Marktredwitz Morgens halb zehn in Deutschland

© Moritz von Uslar
Unser Reporter Moritz von Uslar berichtet in dieser Kolumne aus dem deutschen Alltag. Folge 13: In der fränkischen Kleinstadt Marktredwitz leben rund 300 Flüchtlinge, unter ihnen die syrische Familie Al-Sayed. Geht es ihr gut? Von
ZEITmagazin Nr. 1/2017

Moment, wo bin ich denn jetzt hier gelandet, in den letzten Tagen dieses unpackbar wirren, erschütternden, von uns allen noch nicht verarbeiteten Jahres 2016, in dem das schönste Wesen der freien westlichen Welt, David Bowie, starb, ein Schwachkopf zum US-Präsidenten gewählt wurde und Angela Merkel, angesichts der Beschlussunfähigkeit der EU zum Massensterben im syrischen Aleppo, zugeben musste, dass sie einfach nur deprimiert sei?

Richtig, das ist eine hübsch bunt angemalte Einkaufsstraße in einer fränkischen Kleinstadt: Die Geschäfte heißen Dies und Das und Creative Design. Die Konditorei Bairischer Hof, der stattliche Gasthof Zum Goldenen Löwen. Die Brauerei hat den interessanten Namen Nothhaft. Auf die Einkaufspassage KEC mit kostenlosen Parkplätzen sind sie hier stolz. Es gibt auch das Dönerhaus Royal und das irgendwie abenteuerlich wirkende Gebrauchtwarenhaus Sultan ("Jeden Tag neue Angebote, supergünstig"), das Bierkrüge, Computertastaturen und Nähmaschinen verkauft. Die Kleinstadt heißt Marktredwitz, im Nordosten Bayerns, unweit der tschechischen Grenze, gelegen: rund 18.000 Einwohner, eine geringe Arbeitslosigkeit (4,8 Prozent), der Automobilzulieferer Scherdel hat hier seinen Stammsitz. Menschen aus 69 Nationen leben in Marktredwitz, unter ihnen 327 Flüchtlinge. Es gibt wenig Grund, der Stadt einen Besuch abzustatten, aber wenn man einmal hier ist: doch ganz nett hier.

Der Reporter möchte aus dieser Kleinstadt die Geschichte einer syrischen Flüchtlingsfamilie erzählen, die im Sommer nach Marktredwitz zog. O ja, es ist eine wenig spektakuläre, durchweg positive, eine fast schon glücklich machende Geschichte. Der Reporter setzt sich damit dem Verdacht aus, im Jahr der Silvesterübergriffe von Köln und der von einem vorbestraften Afghanen ermordeten Maria L. in Freiburg das Geschäft der Gutpresse (Zusammensetzung aus den Kampfbegriffen "Gutmensch" und "Lügenpresse") zu betreiben: Wer das so sehen möchte? Der Reporter kennt die syrische Familie aus privaten Zusammenhängen, eine Tante, die im Landkreis Wunsiedel ein Haus mit großem Garten besitzt, hatte die Flüchtlinge im November vergangenen Jahres bei sich aufgenommen, hilft ihnen bei Amtsgängen und hält, auch nach ihrer Anerkennung als Flüchtlinge, Kontakt. 723.027 Menschen haben zwischen Januar und November 2016 in Deutschland Erst- oder Folgeanträge auf Asyl gestellt. Vielleicht geht es nur darum, mal bei einer der Tausenden von Flüchtlingsfamilien vorbeizuschauen, die sich keine Straftat zuschulden kommen lassen und sich in diesem merkwürdigen Land Deutschland einen Alltag aufzubauen versuchen.

Halb zehn morgens vor einem Bürgerhaus im Zentrum, unten im Haus befindet sich eine Metzgerei. Die syrische Familie, nennen wir sie Al-Sayed, hatte vor dem Treffen ihre Freude per SMS in blumigen Worten ausgedrückt: "Wenn Sie kommen, wird es bei uns hell." (Im Laufe der Geschichte werden wir den Klarnamen der Familie und ihre Heimatstadt nicht nennen können, weil die Al-Sayeds vielleicht einmal nach Syrien zurückkehren möchten und fürchten müssen, dass der syrische Diktator Assad auch in Marktredwitz seine Agenten hat.) Die Al-Sayeds sind ein Akademikerpaar, er 38, sie 29 Jahre alt, mit zwei Kindern (die Tochter sechs, der Sohn vier Jahre alt), aus einer heute noch vom IS gehaltenen Großstadt in Syrien. Wenn sie von ihrer Flucht erzählen, dann ist es die übliche, absolut grauenhafte, für Deutsche schwer fassbare Geschichte (mit dem Auto in die Türkei, die Kinder unter Decken versteckt, über 2.000 Meter hohe Berge gewandert, bei Todesgefahr auf einem überfüllten, lecken Boot nach Lesbos, mit Bussen und Taxis über die Balkanroute nach Österreich durchgeschlagen).

Eine Vier-Zimmer-Wohnung unter dem Dach. Möbel vom Sperrmüll. Im Wohnzimmer ein Wäscheständer und ein Gemälde mit einer Alpenansicht. Auf den Teppichen liegen Decken, damit die Kinder die Teppiche nicht mit Stiften anmalen. Es gibt arabischen Kardamomkaffee. Der Sohn erschreckt den Besucher mit einem Stofflöwen, die Tochter führt ihm in ihrem Schulheft die Seite "Tiere im Zoo" vor.

Die Kinder sprechen ein niedliches Deutsch mit fränkischem Dialekt, die Eltern besuchen jeden Tag den Integrationskurs im Bildungsförderungszentrum (BFZ), sind furchtbar stolz auf ihre Sprachfortschritte, können sich aber praktisch nur schwer verständlich machen. Vater Al-Sayed hält also während des gesamten Gesprächs das Handy mit der Arabisch-Deutsch-App Nemo in der Hand, das absurde Sätze ausspuckt.

Einfache Fragen: Ist das okay hier in der fränkischen Kleinstadt? Strahlende Gesichter: Es sei ganz, ganz toll hier in Deutschland, die Leute in Marktredwitz seien ganz, ganz freundlich und sehr hilfsbereit. Nachteile: Das Essen, vor allem Obst und Gemüse, sei viel schlechter und teurer als in Syrien. Klagen auch darüber, dass der Vermieter immer noch keinen Kabelanschluss gelegt habe. Der Alltag der Al-Sayeds spielt sich irgendwo zwischen Ämtern, der Bürgerinformationsstelle MAK, Kindergarten und Grundschule ab, in Marktredwitz benutzen sie das KEC-Einkaufszentrum, die Kleidertheke Kunterbunt und den arabischen Gemüseladen gegenüber der Moschee. Sehr enttäuscht waren die Al-Sayeds, zu erfahren, dass ihre Hochschulabschlüsse in Deutschland keine Gültigkeit haben. Fremdenfeindlichkeit? Nein! Dann erzählt Mutter Al-Sayed doch die Geschichte von einem Allgemeinarzt, der sich geweigert habe, sie als Kopftuchträgerin zu untersuchen ("Hier in Deutschland tragen wir keine Kopftücher"), und ihr gewaltsam die Kopfbekleidung vom Ohr gerissen habe. Sie kam weinend nach Hause.

Erstaunlich, dass, wenn Kommunikation kaum möglich ist, doch praktisch nur über die ganz großen, abstrakten Themen, über Religion, Politik und den Sinn des Lebens geredet werden muss. Die Al-Sayeds verwenden viel Energie darauf, zu beteuern, dass der Islam im Kern eine friedliche Religion sei. Der Krieg in Syrien werde noch 20 Jahre lang andauern: Assad brauche den IS so wie der IS Assad, um ihre Gewaltherrschaft aufrechtzuerhalten. Erstaunlicher Eindruck: Diese Syrer in der Dachwohnung in Marktredwitz wollen vor allem lachen, Witze machen, fröhlich sein. Unter der Fröhlichkeit, natürlich, liegen das Trauma von Krieg und Flucht und eine tiefe Traurigkeit. Die Kinder leiden an nervöser Unruhe, die Mutter klagt über Kopfschmerzen, nachts wacht sie schreiend auf. Die wollen nicht hier sein, die wollen zurück nach Syrien. Das sind Vertriebene.

Mit Vater Al-Sayed stehen wir noch auf der Straße. Er nennt den Reporter einen "lieben Freund". Rührung und Ratlosigkeit im Katastrophenjahr 2016. Ein Marktredwitzer Nachbar fährt vorbei, hupt und winkt.

Kommentare

97 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren