Nuba-Rebellen Das Gift des Krieges

Die neue Munition, die mit ihr abgefeuert werde, habe seltsame Nebenwirkungen. Viele Kämpfer an diesem Frontposten erzählen davon. Von dem Jucken, das im Gesicht anfange und sich dann auf den ganzen Körper ausbreite. Von einem Reiz, so stark, dass man sich die Haut immer wieder aufkratzt, weil das Jucken über viele Tage nicht nachlässt. Sie erzählen von einem schweren Husten und dem Gefühl, fast zu ersticken. Dem Durchfall und dem Erbrechen, die einen befallen, sobald man mit dem Qualm in Kontakt kommt. Viele, die zu lange mit ihm in Berührung gekommen seien, wird uns erzählt, sterben.

Ein Geschütz? Ein Raketenwerfer? Aus der Zeichnung, die ein Kommandant für Tutu in den Sand vor den Hütten ritzt, werden wir nicht schlau. Wir fragen uns auf dieser Reise fortwährend: Gibt es diese rätselhafte Waffe überhaupt? Werden in den Nuba-Bergen von den UN geächtete chemische Kampfstoffe eingesetzt? Oder ist dieser Vorwurf womöglich nur Teil der Propaganda der Rebellen? Was passiert in dieser Region, die zu den isoliertesten der Welt gehört und die wir erst nach sechs Tagen Anreise erreichten?

Die Antwort auf diese Frage hat Konsequenzen über die Nuba-Berge hinaus. Das Regime in Khartum ist für Europa mittlerweile zu einem wichtigen Bündnispartner geworden. Jahrzehntelang hat der Westen das Land geächtet. Sudans Machthaber Omar al-Baschir wird wegen Völkermord vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht. Er persönlich soll den Befehl für Massenmorde, systematische Vergewaltigungen und Deportationen gegeben haben. Doch die Prioritäten Europas haben sich gewandelt. Den Sudan durchqueren viele Flüchtlinge, die später in Libyen und Ägypten mit Schleuserbooten übers Mittelmeer setzen. Sie will man stoppen. Für die nächsten Jahre wird die EU dem Sudan knapp 200 Millionen Euro zahlen, damit der seine Grenzen sichert. Es ist nicht transparent, wer im Sudan die Gelder bekommt. Besonders Deutschland müht sich um bessere Beziehungen. Die Flüchtlingskrise im eigenen Land hat Vorrang vor den Kriegsverbrechen im Sudan. Keine andere Diktatur wird von der deutschen Außenpolitik derart vorbehaltlos unterstützt wie die des Omar al-Baschir.

Für das Auswärtige Amt in Berlin sind die Vorwürfe von Amnesty International schlicht "nicht plausibel". Es gebe derzeit keine Anhaltspunkte, dass der Sudan Giftgas einsetze. Man werde das weiter prüfen.

Eine wandfüllende Karte hängt in Tutus Büro. Er steht am nächsten Morgen vor ihr, nach achtstündiger Fahrt von der Front. Er residiert mit seinem Ministerium in Kauda, der Hauptstadt der Rebellen. Eine lang gezogene Siedlung aus wenigen Hundert Häusern und Hütten. "Ich bekomme seit einem Jahr Berichte über Verletzungen, deren Ursache unklar ist." Die Karte in seinem Büro ist gesprenkelt von kleinen schwarzen Punkten. Jeder von ihnen symbolisiert eine "Klinik", die von ihm geleitet wird. Viele von ihnen meldeten ihm neuartige Hauterkrankungen. Er habe diesen Berichten anfangs nicht viel Bedeutung beigemessen. Doch in diesem Jahr seien die Zahlen rapide gestiegen. Er schaut in die Datenbank seines Laptops: 13.887 Fälle von unerklärbaren Hautkrankheiten, registriert von Januar bis September 2016. Haut, die sich schält, Haut, die extrem juckt, Haut, die sich rötet und aufplatzt. Die meisten dieser Berichte kämen aus Gegenden in Frontnähe. "Ich bin mir nicht sicher", sagt Tutu, "doch ich glaube, das hat etwas mit dieser neuen Munition zu tun."

"Es gibt Indizien dafür, dass die Regierung damit begonnen hat, Chemiewaffen einzusetzen", sagt Johannes Plate, wenige Kilometer von Tutus Ministerium entfernt. Der Deutsche leitet seit drei Jahren das Krankenhaus der Hilfsorganisation Cap Anamur in Kauda. Von dort aus werden jeden Monat 20.000 Menschen von 70 Mitarbeitern behandelt. Wie Tutu hat Plate in den vergangenen Monaten Hautverletzungen gesehen, die er sich nicht erklären kann. Aber auch er sei sich nicht sicher, sagt Plate. Auch er ist kein Chemiewaffen-Experte. Er ist Krankenpfleger.

Analyse von 80966. Entnahmezeitpunkt: 26. November 2016. Erde mit Metallsplittern vermischt. Entnahmeort: Westfront der Nuba-Berge, das Dorf Imsirdiba.

"Halt!", brüllt ein Mann aus der Ferne, als er uns aufsteigen sieht, den steilen Pfad durch die Felsen hinauf, dorthin, wohin sich die Familien mit den Alten und den Kindern gerettet haben. "Ihr da!", schreit er. Unsere Kolonne besteht aus zwei Dutzend Menschen, wir, die Reporter und Übersetzer, Plate hat sich mit Medikamenten angeschlossen, Tutus Vertreter und lokale Rebellenfunktionäre. Unser Ziel ist das Gipfelplateau des Berges Donu, 700 Meter über uns. Dort leben 3.000 Menschen, die Einwohner des Dorfes Imsirdiba, das nach den neuesten Vorstößen der Regierungstruppen in der Reichweite ihrer Artillerie liegt. Unsere Begleiter ignorieren den Mann, der schreiend hinter uns herläuft, eine Axt trägt, offensichtlich betrunken ist. Er holt auf, steht plötzlich direkt vor mir, holt aus und wird niedergerissen von zwei unserer Begleiter. Die Axt zwingen sie ihm aus der Hand. "Das ist William", sagt einer aus dem Dorf entschuldigend. Als Junge sei er sehr sanft gewesen, bis er sich den Rebellen als Kämpfer angeschlossen habe. Der Krieg habe einen gebrochenen Mann aus ihm gemacht.

William wird uns den ganzen Aufstieg begleiten, mit Abstand zu unserem Tross, mit einem mächtigen Ast über seinen Schultern, den er trägt wie Jesus sein Kreuz.

Im letzten Tageslicht erreichen wir den Gipfel des Bergmassivs, wo Dutzende Feuerstellen zwischen den Felsen glimmen, uns Hunderte Menschen erwarten. Kinder stehen auf den Felsen, in großen Trauben, in Lumpen gekleidet, bedeckt von Krusten aus Dreck, sehen auf uns, voller Neugierde, voller Furcht, die ersten Fremden, die sie hier oben besuchen. "Seid ihr durstig?", fragt der Omda, der Vorstehende des Ältestenrats, und bietet uns Wasser an. Auch eine Abordnung der Frauen heißt uns willkommen. Ihr Dorf, aus dem sie fliehen mussten, befindet sich in der Talebene auf der anderen Seite des Berges. Dort haben im Frühjahr die Truppen des Regimes die Nuba um viele Kilometer fast bis an den Fuß des Gebirges zurückgedrängt.

80.000 Soldaten, so viele wie noch nie, heißt es, hat die sudanesische Armee im letzten Feldzug gegen die SPLA zusammengezogen. Ihnen stehen schätzungsweise 20.000 Kämpfer der SPLA gegenüber. Der Krieg wird im Wechsel der Jahreszeiten geführt. In der Trockenzeit rückt die Armee vor, in der Regenzeit nimmt die SPLA ihnen die Eroberungen wieder ab. Die Soldaten hatten schon immer die bessere Ausrüstung und mehr Munition, aber die Nuba kannten ihre Berge und besaßen größeren Kampfgeist. Doch in den vergangenen Monaten war es anders. Mehrfach griffen die Nuba die Lager der Regierung an, stets scheiterten sie. Jetzt, zu Beginn der Trockenzeit, auf ein schmales Territorium reduziert, warten sie auf den nächsten Schlag des Gegners.

In der Nacht, die über den Berg hereinbricht, rücken die Frauen nah an ihre Feuer. Die Herdstellen sind die einzigen Lichter in der Dunkelheit. Nur wenige hier haben Taschenlampen. Ab und an lösen sich Funken aus der Glut, in Massen oder einzeln, und steigen auf, in einen Himmel, in dem sich das prachtvolle Leuchten der Milchstraße öffnet. Wir planen, am nächsten Morgen zur Front abzusteigen, und sitzen vor der Hütte von Mohamed Tambul, einem der Ältesten. "Was sind diese Lichtpunkte, die am Himmel ganz gerade Bahnen ziehen?", fragt er mich. Er, der früher Soldat war und jetzt Bauer ist, weiß alles über die Sterne, ihre Bedeutung für die Ernte und die Fruchtbarkeit. "Satelliten", sage ich und versuche ihm dieses Wort zu erklären. Er schüttelt den Kopf. Es gibt so viele Dinge, die ihm in letzter Zeit Angst machen. "Wir wissen nicht, was mit uns passiert."

Mohamed erzählt. In der Dunkelheit höre ich nur seine raue Stimme. Er erzählt von der Flucht im April. Wie er seine greise Mutter, die kaum mehr laufen kann, auf seinen Rücken band. Selbst schon 65 Jahre alt, trug er sie den ganzen Weg hierher, den Berg hinauf, auf den schon seine Vorfahren vor den arabischen Sklavenjägern geflohen waren. In vier Lehmhütten wohnt er mit seiner Familie. Jeweils eine Hütte für seine beiden Frauen. "Ich liebe beide", sagt er, und mit leiserer Stimme: "Aber sie sind furchtbar eifersüchtig aufeinander." Eine Hütte baute er den Kindern, eine vierte seiner Schwester, die sie mit seiner Mutter bewohnt. Hinter den Hütten, in der Felswand, wenige Meter entfernt, sind große Höhlen. Im Krieg ihre einzige Sicherheit.

Von der rätselhaften Waffe hat auch Mohamed gehört. Fehlgeburten plagen die Flüchtlinge auf dem Berg. So viele gab es, seit sie hierher geflohen sind, sagt er. Auch die Kühe würden nur noch wenige gesunde Kälber werfen. Genauso wie die Ziegen. "Einige von uns glauben, es hat etwas mit der neuen Munition zu tun."

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