Nuba-Rebellen Das Gift des Krieges

Johannes Plate, der deutsche Krankenpfleger, beginnt am nächsten Morgen, Patienten zu behandeln. Hunderte drängen sich im Staub vor ihm. Noch nie hatten sie hier einen Mediziner. Fast alle Kinder, sieht er rasch, sind unterernährt. Viele von ihnen werden die nächsten Monate nicht überleben.

Dieser Krieg, über den so gut wie nicht berichtet wird, weil er zu abgelegen ist, kennt viele Grausamkeiten. Die tödlichste ist der Hunger.

Das Leben der Menschen auf dem Berg hängt an einem schmalen Pfad. Ihn nehmen wir an diesem Morgen. Dhathai nennen sie ihn, die Straße des Wassers. Er führt an Mohameds Hütte vorbei, verläuft eine Weile über das Bergplateau, um dann steil über die Felsen hinabzuführen. Der Pfad ist der Weg zu der letzten Wasserstelle, die den Geflohenen geblieben ist. Fortwährend belaufen ihn die Frauen mit gelben Wasserkanistern auf dem Kopf, Tag und Nacht. Eine endlose Kette von Frauen. Der Weg ist auch der zur Front. Jeden Tag riskieren auf ihm die Frauen ihr Leben, um das Leben aller zu bewahren.

Ihr Schritt ist schnell, sie laufen uns voraus, ohne jemals haltzumachen, zwei Töchter Mohameds, Hamida, 21, geschieden, der Mann hat sie weggeschickt und eine Neue genommen, und Naima, 16, oft schweigsam. Sie ist noch nie zur Schule gegangen. "Wenn wir die Mädchen zur Schule gehen lassen", hat am Tag zuvor Mohameds ältere Schwester gelästert, "werden sie mit 13 Jahren schwanger." Naima ist mittlerweile verheiratet, aber der Mann kann das Brautgeld nicht aufbringen, weswegen sie noch beim Vater wohnt. Auch sie hatte bereits eine Fehlgeburt, im Sommer.

In ihrer Mitte treiben sie einen Esel, behängt mit vier 50-Liter-Kanistern, acht Jahre alt, günstig erworben, sagt Mohamed. Vor zwei Monaten aber stürzte der Esel auf dem Pfad und verletzte sich an der Schulter. Seither bockt er häufig, bleibt abrupt stehen, oft an den gefährlichsten Stellen. Mit beiden Händen drückt ihn Naima voran, während Hamida nach vorne eilt. Sie will rasch wieder zurück, zu Hause muss sie ihren Einjährigen stillen. Am Vortag haben sie neun Stunden gebraucht, um Wasser zu holen. "Wir mussten lange an der Pumpe warten", klagt Hamida. Eine Weile hätten sie sich gestern beim Abstieg außerdem vor einem Helikopter verstecken müssen. Er habe aber nicht geschossen und sei nur zwischen den Armeecamps hin und her geflogen.

Steine rollen vor den Füßen der Frauen hinab, der Weg ist fast alpin, sie eilen mit Plastiksandalen den Berghang hinunter, sehen auf die weite Ebene, halten kurz, für uns. "Da ist die Armee. Legt euch hinter einen Felsen, wenn sie anfangen zu schießen." Hamida zeigt auf zwei Lichtungen im Buschland. Aus der Ferne sind weiße Wohncontainer zu erkennen, vielleicht vier Kilometer von hier. Der Pfad, auf dem wir gehen, ist für die Armee klar einsehbar. Drei Frauen sind in den vergangenen Wochen beim Wasserholen erschossen worden, aber meistens, sagt Naima, lässt die Armee sie gewähren.

Naima rutscht aus, fällt, bleibt in einen Dornbusch hängen. Hamida kehrt um, zieht Naimas Arm aus den langen Dornen. Sie eilen weiter. Es gibt viele Möglichkeiten, auf diesem Weg zu verunglücken.

Die Ebene, die wir in der Mittagshitze erreichen, ist ausgeglüht und von Staubfahnen durchzogen. Dort stoßen wir auf die ersten verlassenen Häuser. Die Reste ihres alten Dorfes. Viele Hütten sind zerstört, ihre Lehmmauern von Bränden zerplatzt. Der Pfad wird zu einer breiten sandigen Bahn. Große Rinderherden, die aus dem Busch kommen, schwenken auf ihn ein. Es werden mehr und mehr Tiere, mit jedem Kilometer, den wir uns dem Wasserloch nähern. Es ist der einzige Brunnen, der für die Nuba in der Gegend noch zugänglich ist. Junge Männer mit Kalaschnikows halten die Herden zusammen. Sie reiten auf Kamelen neben uns her. Wir bewegen uns im Strom der Kühe. Jeder Stamm züchtet den Tieren unterschiedlich geformte Hörner. In den Nuba-Herden haben die Hörner viele Formen. Die Nuba und die arabischen Baggara rauben sich hier in der Ebene gegenseitig ihre Herden. Die Diebe beider Seiten treten einen Teil ihrer Beute an ihre jeweilige Armee ab. Die Nuba an die SPLA, die Baggara an das sudanesische Militär.

Das Wasser, zu dem alle drängen, Tiere wie Menschen, Wespen in Schwärmen, ist kühl und kristallklar. Schub für Schub drücken es die Frauen an der Pumpe lachend in ihre Kanister. Die anderen warten in einer langen Schlange, hocken sich auf ihr Gepäck. Manchmal bricht Streit aus, die Frauen rangeln, drücken einander weg.

"Seid vorsichtig!", schreit einer der Kuhwächter Naima an, als sie endlich an der Reihe ist. Vor einem Monat ist die Halterung der Pumpe angerissen. Sie wurde zu Friedenszeiten von einer westlichen Hilfsorganisation installiert, doch nun ist niemand mehr da, sie zu warten. "Mach langsam", sagt der Wächter wieder. Denn wenn die Halterung ganz bricht, blockiert das Bohrgestänge. Der Brunnen gäbe dann kein Wasser mehr. Eine einzige unbedachte Bewegung am Pumpenhebel würde alles Leben für die Menschen auf dem Berg beenden.

Die Bodenprobe, die wir nehmen, die zweite auf unserer Reise, stammt aus einem Granattrichter, nicht weit vom Brunnen entfernt. Vor drei Wochen, sagen die Kuhwächter, sei dort ein Geschoss explodiert. Der Rauch sei gelb gewesen, und alle, die am Brunnen waren, hätten schwarzen Durchfall bekommen und sich übergeben müssen.

Als wir zwei Tage später den Berg verlassen und uns, erneut in einem langen Tross, auf den Rückweg begeben, hat Johannes Plate mehr als 250 Menschen behandelt. Die meisten Kinder haben Würmer, die ihre Bäuche aufblähen. Die Malaria grassiert. Viele Menschen, die er hier oben gesehen hat, sind sehr geschwächt. Er rechnet für die nächsten Monate mit dem Schlimmsten. Die Hirseernte sei so katastrophal gewesen wie nie in den vergangenen Jahren. Wir verabschieden uns von Mohamed und seinen Töchtern, die wir zurücklassen mit Vorräten für nur noch acht Wochen.

Tutu, der Gesundheitsminister, hat derweil nach uns suchen lassen. Freudestrahlend empfängt er uns nach unserer Rückkehr in seinem Büro. Er habe jetzt endlich die geheimnisvolle Waffe gefunden.

Also fahren wir abermals durch das Nuba-Gebiet, erneut von Kauda in den Süden, durch das zentrale Hochland, an Feldern vorbei, auf denen ein Großteil der Ernte verdorrt ist, durch Märkte, auf denen es nichts zu kaufen gibt. Die meisten Bauern und Händler halten in Erwartung der nahenden Hungersnot ihre Vorräte zurück.

Das Hauptquartier der SPLA, in das uns Tutu geschickt hat, besteht aus vier strohgedeckten Lehmhütten und einem Dutzend Offizieren, die nicht wissen, was sie mit uns anfangen sollen. Nach einigen Verhandlungen werden wir gebeten, auf Stühlen Platz zu nehmen. Sie glauben jetzt zu wissen, wofür wir gekommen sind. Jemand schließt eine der Hütten auf. Mehrere Kämpfer ziehen einen zwei Meter langen Behälter heraus, olivgrün, mit weißer Aufschrift, stellen ihn vor uns in den Sand. Vor einiger Zeit hätten sie dies von der Armee erbeutet. "Wir sind ziemlich sicher, dass es keine normale Waffe ist", sagt einer der Kommandeure. Als sie die Kiste aufklappen, sehen wir eine grüne Metallröhre mit schwarzen Gummiaufsätzen an beiden Enden. Eine chinesische Hongjian-8, auch "Roter Pfeil" genannt. Damit wird keine Chemie-Munition verschossen. Der "Rote Pfeil" feuert Raketen ab, die sich durch Panzerstahl bohren.

Unsere Zweifel wachsen. Ist die Geschichte von dieser unbekannten Waffe womöglich doch nur eine Mär?

Im Krankenhaus von Cap Anamur treffen bei Johannes Plate immer beunruhigendere Nachrichten ein. Er erzählt es seinem Team, einem deutschen Techniker und einer österreichischen Kinderärztin, am Küchentisch. "Ich glaube, wir sind die letzten Tage hier." Es gibt Meldungen über einen großen Militärkonvoi, der sich aus dem Norden den Nuba-Bergen nähert. 600 Fahrzeuge sollen es sein, und 13.000 Bewaffnete. Sudans Präsident Omar al-Baschir hat angekündigt, im nächsten Jahr das Ramadan-Gebet in der Moschee von Kauda zu sprechen. Der wichtigste Verbündete der SPLA, der Südsudan, zerfällt derweil im blutigen Bürgerkrieg. In seinem Chaos droht die letzte Versorgungslinie der Nuba zu versiegen. Die Luftangriffe haben wieder begonnen, sagt Plate der kleinen Runde. "Vor zwei Tagen bei Heiban." Zwei MiGs hätten eine Schule bombardiert und dabei sieben Kinder schwer verletzt. Auch das Krankenhaus wurde in den Vorjahren gezielt angegriffen. "Es geht also wieder los", seufzt der Techniker und verlässt eilig den Tisch, um vor jedem Gebäude neue Schutzgruben gegen Bombensplitter auszuheben.

Sandschleier aus der Sahara legen sich in den nächsten Tagen über die Berge, sie hüllen alles in ein bleiernes Grau.

Der verdeckte Himmel werde uns vor den Jets schützen, lacht Tutu, der abends im Trainingsanzug in seinem Garten sitzt. Er entschuldigt sich, dass wir auf seinen Hinweis vergeblich ins Hauptquartier der SPLA gefahren sind. Die Kommandeure seien einfache Leute, die nie auf einer Schule waren. "Ich werde weiter nach der Waffe suchen", sagt er. An diesem Abend zeigt er uns Männer, die angeblich ihrer Munition ausgesetzt waren.

Die zwei SPLA-Kämpfer schauen uns angespannt an. Auch sie sollen in den nächsten Tagen an die Front. Wir befragen sie einzeln, getrennt voneinander. Kommandant Abdulsalam Aladim Tiya und der Schütze Idriss Hassan Abdallah Daldum. Sie berichten von einem Angriff, im April 2016 in der Ebene bei Azaraq, der Kornkammer Nubas. Die Regierungstruppen hatten sie kurz zuvor eingenommen, mit einer Gegenoffensive wollte die SPLA sie ihnen wieder abringen. Tiya kommandierte einen Pick-up mit aufgepflanztem Maschinengewehr.

Sie fuhren durch schweres Feuer, bis knapp neben ihnen eine Granate einschlug. "Sie hat nichts zerstört, es hat auch kein Geräusch bei der Explosion gegeben", sagt Tiya. Aber alles sei plötzlich in einer Wolke weißen Rauchs verschwunden. Sie hätten ihr nicht ausweichen können und seien durch sie hindurchgefahren. An der Front gebe es drei Arten von Granaten: die normalen Sprenggranaten. Die Brandgranaten. Und die "seltsamen Bomben".

Tiya, Oberleutnant: "Ich saß auf dem Beifahrersitz des Wagens. Im ersten Moment habe ich nichts gespürt, doch dann ist mir übel geworden. Ich musste ins Auto kotzen. Ich habe in meine Hose geschissen. Ich konnte meinen Darm nicht mehr kontrollieren. Ich befahl dem Fahrer, weg von der Front zu fahren, in ein nahes Bachbett hinein. Da ist man besser gegen den Beschuss geschützt. Ich weiß nicht mehr, wie wir dort ankamen. Ich wurde wohl noch im Wagen ohnmächtig. Als ich aufwachte, lag ich in einem Feldlazarett unter einem Baum. Ich konnte mich fast nicht bewegen. Nur die Fingerspitzen etwas. Das Reden fiel mir schwer. Die Haut hat sich ganz taub angefühlt. Und ich hatte so viel Speichel in meinem Mund. Ich musste ständig spucken. Erst nach zwei Tagen konnte ich wieder laufen. Dann fing das Jucken an. Meine Haut juckt heute noch, besonders in den Kniekehlen und unter den Achseln."

Daldum, Feldwebel: "Ich bin der Maschinengewehrschütze. Mir wurde ganz schlecht, kurz nachdem wir durch den Rauch gefahren sind. Ich kotzte viele Male. Mein Magen krampfte. Ich wachte im Flussbett auf und konnte mich nicht bewegen. Ich lag einfach nur da. Ich sah, wie Dorfbewohner auf mich zeigten. Meine Kameraden lagen bewusstlos im Auto. Ich verstand nicht, was vor sich ging. Ich war eine Woche lang im Feldlazarett und wurde mit Heilkräutern behandelt. Jetzt geht es wieder. Aber meine Leber tut mir noch weh, besonders in der Nacht."

Den Gesprächen hat Johannes Plate beigewohnt, ab und an hat er nachgehakt, wenn ihm Antworten zu ungenau waren. Für ihn steht es außer Frage, dass die Rebellen einer schweren Vergiftung ausgesetzt waren. Die Leber schmerze, weil sie wohl noch immer die Gifte im Körper abzubauen versuche.

Analyse von Probe 80967 und 80968. Entnahmezeitpunkt: 3. Dezember 2016. Entnahmeort: östlicher Frontabschnitt, das Dorf Mendi, in einem Mangohain.

Er will uns die Knochen zeigen, die hier noch irgendwo liegen müssen. Aufgeregt sucht der Bauer Idris Ramadan Idris, ein älterer Herr, den Boden zwischen den Mangobäumen ab. "Da lagen überall tote Kühe!" Im Juni, kurz vor Beginn der Regenzeit, war eine Antonow lange über dem Dorf gekreist und hatte schließlich auf dieses Feld eine Bombe geworfen. Er räumt das Laub beiseite, schiebt Äste weg. "Es war genau hier." Nach der Explosion rannte Idris hierher, aus Sorge um seine Kühe, die er ganz in der Nähe weiden ließ. "Aber es waren nicht meine Kühe", sagt er, noch heute mit Erleichterung. Die Kühe, die er sah, gehörten seinen Nachbarn, aufgeplatzt, zerfetzt. Ihr Fleisch schwarz verbrannt, aber bedeckt mit großen grünen Flecken. "Es war entsetzlich. Ich hatte so etwas noch nie gesehen." Er findet nach längerem Suchen den Bombentrichter, nah an der Straße. Beim Graben stoßen wir auf Splitter einer Metallfassung.

Von grünem Fleisch erzählt uns wenig später auch ein SPLA-Kämpfer, der bei einem Vorstoß ins Niemandsland drei Kalaschnikow-Magazine erbeutet haben will. Als er sie bei der Jagd nach Wildhühnern eingesetzt habe, sei das Fleisch des geschossenen Huhns grünlich verfärbt gewesen. Er glaubt, die Spitzen der Kugeln wurden vergiftet. Wir zweifeln. Nehmen aber die Stahlkörper der Kugeln zur Laboruntersuchung mit.

In der abgeschiedenen Welt der Nuba-Berge gedeihen viele Legenden. Die Menschen glauben an alte Gottheiten und verehren geheime Brunnen mit heiligem Wasser. Sie glauben an Bäume, die Stürme erzeugen, wenn man sie berührt. Was ist, wenn die American Dog nur eine Geschichte ist, die so lange weitererzählt wurde, bis sie Teil des kollektiven Bewusstseins wurde?

Doch dazu sind die Beschreibungen, die wir hören, zu konkret. Immer wieder auf dieser Reise wird uns von der American Dog erzählt, spontan und unabhängig voneinander. Es gibt von der SPLA-Führung die Order an jeden Kämpfer, an der Front einen Beutel mit Zitronen, Salz und dem Heilkraut Ardaib mitzuführen. Die Kämpfer reiben sich damit ein oder trinken es als Saft. Weil es die Effekte des Gases lindere. Diese Regel wurde im Sommer erlassen, weil sie in den Monaten zuvor mit der Chemie-Munition so oft wie nie beschossen worden seien.

"Die Dog ist ein Granatwerfer. Ich habe zwölf Jahre lang mit ihm geschossen", sagt ein Mann, der eines Morgens vor der Tür unserer Unterkunft in Kauda steht. Ein SPLA-Kommandeur hatte uns beiläufig von ihm erzählt. Wir dachten nicht, dass es ihn wirklich gibt. Einer, der früher selber Giftgas-Granaten verschossen hat, ein Überläufer.

Er malt die Waffe auf, eine Art Maschinengewehr mit kurzem Lauf. "Nicht länger als ein Arm", sagt er. Wir bleiben skeptisch, aber das ändert sich.

Der Granatwerfer werde mit einem Dreifuß auf der Ladefläche eines Toyota-Cruisers montiert. Er wisse das, weil er bis zum Februar Hauptfeldwebel der sudanesischen Armee gewesen sei. Viertes Bataillon der östlichen Front, Kompanie 108. Er habe sich anwerben lassen, als er 16 Jahre alt war. 1988 sei er Soldat geworden. Er nennt uns seinen richtigen Namen, will aber für diese Reportage Alhailo heißen. Um seine Familie zu schützen, die noch auf der Regierungsseite lebe. Er hat sechs Kinder, die er seit Monaten nicht gesehen hat, und eine Frau, die sich aus Scham scheiden lassen will. Mit der American Dog habe er schon in vielen Kriegen gekämpft, im Südsudan, in Darfur und seit 2012 in Nuba. Warum sie Dog genannt werde? "Wenn sie feuert", sagt er, "klingt das, als würde ein Hund bellen."

Alhailo sitzt vor uns, selbstbewusst und scheu zugleich, sein altes und sein neues Ich blitzen wechselweise in ihm auf. Er ist ein Ausgestoßener, der nicht mehr zurückkann, weil er dort nun als Verräter gilt, und der auch hier, im Nuba-Reich, ein potenzieller Feind bleibt. Die SPLA nimmt nur wenige Überläufer in ihre Reihen auf. Er sagt, er sei desertiert, weil die Armee Verbrechen begehe. Sein tatsächlicher Grund bleibt uns jedoch unklar. Alhailo arbeitet auf den Feldern, von dort ist er zu uns gekommen.

Er beschreibt die Munition, die er benutzte. Sie sei um die 15 Zentimeter lang, sagt er, hellgrauer Rumpf, silberner Alu-Kopf. "Triffst du damit einen Jeep, zerstörst du ihn völlig." Ab und an, nur sehr selten, hätten sie einen anderen Granattyp benutzt. Auch bei ihm sei der Rumpf grau, sein Kopf aber sei rot. Diese Munition hätten sie, die Bordmannschaften, nicht mitgeführt. Während des Kampfes sei ein Offizier in einem gepanzerten Fahrzeug von Dog zu Dog gefahren und habe pro Fahrzeug nur zwei, drei dieser roten Granaten verteilt.

Sie hätten gewusst, dass sie chemische Kampfstoffe verschießen. Alhailo sagt, dass sein Bataillon die Sondermunition vor der Abfahrt in die Nuba-Region in Khartum zugeteilt bekommen habe. Sie sei ihnen in Al-Shagara gegeben worden, einem Militärkomplex außerhalb der Stadt. In Al-Shagara betreibt der Sudan eine Munitionsfabrik. Dort, erzählt Alhailo, hätten sie viele Kisten gewöhnlicher Munition geladen und 240 Kisten mit Totenkopf-Aufdruck. Die seien gesondert bewacht und in einem gesonderten Lkw transportiert worden.

"Wir sind Männer!", habe der Kommandant ihnen vor ihrer Fahrt an die Front zugerufen. "Wir werden siegen! Wir haben die moderneren Waffen! Jeder, der denkt, er ist kein Mann, kann jetzt gehen. Aber jeder, der sich unserem Kampf anschließt und im Krieg stirbt, wird ins Paradies gelangen!"

An der Front werde jeder Toyota mit einem Dog von drei anderen Wagen abgeschirmt. So solle verhindert werden, dass die Waffe vom Gegner erbeutet werde. Der Offizier – oft ein Oberst – ziehe sich vor dem Einsatz der Gasgranaten schwarze Stulpenhandschuhe über und eine schmale Maske über Nase und Mund. Er bestimme zunächst die Windrichtung. Baue einen Teleskopstab auf. Der sei weiß-rot geringelt, erinnert sich Alhailo, und habe ein rotes Rechteck an der Spitze. Der Offizier pflocke ihn neben dem Wagen in den Boden. Für jeden einzelnen Schuss gebe der Oberst dem Schützen genaue Anweisungen zu Entfernung und Richtung. Alhailo erzählt von einer Wolldecke, die der Offizier unter den Auswurfschacht der Waffe lege, um die leeren Hülsen aufzufangen. Bevor er wieder gehe, rolle er die Decke um die Hüllen und packe sie in einen Sack, den er mitnehme.

Er, der Schütze, habe beim Feuern keinen Schutz getragen und sich hinterher oft elendig gefühlt. Die Augen begännen wässrig zu werden, manchmal müsse man sich übergeben, sagt er. "Noch zwei Tage später fühlst du dich müde. Wenn du versuchst, aufzustehen, wird dir schwarz vor Augen." Bei einer Militäroperation im Frühjahr 2014, bei der sie so viele Gasgranaten wie nie zuvor verschossen hatten, seien an den Nachwirkungen sechs Dog- Schützen gestorben. Alhailo gibt uns Namen und Dienstränge der Toten. Mit einigen von ihnen sei er im Ausbildungscamp gewesen.

Sie hätten damals zwei Tage lang vergeblich versucht, einen wichtigen Berg einzunehmen. Die Armee habe Luftangriffe für sie geflogen, trotzdem seien sie unter großen Verlusten zurückgeschlagen worden. Deswegen habe der Bataillonskommandeur am dritten Tag den Befehl zum Giftgas-Einsatz gegeben. Zehn der Dogs ließ er an der Front aufreihen, jeweils etwas versetzt zueinander. Jeder Wagen habe zwei bis drei Gasgranaten verschossen. Alhailo erzählt detailliert, er malt einen Plan über den Ablauf der Kämpfe auf. Das Gas habe ihnen zum Erfolg verholfen. Er erzählt, wie sie auf dem Berg eine MG-Stellung der SPLA stürmten und dort alle auf dem Boden lagen. Sechs Männer, sagt er, und eine Frau. "Ich erinnere mich an einen der Kämpfer. Er lag da und krampfte. Aus seinem Mund lief weißer Schaum. Aus seiner Nase kam Blut. Seine Augen waren verdreht."

Ein Angehöriger des Militärgeheimdienstes, der ihren Trupp anführte, habe alle erschossen, auch die Frau.

Der Überläufer weiß nicht, wie es für ihn weitergeht. Vorläufig verdingt er sich als Feldarbeiter. Er würde aber auch gerne SPLA-Kämpfer an der Dog ausbilden und ihnen beibringen, wie man Giftgas verschießt – denn richtig eingesetzt, sei das eine wirkungsvolle Waffe. "Ich stehe zur Verfügung", sagt er zum Abschied.

Noch einmal wollen wir am nächsten Tag einem Hinweis nachgehen und eine Bodenprobe nehmen. Wir fahren von Kauda ins anderthalb Stunden entfernte Azaraq. Bei den Kämpfen dort soll die sudanesische Armee erst vor wenigen Tagen Gasgranaten auf angreifende SPLA-Einheiten geschossen haben. Wieder ist die Fahrt vergeblich. Für die Proben müssten wir viel zu dicht an die Verteidigungsgräben der Sudanesen. Was wir stattdessen finden: 40 Kleinkinder in einer Höhle, drei Kilometer von der Front entfernt. Sie quetschen sich in eine Kluftspalte, hocken und liegen über- und untereinander. Eine alte Frau hütet sie. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Jeden Tag passt ein anderer Erwachsener auf sie auf.

"Es ist nicht sicher da draußen", sagt die alte Frau. Als die Kleinen uns sehen, kommen sie heraus, wagen sich ins Licht, einige von ihnen das erste Mal an diesem Tag, aufgeregt, kichernd, sie betrachten uns und flüstern einander zu. Plötzlich kracht es. Mehrere Granaten röhren über uns hinweg, explodieren auf einem Hügel hinter uns. Die Kinder beginnen zu rennen, stolpern, fallen über Steine, raffen sich wieder auf, kleinere halten die Hände der größeren und klettern die Felsen zur Höhle hinauf.

Wir eilen zu unserem Wagen. Als wir zurückschauen, versperrt uns unsere eigene Staubfahne die Sicht.

Die Lage sei schwierig, aber sie sei für die Nuba schon schwieriger gewesen, sagt uns Tutu am letzten Tag. Er hofft nicht auf die UN. Sie gestatteten dem Regime seit Jahren, Dörfer und Schulen zu bombardieren. "Aber der Feind kann uns nicht schlagen." Ihre Berge seien uneinnehmbar. Er gibt sich zuversichtlich, wie alle Funktionäre der SPLA. Sie wollen vermeiden, dass die Bevölkerung in Panik gerät und flieht. Tutu hat zumindest für sich vorgesorgt. Seine Frau hat er nach Uganda gebracht, wo sie Finanzwesen studiert – für den Fall, dass seine militärischen Prognosen fehlschlagen.

"Seid ihr noch an der American Dog interessiert?", fragt er kurz vor unserer Abreise.

Sie ist kein Mythos. Ihr Lauf ist so kurz wie vom Überläufer beschrieben. Im Hauptquartier eines Kommandanten haben sie den Granatwerfer vor einer Rundhütte für uns aufgebaut. Die Waffe sei 2015, auf einen Toyota montiert, erbeutet worden. Tatsächlich sieht sie ein bisschen aus wie ein Hund, der sich duckt, einer, der aus Angst gleich zubeißt. "Wir wissen nicht, wie man die bedient", erklärt der Kommandant offenherzig. Zwei davon hätten sie dem Feind abgenommen. Sie können nichts mit ihnen anfangen, verschieben sie von einem Hauptquartier zum anderen. Auf die Idee, verdächtige Munitionsreste für Analysen zu bergen, sagt der Anführer, seien sie noch nie gekommen.

Eines ist die Dog jedenfalls nicht: amerikanisch. Die Beschriftungen auf ihr sind alle kyrillisch.

Die Waffe, die in den Nuba-Bergen so berüchtigt ist, das ergeben Recherchen zurück in Deutschland, stammt aus alten sowjetischen Rüstungsschmieden. AGS 17 ist ihr Kürzel. Awtomatitschki Granatomjot na Stanke. Automatischer Granatwerfer. Sie gehörte zu den Standardwaffen des Ostblocks. Im Afghanistankrieg der Sowjetunion wurde sie erstmals eingesetzt. Kann diese Waffe chemische Kampfstoffe verschießen?

Technisch sei das Kaliber zu klein, um die Granaten mit chemischen Kampfstoffen zu füllen, sagt ein New Yorker Waffenexperte von Amnesty International. Das Kaliber reiche aus, urteilt ein skandinavischer UN-Waffeninspektor, der in Syrien und im Irak nach Chemiewaffen gesucht hat, aber solche Granaten hätten bei dem Volumen nur einen geringen Effekt an der Front.

Russische und bulgarische Munitionshersteller werben indes für die variablen Einsatzmöglichkeiten. Mehrere Unternehmen bieten für die AGS 17 Granaten an, die nach ihren eigenen Produktbeschreibungen in der Lage sind, "bewaffnete Gesetzesbrecher vorübergehend kampfunfähig zu machen". Technisch ist es also möglich, eine AGS-17-Granate mit Reizgasen zu füllen. Die Frage ist offenbar nur, mit welchem Gas sie gefüllt werden und in welcher Konzentration. Eine Substanz, die betäubt, ist potenziell immer auch tödlich.

So wie sich die Kriege verändern, ändern sich ihre Waffen. Immer häufiger wird die Polizei zur Niederschlagung von Aufständen eingesetzt. In Ländern wie Russland oder China wird die Polizei mit immer schwereren Waffen aufgerüstet. Im britischen Manchester forscht die Omega Research Foundation in der Grauzone zwischen Militär und Polizei. Ihre Arbeit finanziert die Europäische Kommission. Die Annahme, dass die AGS 17 im Sudan für chemische Kampfstoffe eingesetzt werde, "ist für mich sehr plausibel", urteilt ihr Experte. Auch er will ungenannt bleiben. Es gebe immer mehr Staaten, die das Abkommen zur Kontrolle von Chemiewaffen auf legale Art unterlaufen. Denn der Einsatz toxischer Stoffe sei nur für militärische Zwecke international verboten, nicht aber für polizeiliche. Zudem sei in den letzten Jahren eine neue Generation von Giftstoffen in den Laboren entwickelt worden. Sie tauchten in keinem Verzeichnis chemischer Kampfstoffe auf. Russische Sicherheitskräfte beendeten 2002 die Geiselnahme in einem Theater in Moskau, indem sie ein Nervengas einsetzten. Das betäubte Terroristen wie Geiseln, tötete aber auch Dutzende. Bis heute weigert sich Russland, die genaue Zusammensetzung des Gases bekannt zu geben. Es brauche ein neues Abkommen, fordert der britische Forscher, "sonst stehen wir bei den Chemiewaffen wieder dort, wo wir vor dem Ersten Weltkrieg standen".

Der Sudan sei in den letzten Jahren zu einem wichtigen Rüstungshersteller geworden, sagt er. Es müsse für möglich gehalten werden, dass er auch in der Lage ist, Nervengas zu produzieren. "Es ist schlicht so: Wir wissen nicht mehr, was die Sudanesen können." Er glaube im Übrigen nicht, dass man in den Bodenproben, die wir mitgebracht hätten, etwas finden werde. Die Symptome, die uns die Betroffenen beschrieben hätten, glichen denen von Nervengas. Und die Komponenten von Nervengas verflüchtigten sich schon nach wenigen Stunden. Die UN, fordert er, müssten in Nuba ständig ein Team bereithalten, um Verdachtsfällen nachzugehen.

In den Nuba-Bergen bleibt Johannes Plate zurück und bereitet sich auf die nächste Regierungsoffensive vor, die die letzte sein könnte. Warum, fragt er, gebe es noch keine Flugverbotszone? Wie viel Beweise brauche der Westen, um etwas zu tun? Die Menschen in der Nuba-Region seien aufgegeben worden. "Das ist sehr schwer zu ertragen." Er hat das Personal angewiesen, über Weihnachten die Ambulanzen wieder mit Erde zu beschmieren, damit sie aus der Luft schwerer zu sehen sind.

Am Ende, im Labor in Deutschland, aufgelöst in Dichlormethan, wird die Erde aus den Nuba-Bergen durch das 0,25 Millimeter weite Glasröhrchen des Chromatografen geschleudert. Es werde bis zum Abend dauern, sagt mir der Chemiker. Ich setze mich in einem leeren Raum an einen leeren Tisch und warte auf das Ergebnis.

Es ist negativ.

HINTER DER GESCHICHTE

Die Recherche: Wolfgang Bauers Recherche dauerte insgesamt zwei Monate. Die Nuba-Berge sind extrem schwierig zu erreichen, für die Anreise brauchten Reporter und Fotograf sechs Tage. In den Bergen legten sie circa 2.000 Kilometer zurück.

Ein Wunsch: Die Reporter sind gegangen, aber die Mitarbeiter von Cap Anamur bleiben. Ihre Arbeit hat unseren Autor stark beeindruckt.

Die Spendennummer der Organisation: Cap Anamur, Stichwort Nuba-Hilfe, Sparkasse KölnBonn, IBAN: DE85 3705 0198 0002 2222 22

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