Männer! Die Tränen des Barack Obama

© The Asahi Shimbun/Getty Images
DIE ZEIT Nr. 2/2017

Neulich wollte ich ein wenig singen. Weil das am besten geht, wenn jemand unerschrocken mitschmettert, habe ich Aretha Franklin gegoogelt. Was poppt auf? Aretha brings President Obama to tears.

Aretha sieht in diesem Video aus, als hätten die Härten des Lebens sie weichgeschleudert. Über der schwellenden Masse, die Aretha jetzt ist, spannt sich ein Glitzerkleid, man kann den Brustansatz sehen, der sich breit wie der Mississippi in den tiefen Ausschnitt stürzt. Kaum steigen die ersten Töne auf (simultanes Aufstöhnen des Publikums), da schwenkt die Kamera zu den Obamas, die in einer Loge sitzen. Und Barack macht seine kleine, seine Tränenabwisch-Bewegung. Die schmale Hand kommt hoch – flinke Drehung um die Achse des Zeigefingers, und: Wusch. Wieder, Hand hoch, Drehung, tupf und wisch. Links, rechts. Obama weinend.

Manchmal frage ich mich in diesen Tagen, wie es ihm geht, ich nenne ihn innerlich dann Barack. Hält er durch? Wütet er, weint er mal? Was muss eigentlich passieren, das den noch amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten zu Tränen rührt? War es Arethas "Looking out on the morning rain, I used to feel so uninspired"? Nein. Es war die Zeile: "And when I knew I had to face another day / Lord, it made me feel so tired ..." Noch so ein Tag! Gott! Da weinte Obama, es war übrigens noch lange vor Trump, ein Jahr vor Trump.

Es gibt ein Video, das achtmal präsidiales Weinen zeigt. Man sieht Obama, wie er am Sarg von Beau Biden weint. Beau? Das war einer der vielversprechendsten jungen Politiker Amerikas, Sohn von Joe, Obamas Vize, einer, an den Obama vielleicht gerne den Stab weitergegeben hätte. Aber tot. Beau Biden habe Würde und Integrität gehabt, sagte Obama: "Und das ist nichts, was man sich kaufen kann!"

Obama weinte, als er Eric Holder verabschiedete, einen aus der Liga "erster Schwarzer", in der ja auch Obama spielt. Holder war der erste schwarze Generalbundesanwalt Amerikas. Einen Mann in einer Position von Macht zu haben, der für das Richtige kämpfe, das sei verdammt selten, sagte Obama, er sagte verdammt nur so im Ton, während er sich die Tränen abwischte. Der Einsatz für das Gute und Richtige sei "etwas, was unsere Zukunft in einer Weise formt, die wir vielleicht noch gar nicht verstehen". Obama weinte am Sarg der Menschenrechtsaktivistin Dorothy Height, die eine der schwarzen Lichtgestalten im Kampf gegen den Rassismus war und mit 98 Jahren starb. Obama weinte einmal, als er in seiner Wahlkampagne 2008 von seiner Oma sprach, als er erzählte, wie sie sich für die Familie den Arsch aufgerissen hatte, während die Weltwirtschaftskrise durchs Land zog; er weinte, als er 2012 über all die Putzfrauen und Köche und die kleinen Angestellten sprach, die abends kaputt nach Hause kommen und jemanden brauchen, der sich für sie einsetzt, einen Champion. Vielleicht, sagte Obama, brauche auch der Präsident einen Champion, der für ihn einsteht, wenn es mal eng wird.

Nach jedem Massaker in einer Schule oder einem Shoppingcenter wurde es eng. Obama nahm dann Rekurs auf die Bibel, etwa "Heal the brokenhearted and bind up their wounds", aber seine Stimme blieb dabei flach, die Sätze waren kurz, die Miene starr, während er sprach und sich, wieder und wieder, die Tränen abwischte. Auf gewisse Weise hat Obama das Weinen für Männer neu erfunden – als eines, das die Standhaftigkeit eines Mannes zeigt, bei dem, was ihm wichtig ist.

Es hat zuletzt im politischen Leben Amerikas und sonst wo nicht an Emotionen gefehlt. Es wurde gedröhnt und geschrien, aus Leidenschaft oder für die Glotze. Die alte Gender-Idee, dass der Mann rational ist und Hysterie weiblich, ist ja schon lange ausgesetzt. Wie also wird Obama Abschied nehmen, vom Weißen Haus, von seinen Träumen? Nun, nach der Wahl stand er am nächsten Morgen im Garten und scherzte. Er habe versprochen, die Sonne werde aufgehen wie immer – et voilà!

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