Schlafen Ruhe, bitte!

Jeder Dritte hat Probleme mit dem Schlafen. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun? Von
ZEITmagazin Nr. 3/2017

Mach die Augen nicht auf. Schalt deine Gedanken aus. Langsam atmen. Ruhig zählen.

Tausend.
Neunhundertneunundneunzig.
Neunhundertachtundneunzig.
Neunhundertsiebenundneunzig.
Neunhundertsechsundneunzig.
Ich öffne die Augen.

Seltsam, wie dröhnend die Stille sein kann. Ich höre ein Hämmern und begreife: Es ist mein Herz. Licht dringt von draußen durch den weißen Stoff der Fensterblende und schwebt durch den Raum. Mein Körper liegt heiß unter der Bettdecke, ich setze mich auf, reiße das Fenster auf. Nun bin ich wach, wacher noch als am Tage, wenn mich die Ereignisse überspülen und nicht zum Nachdenken kommen lassen. Adrenalin jagt durch meine Adern, und die Gedanken werden laut.

Morgen muss wieder ein großer Text fertig werden.

Verdammt, ich muss doch fit sein!

Wie soll ich bloß den Acht-Uhr-Zug nehmen?

Nicht schon wieder so eine Nacht!

Ich greife nach dem iPad und mache, was ich immer mache, um runterzukommen: Ich schaue Netflix. In meinem Alltag als politische Journalistin beschäftige ich mich mit der immer aggressiver werdenden Flüchtlingsdebatte in Deutschland, dem unberechenbaren Präsidenten Trump, dem Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa. Manchmal verfolgen mich die Krisen bis ins Bett. Als Beruhigungsmittel habe ich irgendwann diese hochdramatischen Fernsehserien entdeckt, die auf ewig weiterzugehen scheinen. Wie eine Droge ziehen sie einen in ihren Sog. Zwei Folgen House of Cards später ist die Staffel zu Ende, aber ich bin immer noch hellwach. Es ist 4.37 Uhr.

Schlafstörung, das klingt nach einem Werbespot für ältere Leute vor den Abendnachrichten. Nach einer Lästigkeit wie Schnupfen oder Kopfschmerz, nicht nach den großen Themen, die ich an diesem Phänomen erkunden will: Können wir nicht schlafen, weil unsere Biologie einen Webfehler hat – oder liegt es an der Rastlosigkeit der Gesellschaft? Wie schaffen wir es, in dieser explodierenden Nachrichtenwelt für sechs, sieben, acht Stunden die Stopptaste zu drücken? Welchen Preis sind wir bereit, dafür zu bezahlen, immer auf dem Laufenden und unterschwellig immer im Einsatz zu sein?

Jeder dritte Erwachsene, das hat das Robert Koch-Institut 2013 in einer repräsentativen Studie herausgefunden, kann nicht ein- oder durchschlafen. Die sogenannte Insomnie ist damit weiter verbreitet als Diabetes und teurer als Burn-out: 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (18,3 Milliarden Euro) könnten laut dem Schlafforscher Hans-Günter Weeß durch müdigkeitsbedingte Fehlentscheidungen, Unfälle und Ausfälle vernichtet werden. Auch die gesundheitlichen Folgen von chronischem Schlafmangel sind gravierend: erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen, Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, Demenz, Herzkrankheiten und Schlaganfälle.

Eine Volkskrankheit. Und gleichzeitig ein Rätsel.

Wir meinen, alles über den Menschen zu wissen: Algorithmen berechnen seine Vorlieben, Schriftsteller beschreiben seine geheimen Gedanken, Wissenschaftler entschlüsseln seine DNA. Es gibt keinen Winkel der Welt, der noch nicht fotografiert und kartiert wurde, kein Gefühl, das noch nicht analysiert, besungen oder mit einem Emoji illustriert wurde. Bloß die Vorgänge im Schlaf, diesem versunkenen Drittel des menschlichen Lebens, waren schon immer mysteriös – und sind es bis heute.

Für die alten Griechen war der Schlaf ein Gott, sein Name war Hypnos, er war der Bruder von Thanatos, dem Tod. Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder heißt eine der berühmtesten Bach-Kantaten. Menschen bringen sich mit Schlaftabletten um, der Rapper NAS paraphrasiert: "Sleep is the cousin of death", auch für ihn ist der Schlaf mit dem Tod verwandt.

Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Sigmund Freud in seiner Traumdeutung über die unterdrückten Triebe und sexuellen Wünsche in unserem Unterbewusstsein. Spiegeln Träume unser wahres Ich? Oder sind sie das Produkt einer neurochemischen Verwirrung? Eine ungeklärte Frage.

Anfang des 20. Jahrhunderts nutzte der Schriftsteller Franz Kafka seine schlaflosen Nächte, um Parabeln zu schreiben. Der Kultregisseur Christopher Nolan hat eine ganze Karriere auf den Themen Schlaflosigkeit (Insomnia), Traum (Inception) und Nacht (The Dark Knight) aufgebaut. Welche Kunstwerke entgingen uns, wälzten sich die Menschen nicht grübelnd, müde und verzweifelt in ihren Betten!

Bei mir begannen die Schlafprobleme vor fünf Jahren, als ich mit zwei Kolleginnen ein Buch schrieb. Seitdem finde ich es schwer, in der Nacht den Stress des Tages abzuschütteln. Wenn ich einen langen Text (wie diesen hier) schreibe, mich mit jemandem streite oder einfach nur am nächsten Tag früh aufstehen muss, liege ich im Dunkeln wach. Dreißig Minuten, eine Stunde, manchmal zwei oder drei. Mal geht das zwei Tage hintereinander so, dann gibt es wieder Wochen ohne Probleme.

Ich habe schon einiges dagegen ausprobiert: Tabletten (machen den Kopf am nächsten Morgen wattig), Meditation (braucht viel Disziplin), Apps (verwechseln Netflix-Gucken allerdings mit Schlafphasen). Nun gehe ich einen anderen Weg und suche nach Menschen, die ebenfalls die Nächte durchwachen. Ich will herausfinden, was Wissenschaftler über Schlafmangel sagen und ob sie eine Lösung kennen.

Die meisten Insomniker sind Sklaven ihrer Gedanken.
Hans-Günter Weeß, Schlafforscher

Kurz vor Weihnachten nehme ich den Zug nach Mannheim, von dort aus geht es mit dem Auto weiter Richtung Süden. Obwohl es erst 17 Uhr ist, hat sich schon Dunkelheit über die Landschaft gelegt. Die Straße windet sich durch schneebedeckte Weinfelder, kurz vor der französischen Grenze lande ich in einem Örtchen namens Klingenmünster am Pfälzerwald. Ein flacher Neubau, darin eine Krankenstation mit Linoleumboden und bunten Postern. Hinter dem Haus verschwindet ein Weg zwischen Bäumen – ein Pilgerpfad, der bis nach Italien führt. Ein Ort zum Abschalten, einerseits. Andererseits hat die entlegene Lage damit zu tun, dass psychiatrische Einrichtungen wie das Pfalzklinikum früher oft außerhalb großer Siedlungen errichtet wurden, um psychisch Kranke von der Gesellschaft fernzuhalten.

Die Tür des Ärztezimmers öffnet sich, ein Mann in Rollkragenpullover und Jeans tritt heraus: Hans-Günter Weeß, einer der führenden Schlafforscher und Autor von Die schlaflose Gesellschaft. Darin erzählt er die Geschichte des Schlafs: Die alten Römer frönten ihm überall und jederzeit – die Reichen aßen liegend (accubare ist Lateinisch für "bei Tische liegen") und empfingen ihre Gäste auch tagsüber auf ihren Liegen. Im Mittelalter konnten sich nur die Adeligen ein Bett leisten, die Ritter und Bauern schliefen auf Gemeinschaftslagern, Gäste im Stall. Die Industrialisierung brachte nicht nur die Glühbirne hervor, sondern auch die Schichtarbeit. Je effizienter die Arbeitswelt wurde, desto weniger ruhte der Mensch: Während die Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts noch acht bis neun Stunden pro Nacht schliefen, sind es jetzt, hundert Jahre später, um die sieben Stunden.

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