© Maurizio Cattelan, Pierpaolo Ferrari

Mode und Humor Was gibt es denn da zu lachen?

In den vergangenen Jahren inszenierte sich die Mode als Hochkultur, als Kunst. Dabei passen Mode und Humor besser zusammen, als man denkt. Von
ZEITmagazin Nr. 4/2017

Models wird oft vorgeworfen, sie würden zu wenig lächeln. Dabei sind sie zurzeit so lustig wie lange nicht mehr. Wenn man einen Blick auf Instagram wirft und dort die Beiträge der begehrtesten Models verfolgt, bekommt man den Eindruck, dass das Modelleben eine sehr spaßige Angelegenheit ist. Ob Toni Garrn über den Karibikstrand hüpft oder Cara Delevingne ihr Gesicht per Snapchat-Baukasten mit Schnurrbärten beklebt – überall geht es heiter zu.

Nicht nur die Models, auch die Modekollektionen sind zurzeit betont gut gelaunt. Bei Gucci werden Mickey-Mouse-Motive auf Seidenkimonos gestickt. Die Pelzmarke Fendi hat großen Erfolg mit Handtaschen aus bunten Fellpuscheln. Der Designer Thom Browne hat Schuhe entworfen, die statt eines klassischen Absatzes einen lächelnden Wal zeigen. Und dann ist da noch Moschino. Jeremy Scott hat die Mailänder Marke neu belebt, indem er sie in Bonbonpapier gewickelt hat. Mal zieren Comicfiguren seine Looks, mal lässt er sich von Zigarettenpackungen und Pommes-frites-Tüten inspirieren. Auf den Anzeigen von Dolce & Gabbana bekringeln sich die Models vor Spaß, während sie sich Spaghetti in den Mund stopfen.

Doch ist das schon witzig? Oder humorvoll? Humor gilt ja gemeinhin als Ansichtssache. Wolfgang Joop etwa meinte: "Nur weil etwas lustig aussieht, hat es noch nichts mit Humor zu tun. Und schon gar nicht macht es einen zum humorvollen Menschen, weil man mal etwas lustig Aussehendes anzieht, das ist nur albern."

Für Joop ist humorvolle Mode nicht Kleidung mit lustigen Motiven, man kann den Witz nicht von der Stange kaufen. Mode selbst ist der Witz. Mode ist nicht nur Ware, Mode bringt Menschen zusammen. Mode zeigt, wo die Avantgarde ist.

Im Paris der siebziger Jahre wollten die modisch gekleideten Menschen die Avantgarde sein, und wo die Mode war, da war die gute Laune. Da waren jene, die die richtigen Leute kannten, die durch das Nachtleben tauchten. Und die natürlich Kleidung vergötterten. Man suchte lange, um eine Safari-Jacke von Yves Saint Laurent zu finden. Zu dieser Zeit war Mode eine andere, abgehobene Welt. Mode war Freiheit. Und deswegen war Mode ein Witz. Man enthob sich der bürgerlichen Welt, feierte das Kurzlebige, das Vergängliche. Man verletzte Grenzen, experimentierte. Man sah anders aus, weil man sich die Freiheit dazu nahm.

Lustig oder albern sein hat mit Humor relativ wenig zu tun. Für Humor gibt es keine Likes, einen Witz findet nicht jeder lustig

Von dieser Leichtigkeit ist die Mode heute allerdings noch immer weit entfernt, und daran ändern auch Schuhe mit bunten Walen wenig oder lächelnde Models bei Instagram.

Das liegt daran, dass Mode heute nicht mehr nur ein Thema der lebenslustigen Avantgarde ist, sondern weil sie allgegenwärtig ist, sie umfasst irgendwie alles. Zur Mode gehört, woher man seine Kleidung bezieht, in welches Restaurant man geht, mit wem man zusammen ist. Dass man Yoga macht und seinen Körper fit und gesund hält. Wer falsche Produkte kauft, sich falsch ernährt oder die falsche Frisur hat, kann in seinem Umfeld schnell in Ungnade fallen. Das hat wenig mit Humor zu tun, sondern viel mehr mit einem heiligen Ernst der Lebensführung. Das Leichte, Verspielte wirkt dadurch angestrengt und schwer.

Und deshalb hat der momentane Modehumor auch viel mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke zu tun. Eine Handtasche in Form eines Elefanten, wie bei Loewe zu sehen, wird schnell zum Star auf Instagram. Und die kleinen Bildschirme der Smartphones sind heute die größten Multiplikatoren der Mode. Was knuffig, kuschelig und zum Knutschen ist, sammelt schnell Likes. Und alles, was verrätselt oder schlecht gelaunt ist, eher nicht. Mode muss sofort verständlich sein – wie ein mittelmäßiger Witz eben. Also müssen auch die Models witzig sein. Sie bauen heute ihre Popularität darauf auf, dass sie möglichst viele Follower in den sozialen Netzwerken haben. Die erreichen sie nicht, indem sie gelangweilt und rätselhaft gucken. Sie müssen nahbar sein, spritzig und lustig. Und wer nicht lustig ist, ist wenigstens albern.

Das Problem hierbei ist nur: Lustig oder albern zu sein hat mit Humor relativ wenig zu tun. Für Humor gibt es keine Likes. Hundewelpen findet jeder süß – aber einen Witz findet nicht jeder lustig. Humor ist also immer ein Wagnis, weil man nie sicher sein kann, dass er auch verstanden wird. Aber ist nicht eigentlich auch die Mode, in ihren besten Momenten, genau so ein Wagnis? Weil man auch bei der Mode nicht sicher sein kann, ob sie verstanden wird?

Und deshalb passen Mode und Humor eben doch sehr gut zusammen – den optischen Beweis dafür liefert das Künstlerduo Cattelan und Ferrari mit seinen inszenierten Bildern für unsere Modestrecke. Bisschen irre, bisschen verrückt, bisschen seltsam – eben so, wie ein guter Witz sein sollte, der ja den Ernst des Lebens am Ende besser widerspiegelt, als ein lächelndes Selfie das jemals könnte.

Sägen, was ist! Kleider von Prada, Schuhe links von Giannico, Schuhe rechts von Blumarine; Hemd von Alexander McQueen, Hose von Dries Van Noten © Maurizio Cattelan, Pierpaolo Ferrari

Überhaupt sollte man das Lächeln für den Humor nicht überbewerten – und für die Mode schon gar nicht. Denn das häufig kritisierte gelangweilte Laufsteg-Gesicht der Models ist eine Errungenschaft. In den achtziger Jahren war es völlig normal, auf dem Laufsteg zu lächeln. Models sollten als Frau bezaubernd aussehen. Ein Model sollte nicht nur einen perfekten Körper haben, sondern auch weiblich einnehmend sein. Die Frau, die lächelt, ist erreichbar, nahbar. Als die Emanzipation die Mode erreichte, löste die selbstbewusste Frau die lächelnde ab. Yamamoto schickte als einer der ersten Designer Models mit ausdruckslosen Mienen über den Laufsteg. Models sollten selbstsicher und kämpferisch wirken. Oder so, als ginge sie das ganze Theater nichts an, als sei dieser Auftritt auf dem Laufsteg der langweiligste Gang des Tages, den sie kaum wahrnehmen würden. Frauen, die professionell Mode präsentierten, sollten distanziert und cool sein – und vor allem nicht mehr nahbar. Der lebende Kleiderständer war geboren.

Das nicht lächelnde Model stört vor allem den männlichen Betrachter. Denn es präsentiert sich nicht mehr als Fleischbeilage zur Mode. Damit wird ein lange etablierter Konsens über die Rolle der Frau infrage gestellt. Nach der Französischen Revolution gab es eine klare Geschlechtertrennung. Für die Männer Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Frauen waren für die Dekoration zuständig. Während Männer sich in schlichtes Tuch kleideten, war es Aufgabe der Frau, den Wohlstand der Familie auszustellen. Männer bewiesen ihren Reichtum, indem sie ihre Frauen schmückten. Und den Frauen blieb auch nicht viel mehr von ihren gesellschaftlichen Aufgaben. Sie durften sich um die Kinder und die Küche kümmern – und um ihren Körper.

Die Mode war von da an ins Reich des Weibischen verwiesen. Wer sich für Mode interessierte, der war offenbar oberflächlich, nur an Materiellem interessiert. Die Mode war das, womit sich Frauen hübsch machten, um einen interessanten Mann kennenzulernen. In der Mode manifestierte sich also die Ungleichheit von Frau und Mann. Frauen mussten sich schmücken, Männer hatten das nicht nötig. Von Frauen meinte man, sie müssten sich körperlich begehrlich machen – Männer hingegen sollten allein schon durch ihre gesellschaftliche Rolle begehrlich sein. Die Frau in der Mode war also fest mit der sexistischen Gesellschaftsordnung verbunden. Auch das ist ein Grund, warum Models früher so nett lächelten. Weil der männliche Betrachter das Gefühl haben sollte, er gefalle der Dame – er könne sie vielleicht haben. Die Frau war eine Ware auf dem Markt – mitunter eine teure.

Die emanzipierte Mode musste stets ihre Ernsthaftigkeit beweisen. Deshalb wird Mode als Hochkultur inszeniert, als Kunst

Durch die Emanzipation änderte sich die gesellschaftliche Rolle der Frau und damit auch die Art und Weise, wie Frauen in der Mode dargestellt wurden. Nicht mehr anbiedernd, sondern stark. Schließlich wandte die Mode sich nun an die Frau als Kundin. Sie sollte sich selbst gefallen, sich mit eigenen Augen sehen – und nicht mehr mit denen des Mannes. Die emanzipierte Mode musste also stets ihre Ernsthaftigkeit betonen. Das führte dazu, dass Designer seitdem nichts mehr fürchten, als dass ihr Handwerk als unernst angesehen wird. Deshalb wird Mode als Hochkultur inszeniert, als Kunst. Man soll eben bloß nicht glauben, dass es etwas zu lachen gibt. Man betrachtet die Mode mit einer gewissen Andacht und überlegt anschließend nicht, ob sie einem gefallen hat, sondern ob man sie verstanden hat. Das bewirkt auch, dass Mode traditionell als etwas Kompliziertes, schwer Zugängliches, Anstrengendes angesehen werden kann. Oder als etwas, worüber man sich aufregt, etwa über das Designerkollektiv Vetements, wenn deren Models mit breitschultrigen Tops defilieren, auf denen "You Fuckin' Asshole" steht, und daraufhin die Modekritik empört ist.

Aber genau diese Empörung ist das, was Humor eben auch hervorrufen muss, so wie Humor Irritation hervorrufen muss. Die Bilder von Cattelan und Ferrari, die wir aktuellen ZEITmagazin zeigen, sollen auch irritieren. Aber sie sollen nicht anstrengen, sondern zugänglich sein. Man soll sich freuen, wenn man sie anschaut. Man soll ahnen, dass Mode eben auch ein großer Spaß sein kann, den man nicht so ernst nehmen muss.

Vor einigen Saisons ließ Karl Lagerfeld einen kompletten Chanel-Supermarkt im Pariser Grand Palais aufbauen. Voll bestückt mit Kekspackungen, Kaffeedosen und Waschmitteln mit Chanel-Logo. Die Models schoben Einkaufswagen durch die Regalreihen. Sobald die Show zu Ende war, stürmten die anwesenden Millionärsgattinnen die Kulisse wie ein plündernder Mob und prügelten sich um Fußabtreter mit Chanel-Aufdruck. Am Ausgang wurden sie allerdings von den Bodyguards gefilzt wie normale Ladendiebe und mussten ihre gesamte Beute abgeben.

Es war ein großartiger Spaß. Ein genialer Witz. Es war der Moment, in dem Mode und Humor eins waren.

Kommentare

Kommentare
Ein technischer Fehler ist aufgetreten. Die Kommentare zu diesem Artikel konnten nicht geladen werden. Bitte entschuldigen Sie diese Störung.