Rotraut "Er war der König des Blauen, und ich war seine Königin"

ZEITmagazin Nr. 1/2017
Als junge Frau sah sie Yves Kleins blaue Bilder und wusste: Das ist meine Zukunft. Die Künstlerin Rotraut über eine große Liebe, ihren Bruder Günther Uecker und ihre bunten Skulpturen. Ein Interview von

ZEITmagazin: Ich weiß gar nicht, wie ich Sie ansprechen soll: Frau Klein? Frau Moquay? Oder einfach nur Rotraut?

Rotraut: Auf dem Papier heiße ich Rotraut Klein-Moquay. Aber ich nenne mich nur Rotraut.

ZEITmagazin: Wieso haben Sie sich entschieden, auf die Nachnamen zu verzichten?

Rotraut: Ich fand meinen Vornamen immer schon sehr schön. Mein Mädchenname ist Uecker, aber da mein Bruder Günther ja auch Künstler ist, älter als ich und viel bekannter, finde ich, der Name gehört ihm. Klein ist der Name meines ersten Mannes Yves, und da ist es genauso. Ich wollte als Künstlerin einen Namen haben, der nur mir gehört. Daher verzichte ich auch auf den Namen Moquay, der Name meines jetzigen Mannes, und überlasse ihn meinen Kindern.

ZEITmagazin: Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie zum ersten Mal den Namen Yves Klein gehört haben?

Rotraut: Das war 1957 in Düsseldorf. Ich ging durch die Straßen und sah im Fenster der Galerie Schmela eines der blauen Monochrome von Yves.

ZEITmagazin: Mit diesen Bildern wurde er damals berühmt: Leinwände, die komplett mit einem tiefen Ultramarinblau bemalt sind.

Rotraut: Dieses Blau hatte eine Sogwirkung, ich vertiefte mich richtig in die Farbe. Das Bild löste ein starkes Gefühl in mir aus, so als ob es mir sagen würde, was meine Zukunft ist. Und so war es ja auch.

ZEITmagazin: Sie waren damals 18 Jahre alt und gerade aus Mecklenburg nach Düsseldorf gekommen. Aufgewachsen sind Sie auf der Ostseehalbinsel Wustrow.

Rotraut: Unser Grundstück lag direkt an der Steilküste. Wir haben immer den Horizont gesehen, die Sonne ging über dem Salzhaff auf und im Meer unter, nachts blickten wir in den riesigen Sternenhimmel über uns. Jetzt lebe ich ja den Winter über in Arizona, dort gibt es eine ähnliche Weite, die ich sehr liebe.

ZEITmagazin: Sie sind das jüngste von drei Geschwistern, 1938 geboren. Können Sie sich noch an den Krieg erinnern?

Rotraut: Ja, an die Bombenangriffe, wir waren oft im Bunker. Mein Vater wurde sehr spät eingezogen. Als die Russen kamen, war mein Bruder Günther mit gerade mal 15 Jahren der einzige Mann in unserem Haus. Um meine Mutter, meine Schwester und mich zu schützen, nagelte er Holzplatten vor die Türen und Fenster.

ZEITmagazin: Zehn Jahre später schlug Ihr Bruder Nägel in Leinwände: Seine ersten reliefartigen Nagelbilder entstanden, mit denen er zu einem der bekanntesten deutschen Künstler wurde.

Rotraut: Ich glaube, dass er dieses Erlebnis so verarbeitet hat. Für ihn war die Kriegszeit viel prägender als für mich. Im Mai 1945 sank in der Lübecker Bucht ein Schiff ...

ZEITmagazin: Die "Cap Arcona", an deren Bord fast 5.000 KZ-Häftlinge waren, wurde für einen Truppentransporter gehalten und von britischen Bombern versenkt.

Rotraut: Hunderte Leichen wurden am Strand angeschwemmt, mein Bruder und zwei andere Jungs mussten sie verscharren. Es hat ihn verfolgt, dass diese Menschen kein Begräbnis bekommen haben. Im vergangenen Sommer hat er in Schwerin in einer Ausstellung Leinwände gezeigt, die er an dem Strand bemalt hat, für jeden Toten, den er verscharren musste, eine. Das hat mich sehr berührt.

ZEITmagazin: Wie war es, als Ihr Vater aus dem Krieg heimkehrte?

Rotraut: Als er aus der russischen Gefangenschaft zurückkam, war er erschreckend dünn. Er hatte kein Fleisch mehr unter seinen Füßen, sie waren ganz blutig. Wir haben noch mal ganz von vorn angefangen. Mein Vater hat das Grundstück am Meer gepachtet, dort haben wir alle zusammen unser Haus gebaut und eine Landwirtschaft aufgezogen. Das war viel Arbeit, ich konnte nur jeden zweiten Tag in die Schule gehen.

ZEITmagazin: Welche Tage waren Ihnen lieber: die in der Schule oder die auf dem Hof?

Rotraut: Die auf dem Hof. Wir mussten sieben Kilometer zu Fuß zur Schule laufen, und wir hatten nur Schuhe aus einem Plastik-Lederersatz, im Winter waren meine Füße blau gefroren. Eigentlich wollte ich gern lernen, wie alle Kinder. Aber sobald ich in der Schule den Bleistift automatisch in die linke Hand nahm, hat die Lehrerin mit einem Stock auf meine Hand geschlagen. Ohne mir zu erklären, warum. Ich habe gedacht, sie mag mich wohl nicht, und mich innerlich zurückgezogen. Die ersten vier Jahre in der Schule habe ich fast gar nichts gelernt, ich konnte weder lesen noch schreiben. Auf dem Hof zu arbeiten, mit den Tieren, machte mir dagegen Freude.

ZEITmagazin: 1949 mussten Sie den Hof aufgeben, weil Wustrow von den Russen zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde.

Rotraut: Wir zogen zu meinen Großeltern nach Groß Schwansee, an die innerdeutsche Grenze. Das Land, das wir bekamen, war voller Steine. Wir haben sie am Rand des Ackers in kleinen Häufchen gesammelt, aber jedes Mal, wenn wir gepflügt hatten, kamen wieder neue hoch. Kennen Sie den Künstler Andy Goldsworthy? Er macht Land-Art, arbeitet nur mit Naturmaterialien. Er war bei uns in Phoenix zu Besuch, und wir haben von ihm eine Steinskulptur erworben, eine Art Pyramide, die mich an die Steinhaufen meiner Kindheit erinnert. Für mich war die Arbeit auf dem Feld eine tolle Schule.

ZEITmagazin: Warum?

Rotraut: Ich konnte dem Leben zusehen. Mein Vater sagte mir: Schau, aus diesem Samen wird ein Baum. Das hat mich begeistert. Meine Schwester war häuslicher, Günther studierte schon in Wismar, also war ich mit meinem Vater draußen. Ich arbeitete bis spätnachts auf dem Hof. Mich faszinierte das Wunder des Lebens, die Größe der Natur. Ich war mit ihr körperlich verbunden, ich spürte die Uhrzeit und das Wetter. Wenn ich morgens begann, Rüben zu verziehen, legte ich einen Stein an die Stelle, wo ich abends angekommen sein würde, das fühlte ich genau. Die Arbeit mit meinem Vater war wie eine Vorbereitung auf die Zeit, in der ich mit Yves lebte und arbeitete. Zum Beispiel, wenn ich meinem Vater dabei half, die Sense zu schärfen. Ich hielt die Sense fest, während sie auf dem Stein lag, und er klopfte mit dem Hammer auf die Schneide. Das war Millimeterarbeit, ich fand das meditativ, obwohl es anstrengend war und lange dauerte. Wir redeten dabei nicht, und das habe ich auch mit Yves erlebt: Wir brauchten nicht zu sprechen, um zu harmonieren.

ZEITmagazin: 1955, mit 17 Jahren, sind Sie Ihrem Bruder in den Westen gefolgt. Warum?

Rotraut: Günther hat die DDR 1953 verlassen und studierte Kunst in Düsseldorf. Ich wollte auch Malerei studieren, aber um studieren zu dürfen, hätte ich erst drei Jahre lang eine Lehre machen und Häuser anstreichen müssen. Da hat Günther mich überredet, mit ihm zu gehen.

ZEITmagazin: Er hatte sich aus dem Westen wieder in die DDR gewagt, nur um Sie zu holen.

Rotraut: In der Nacht vor dem Aufbruch hatte ich einen Albtraum. Ich muss im wahrsten Sinne des Wortes die Wand hochgegangen sein, meine Haut war aufgeschürft.

ZEITmagazin: Sie wussten, Sie würden Ihre Eltern lange nicht mehr wiedersehen.

Rotraut: Ja. Mein Vater hat versucht, mich zurückzuhalten, er versprach mir sogar ein Akkordeon, denn er wusste, dass er die Landwirtschaft allein nicht würde halten können. Er hat sie dann auch verloren. Erst zehn Jahre später, als ich schon Französin war, konnte ich rüberfahren. Meine Eltern sind dann als Rentner in den Westen übergesiedelt.

ZEITmagazin: Ihre Beziehung zu Ihrem Bruder war damals sehr eng. Ist sie es immer noch?

Rotraut: Ja, wir telefonieren oft. Im Mai waren wir zusammen im Iran, weil Günther dort eine Ausstellung hatte. Wir sehen uns, wann immer es geht.

ZEITmagazin: Ihr Bruder nahm Sie mit nach Düsseldorf. Wollten Sie auch an der Kunstakademie studieren, wie er?

Rotraut: Eigentlich schon. Aber ich hatte ja keine Schulbildung. Es war nicht gut weitergegangen mit mir und der Schule. In der neuen Schule in Schwansee war ich gehänselt worden, weil ich nicht richtig lesen und schreiben konnte. Ich habe mich geschämt. Ich konnte das Einmaleins, aber in der Schule konnte ich es nicht wiedergeben. Es war, als würde mein Gehirn nicht durchblutet, wenn ich nach vorn musste, ich habe es am Ende gehasst, das Aufsagen. Ich lese bis heute sehr langsam, und das Schreiben fällt mir schwer.

ZEITmagazin: Haben Sie trotzdem in Düsseldorf künstlerisch gearbeitet?

Rotraut: Ich arbeitete als Haushaltshilfe und in einer Fabrik, und nebenher versuchte ich mich an Holzschnitten. Dabei bin ich einmal mit dem Messer abgerutscht, ich habe mir tief in die Hand geschnitten, alles war voller Blut, und da habe ich gedacht: Warum muss ich in das Holz reinschneiden, um ein Relief zu bekommen – ich kann ja auch auf einen Untergrund etwas auftragen, damit Tiefe entsteht. So habe ich dann angefangen, mit einer Mischung aus Mehl und Wasser zu experimentieren, die ich auf die Leinwand oder Holz auftrug, um eine räumliche Struktur zu erzeugen. Das war eine glückliche Zeit, weil ich merkte: Das ist es, was ich mein Leben lang machen möchte. Endlich konnte ich mich ausdrücken. Mit Worten fiel mir das schwer, ich war menschenscheu, fühlte mich mit Tieren wohler. Und das Schreiben ging ja auch nicht gut.

ZEITmagazin: Yves Kleins blaue Monochrome wurden damals nicht von allen sofort ernst genommen. Haben Sie die Bilder, als Sie sie sahen, gleich als Kunst empfunden?

Rotraut: Ja. Mein Bruder machte damals auch monochrome Arbeiten, und die Immaterialität, die das Bild ausstrahlte, war mir vertraut. Wenn zu Hause die Felder blühten und die Pollen im Sonnenlicht durch die Luft flirrten, dann spürte ich etwas Ähnliches: dass es hinter dem Sichtbaren noch etwas anderes gibt. Ein fast göttliches Gefühl. Auf dem Feld hatte ich übrigens als junges Mädchen ein Erlebnis, das ich heute mit Yves verbinde: An einem Sommertag schaute ich in den tiefblauen Himmel und dachte, alle Menschen finden jemanden, den sie lieben, und irgendwo in dieser unendlichen Weite des Himmels ist wohl auch der für mich.

ZEITmagazin: Yves Klein hat mit 18 Jahren den blauen Himmel über Nizza zu seinem ersten blauen Monochrom erklärt und gesagt, er habe ihn signiert.

Rotraut: Schön, nicht? Später, nach seinem Tod, habe ich mich an den Tag auf dem Feld erinnert und gedacht: Damals war er weit weg, jetzt ist er es wieder, aber wir sind verbunden. Als würde er den Himmel noch mal signieren, nur von der anderen Seite.

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