Harald Martenstein Über Wahrheit, Lügen und die wahren Schuldigen

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ZEITmagazin Nr. 3/2017

Auf ZEIT ONLINE habe ich den Artikel Wie ein Mensch zum Terroristen wird gelesen, es ging um den Berliner Attentäter Anis Amri. Die These lautete, dass Amris Tat nichts oder wenig mit dem Islam zu tun habe, sondern mit seiner Armut und mit Pubertätsproblemen. Zitat: "Nicht der Glaube macht Menschen zu Tätern, sondern ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Prekäre Lebenslagen, enormer Entwicklungsstress – das ist allen Extremisten gemein." Ein klarer Fall von "postfaktisch", diese Passage. Mir fiel sofort der berühmteste Extremist unserer Zeit ein, der Millionärssohn Osama bin Laden. Nach 2001 habe ich diverse Texte gelesen, die sich mit der Frage befassten, warum so viele reiche saudische Jungs zum Islamismus tendieren.

Harald Martenstein

ist Redakteur des Tagesspiegels.

Klar, dachte ich, für diesen Kollegen ist der Kapitalismus an allem schuld, warum nicht auch am Islamismus. Dem Kapitalismus an allem die Schuld zu geben ist für uns Autoren auch deswegen praktisch, weil der Kapitalismus niemals eine Gegendarstellung verlangt oder mit einer Kalaschnikow in der Redaktion auftaucht. Heißa, was wäre das für eine Aufregung in der Medienwelt, wenn plötzlich ein Hans-Rüdiger Kapitalismus aus Kleve sich den Medienanwalt Schertz nimmt und jeden verklagt, der diskriminierende Sätze verfasst, in denen sein Name vorkommt.

Wenn man den Kapitalismus besonders schlimm findet, dann ist der Kapitalismus im Zweifelsfall halt auch für das schlechte Wetter zuständig, bei anderen sind die Männer Auslöser des schlechten Wetters, bei wieder anderen sind es die Ausländer. Eine Begründung findet sich immer. Ich würde gern einen Rhetorik-Wettbewerb veranstalten, bei dem es eine Liste von Übeln gibt, etwa den Terror, den Klimawandel, die geringe Zahl von Frauen in Aufsichtsräten der Stahlindustrie, die mexikanischen Drogenkartelle et cetera – und auf der anderen Seite eine Liste von gern genommenen Schuldigen, etwa die Männer, Muslime, der Euro, die Autoindustrie oder auch, warum nicht, der Feminismus. Dann werden Pärchen ausgelost, und die Kandidaten müssen zum Beispiel begründen, wieso die Autoindustrie schuld ist am Terrorismus, der Euro am Tod von Leonard Cohen oder warum der Feminismus den Klimawandel hervorgerufen hat. Alles machbar.

Das Modewort "postfaktisch", gerade zum zweiten Mal verwendet, finde ich blöd. Erstens tun die meisten "postfaktisch"-Verwender gern so, als ob nur Populisten, speziell rechte, zum Lügen und zum Verdrehen der Wahrheit neigten. In Wahrheit, um bei diesem Wort zu bleiben, lügen und verdrehen auch Linke, auch die Regierung, und gelogen wird, wenn es grad passt, seit Anbeginn der Zeiten. Nach der berühmten Kölner Silvesternacht erklärte die Polizei, wider besseres Wissen, dass alles ruhig und prima gewesen sei. Wenn das nicht postfaktisch war, was dann? Zweitens kann man lügen, obwohl alle Fakten stimmen. Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch. Meiner Meinung nach. Man sieht das, was man sehen will. Das Einzige, was man dagegen tun kann: wieder und wieder, jeden Tag, das Gedicht Lob des Zweifels von Bert Brecht lesen.

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