© Armin Smailovic

Nuba-Rebellen Das Gift des Krieges

ZEITmagazin Nr. 2/2017
In den Bergen des Sudans kämpfen die Nuba für ihre Freiheit: Gegen die Soldaten des Regimes, gegen den Hunger – und gegen einen seltsamen Rauch, der die Menschen verletzt. Auf der Suche nach einer unheimlichen Waffe. Von

Die Erde, die im Sudan mit harten Axtschlägen aus dem Boden gebrochen wurde, unter einer glühenden Sonne, in einer Hitze, die Sand fast so fest wie Stein werden lässt, Erde, rot wie Rost, von der man nicht weiß, ob sie Leben spendet oder Leben nimmt, liegt in vier Probengläschen im Kofferraum des Audi A3 mit Münchner Kennzeichen.

Es ist Mitte Dezember, ein früher Morgen, und Nebel zieht in Schwaden über die leere Landstraße. Sie führt über viele Kilometer in unbewohntes Gebiet. Eine abgelegene Region in Deutschland. Laubwälder wechseln mit Wiesen, bis die Straße an einer Schranke endet. Zwei Uniformierte hinter Panzerglas sehen aus der Werkstor-Wache auf mich. Mein Besuch ist angekündigt.

"Was Sie tun, steht unter Strafe", sagte der Leiter des Labors am Vorabend am Telefon. Ich hatte bei ihm angefragt, ob er die Erde aus dem Sudan untersuchen könne. "Sie dürften gesetzlich noch nicht einmal im Besitz dieser Proben sein." Im Prinzip ist alles, was mit der Erde im Kofferraum zu tun hat, die ich durch Deutschland fahre, ungesetzlich. Das Werkstor öffnet sich. Ein Chemiker mit schwarzen Stulpenhandschuhen tritt heraus und übernimmt die vier Proben. Er trägt sie in ein Hochsicherheitslabor, eines von wenigen in Europa, die auf die Analyse von Sarin spezialisiert sind, von S-Lost, von Lewisit und Agent 15. Den gefährlichsten Stoffen, die Menschen jemals entwickelt haben.

An diesem Tag endet eine zweimonatige Recherche. Nur zehn Gramm von jeder Erdprobe entnimmt der Chemiker, der nicht mit Namen genannt werden will und der einem Labor vorsteht, das ebenfalls nicht genannt werden will. Er füllt sie in vier Erlenmeyerkolben. Jede Probe erhält eine Nummer. 80965. 80966. 80967. 80968. Vorsichtig tröpfelt er mit einer Pipette eine farblose Flüssigkeit darauf, Dichlormethan, ein Lösungsmittel. Die erste Stufe eines Prozesses, der Stunden dauern wird.

"Jetzt schauen wir", sagt er, über die Glaskolben gebeugt, "was Sie uns mitgebracht haben."

Die Ordnung der Welt sortiert sich in diesen Tagen neu. Reihenweise kollabieren Staaten. Einige, wie der Jemen, werden verschlungen, andere, wie der Südsudan, werden geboren. Ganze Regionen sind im Umsturz. Die Ursachen der Konflikte sind verschieden, aber sie alle haben eines gemein: Sie werden brutaler. Die Kriege unserer Zeit kennen keine Kriegserklärung und keine Regeln. Letzte Reste des Anstands, wie die Genfer Konvention, die die Folter verbietet und die Erschießung von Gefangenen, drohen bedeutungslos zu werden. Die UN, die Hoffnung von einst, sind machtloser denn je. Eine neue Erbarmungslosigkeit ist über die Welt gekommen, und sie bringt viele alte Schrecken hervor.

Der Zerfallsprozess des Sudans, einst der größte Staat Afrikas, setzt sich immer weiter fort. Das Land riss an der Sollbruchstelle auf, die vom Atlantik bis zum Roten Meer die ganze Sahelzone durchzieht: der Siedlungsgrenze zwischen arabischen und schwarzafrikanischen Stämmen. Nach einem blutigen Bürgerkrieg löste sich 2005 der Südsudan vom Norden. Doch verblieben im Restsudan drei kleine Regionen, die zuvor mit dem Süden um ihre Selbstständigkeit gekämpft hatten. Der Darfur im Westen, der Blue Nile im Osten und die Region der Nuba im Süden. Sie kämpfen darum, nicht von der arabischen Bevölkerungsmehrheit islamisiert zu werden. Sie wollen gleiche Rechte, streiten um größere Anteile an den Staatseinnahmen, sie kämpfen für Schulen, in denen ihre Kinder in ihren Muttersprachen unterrichtet werden. Hunderttausende sind an den direkten und indirekten Folgen der Gewalt gestorben.

In einem Bericht vom September 2016 klagt Amnesty International die sudanesische Regierung an, im Kampf gegen Rebellen Chemiewaffen einzusetzen. Amnesty dokumentierte 30 Angriffe und 250 Tote in der Provinz Darfur. Die Experten der Organisation, die ihre Interviews mit den Opfern ausschließlich über Skype geführt haben, gehen davon aus, dass ihre Dokumentation nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Fälle wiedergibt. Es sei anzunehmen, dass dabei Hautkampfstoffe verwendet würden: Gase, die erst Juckreiz auslösen und später die Haut aufreißen lassen. Sie töteten im Ersten Weltkrieg über 90.000 Menschen und verwundeten 1,3 Millionen. Giftgase haben eine apokalyptische Kraft. Es gibt Stoffe, von denen ein Nanoliter reicht, um Millionen zu töten.

Analyse von 80965. Entnahmezeitpunkt: 20. November 2016. Entnahmeort: Sudan, die Westfront der SPLA, Nuba-Berge, im Süden des Landes, das Dorf Ingorum.

Das Beil schlägt in den staubigen Grund des Granattrichters. "Wie tief?", fragt der Mann, der gräbt, eng umringt von einem Dutzend Männern. "Etwas tiefer noch", sagt Mustafa Tutu Turkash, doch er wirkt unschlüssig. Tutu, 45, jungenhaft, von einem sonst unverwüstlichen Frohsinn, trägt als Einziger der Gruppe keine Uniform. Er ist der Gesundheitsminister des kleinen Staates, den die Rebellen seit Jahren in den Nuba-Bergen gegen die sudanesische Regierung behaupten. Tutu sieht unter sich nur staubigen Boden. "Das war keine normale Granate", sagt einer der Kämpfer, der uns an diesen Ort geführt hat. "Ihr Rauch war gelb, und meine Haut begann sofort zu jucken." Die Front ist nur wenige Kilometer entfernt, und seit Kurzem sehen sich die Nuba einer Munition ausgesetzt, die ihnen bislang unbekannt war.

Vor uns liegt eine weite Ebene, Buschland bis zum Horizont. Schwarzer Rauch steigt von dort auf. Es heißt, Regierungstruppen brennen die Vegetation ab, um einen Angriff vorzubereiten. Hinter uns ist das Gebirge, der letzte große Wall, der die fruchtbaren Zonen von der Sahara trennt. Die Hänge sind karg und bedeckt mit vertrocknetem Gras, aus dem gewaltige Felsen ragen. In ihrem Schutz kämpft die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) für eine größere Unabhängigkeit des Nuba-Volkes. Seit den achtziger Jahren tobt dieser Krieg zwischen dem afrikanischen Volk und der arabisch dominierten Regierung in Khartum, zwischen denen, die einst Sklaven, und denen, die ihre Besitzer waren.

Selten sah es in diesem Kampf für die Nuba so hoffnungslos aus wie in den vergangenen Monaten.

Tutu, der Rebellenminister, betrachtet skeptisch die locker geschlagenen Erdklumpen. "Wie viel brauchen die davon?", fragt er, in die Hocke gegangen, und blickt zu mir. Vor der Abfahrt aus Deutschland haben wir uns von Chemiewaffen-Spezialisten beraten lassen. Keine Waffe ist schwerer nachzuweisen: Am meisten Beweiskraft haben Blut- oder Urinproben von Verletzten, doch müssen die binnen 48 Stunden untersucht werden. Eine unmögliche Bedingung in den Nuba-Bergen, wo es kaum Straßen gibt, keinen Strom, kein Telefonnetz und nur zwei Ärzte. Also Bodenproben, raten die Experten. Zwar nur die zweitbeste Option, sagen sie. Aber eine Chance.

Die Zeit drängt, weil der Beschuss bald wieder einsetzen kann. Tutu hat uns aus Kauda, der Hauptstadt des Nuba-Gebiets, mit seinem Jeep bis an diesen vordersten Frontposten gefahren. Weil es heißt, hier hätten sie vom Regime eine Waffe erbeutet, die eine bislang unbekannte Munition verschieße. Bei der Anfahrt hat die Staubfahne, die Tutus Jeep hinter sich herzog, unsere Anwesenheit verraten. Selten verirrt sich hierhin ein Wagen, meist antworten die Regimetruppen mit Mörserfeuer. Schwarz verkohltes Buschland markiert die Front. Im Schatten von drei Lehmhütten kauern Nuba-Kämpfer in zerschlissenen Uniformen. Ihre vorderste Operationsbasis. Ascheflocken schweben durch die Luft.

Die Information, dass hier die rätselhafte Waffe gelagert werde, erweist sich rasch als falsch. Zum ersten Mal aber hören wir hier ihren Namen. Al-kalb al-ameriky heißt sie bei denen, die Arabisch sprechen. Viele Nuba aber sagen einfach nur auf Englisch: the American Dog.

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