einrichtungszeitschriften von der modernen Anmutung einer Chaiselongue in kühl-skandinavischem Rosa schwärmen, mögen Interior-Blogger sich über die Anschaffung dunkelblauer Samtsofas mit Messing-Dekor auslassen, mögen Designerinnen beteuern, dass weiße Leinenbezüge auf üppig ausgestopften Polstern so gar kein Problem mit kleinen Kindern darstellten: Mit der Realität hat das wenig zu tun. Wohin man sich auch wendet, zu sehen ist immer der gleiche unfarbene  Sitzwinkel. Bevorzugt in Grau in allen Nuancen, wie es Paul Winkelmann alias Loriot im Film Ödipussi so unnachahmlich aufzählt, "Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau ...", gipfelnd in der Frage: "Soll ich da mal so'n ganz frisches Steingrau empfehlen?" Oder man entscheidet sich alternativ für Taupe, jenen braungrauen Mischton, der an getrocknetes Porridge erinnert. Auch die ins Bräunliche spielenden Sofatöne sollen ja vor allem hell, unauffällig, anpassungsfähig sein. Maximal zurückhaltend, zweckmäßig wie eine Outdoorjacke in der Großstadt. Es gibt viele vernünftige Argumente dafür – ästhetische aber sind es gewiss nicht.

Ist das alles nicht ganz schön langweilig und gleichförmig, verglichen mit dem wilden Herumgelungere auf Knautschlack-Sitzsäcken in der Flower-Power-Zeit? "Im Sitzen steckt heute nichts Revolutionäres mehr", sagt Claudia Banz, Kuratorin für Design am Kunstgewerbemuseum Berlin. "Das Sofa soll zweckmäßig sein, praktisch, nicht zu plüschig. Alles ist sowieso wieder sehr brav geworden." Wir erleben ein neues Biedermeier, findet Banz: "Man ist wieder mehr zu Hause, da braucht man Platz und Möglichkeiten zum Sitzen." Und Eckart Maise, Chief Design Officer beim Schweizer Möbelhersteller Vitra, sagt: "Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte geht weg vom Sofa als freistehendem, skulptural geformtem Einzelmöbel hin zu Sofalandschaften, die als Teil der Architektur wahrgenommen werden und sich in diese integrieren."

Beim bodennahen Herumliegen – hier von der Schauspielerin Maria Schneider demonstriert – kam man sich in den Siebzigerjahren richtig revolutionär vor. © Dove/Daily Express/Hulton Archive/Getty Images

Revolutionär, erklärt Claudia Banz, habe sich das Sitzen zuletzt in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern verändert: Aus scheinbar unverrückbar aufgestellten Sofas wurden lose Sitzgruppen, die starren Formen wurden abgelöst von bodennahen Modulen oder gleich komplett formbefreiten Sitzsäcken. "Alles Spitze, Eckige, Kantige verschwand", sagt die Kuratorin, "die Wohnlandschaften betonten die Überwindung alter Hierarchien, das Soziale und Kommunikative am Sitzen, das so zu einem Zusammensitzen wurde." Vorläufer dieser Idee seien die modularen, flexiblen Sitzmöbel der Zwanzigerjahre gewesen, deren strenge, kubische Formgebung allerdings immer noch Sitzdisziplin erforderte. Und deren Vorreiter waren wiederum die Beistellstühle, wie sie seit dem späten 19. Jahrhundert etwa von Thonet hergestellt wurden: leicht zu arrangieren für jede Konstellation von Konversations- oder Kartenspielrunden.

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