Virgil Abloh "Der Boss"

© Mattia Balsamini
Virgil Abloh ist der neue Ironiker der Mode. Mit seinen Entwürfen holt er die Streetwear auf die Laufstege, aber alles, was er macht, setzt er in Anführungszeichen. Von
ZEITmagazin Nr. 4/2017

An jenem Tag im November, an dem die Welt gebannt den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl verfolgt, sitzt Virgil Abloh im Mailänder Büro seines Labels Off-White und scrollt auf dem Handy durch seinen Instagram-Feed. Um ihn herum sieht es aus wie in Amerika: Der Flur ist mit dickem dunkelgrauem Teppich ausgelegt, an den Wänden hängen ein paar von diesen Bandanatüchern, die der Rapper Tupac immer trug, und Poster mit den Namen abseitiger New Yorker U-Bahn-Stationen: Euclid Avenue, Lefferts Boulevard, Far Rockaway. Im Büro, das Abloh nur selten nutzt – an einem Schreibtisch sitzen ist nicht so sein Ding –, hängt eine riesige USA-Flagge neben einem Foto von Kevin Spacey und einem gerahmten Louis-Vuitton-Logo. Auf dem massiven schwarzen Tisch, den man vom niedrigen Besuchersessel aus gerade so überblicken kann, steht die Skulptur eines Stinkefingers. Kontrollfrage: Hat er schon seine Stimme abgegeben? Ja, per Briefwahl. Und für die amerikanische Vogue ist er in einem Video aufgetreten, das Leute zum Wählen animieren soll. Aber eigentlich hat Abloh kein Interesse an Politik. Und an Amerika denkt er heute auch nicht. In seinem Kopf schwirrt genug anderes herum.

Manche halten Virgil Abloh – Chef der Marke Off-White, Creative Director von Kanye West, DJ, Möbeldesigner, Künstler – für den meistbeschäftigten Mann der Branche. Neulich hat er in Tokio unter seinem DJ-Namen Flat White aufgelegt, gestern war er in Paris, heute bespricht er mit seinem Designteam in Mailand die neue Männerkollektion für Off-White, am Abend legt er in einem Club in der Stadt auf, dann geht es nach New York. "Ich schlafe vier Stunden", sagt Virgil Abloh. "Ich kann müde und gleichzeitig wach sein. Alles, was Spaß macht, findet am Abend statt. Außerdem ist es toll, gleichzeitig als DJ und Designer zu arbeiten. Ich kann die Leute in der Nacht auf der Tanzfläche beobachten und schauen, was sie anhaben."

Vor knapp drei Jahren hat Abloh sein Label Off-White gegründet. Der Look des Hauses ist eine aufregende Mischung aus plissierten Minikleidern, Bauchtaschen, Jeans-Overalls, eleganten Ledermänteln zu Turnschuhen und Kapuzenpullovern zu Pailletten-High-Heels. Die Models, die bei Off-White über den Laufsteg marschieren, sehen aus wie Millionärstöchter, die mit ihrem Skater-Freund durchgebrannt sind. Rihanna, Beyoncé, Drake und Jay-Z tragen Virgil Ablohs Camouflage-Parka und Jeansjacken mit den typischen weißen Warnstreifen und der "White"-Aufschrift auf dem Rücken. In Tokio hat er bereits einen eigenen Laden, für 2017 sind Shop-Eröffnungen in New York, Toronto, Shanghai und Seoul geplant. Dass sein Name meist im gleichen Atemzug wie der von Kanye West genannt wird, hat ihm bestimmt nicht geschadet. Dabei glaubt Virgil Abloh, dass noch vor zehn Jahren in der Modewelt kein Platz für ihn gewesen wäre. Mittlerweile sei die Branche durchlässiger geworden. In den letzten drei Jahren hat Abloh nicht nur Kleider entworfen, die ihm die Leute aus den Händen reißen. Er hat eine Lebenswelt geschaffen, zu der viele gehören wollen. Ihr Ausgangspunkt ist die Straße, denn auf der sind alle unterwegs.

Abloh will die Streetwear, die lange Zeit als banal galt, zur High Fashion erheben und die Grenzen zum Luxus verwischen. Dafür kombiniert er zum Beispiel weite Jogginghosen mit drapierten Volantblusen, federleichte Seidenkleider mit schwarzen Turnschuhen und elegante Blazer mit Männerjeans mit Batikprint. Die Stiefel sind weiß, und auf den Käppis steht "Woman". Seine aktuelle Zwischenkollektion hat er vor der Kulisse eines mit roter Plane verdeckten Ferraris fotografieren lassen. Seine Mode ist auf stilvolle Weise prollig, für echtes Proletentum fehlt ihr das Aufgebrezelte. "Streetwear galt immer als billig, weil sie, im Gegensatz zur Laufstegmode, nicht konzeptuell ist", sagt Abloh, "ich bringe abstrakte Referenzen in die Streetwear." Seine Arbeit werde inspiriert von Mies van der Rohe und Caravaggio. Dass Virgil Abloh, der während des Gesprächs so hibbelig wirkt wie ein Zwölfjähriger im Kammerkonzert, jemals in einer Caravaggio-Ausstellung war, kann man sich schwer vorstellen. Aber ist ja auch egal. Wer Ablohs Kleider kauft, gibt einen Haufen Geld dafür aus, wie eines von diesen mit allen Wassern gewaschenen Kids aus der New Yorker Bronx auszusehen, das sich in einem geklauten Cadillac nach Paris verirrt hat. Abloh hat erkannt, dass es heute in der Mode als schick gilt, möglichst wenig nach Mode auszusehen.

Auch er selbst inszeniert sich gern als rebellischer Außenseiter, der die Modewelt auf den Kopf stellt. Dabei kam er mit seiner Idee, die Mode von unten nach oben zu demokratisieren, zwar im genau richtigen Moment, aber er war nicht der Einzige. Ungefähr zur selben Zeit wurde die Marke Vetements aus dem Pariser Untergrund geboren, die Patchworkjeans für gut 1.000 Euro anbot. Ebenfalls in Paris kombiniert Christelle Kocher Feder- und Paillettenstickereien, die normalerweise nur Eingang in die Haute Couture finden, mit Schlabberhosen und präsentiert das Ergebnis in U-Bahnhöfen. Auch Kochers Entwürfe sind nicht gerade preiswert. Dafür kann man ihren Look, ebenso wie den von Vetements und Off-White, mit einfachen Mitteln kopieren. "Die Modewelt war mal sehr realitätsfern", sagt Virgil Abloh. "Heute können Leute mit dem, was sie im Kleiderschrank haben und im Secondhandladen oder bei American Apparel finden, ein Outfit zusammenstellen, das genauso cool ist wie die Mode auf den Laufstegen – und das sogar, noch bevor die Laufstegkopien bei H&M hängen. Das Styling ist wichtiger als die Marke." Und diese Improvisationskunst komme aus der Streetwear.

Eine seiner ersten Schauen in Paris war dem legendären Film Pretty Woman gewidmet, was allein deshalb toll war, weil diesen Film nun wirklich jeder kennt. Am Eingang des Palais de Tokyo, wo die Show stattfand, prangte in leuchtenden Neonlettern der Schriftzug "You’re obviously in the wrong place" in Anspielung auf jene Szene, in der die Prostituierte Vivian aus einer Nobelboutique auf dem Rodeo Drive geschmissen wird. Kein Gast passierte diesen Schriftzug, ohne sich davor zu fotografieren. Hinterher sah man die Bilder auf Instagram. Lustig: Da gaben Modenschauenbesucher damit an, Teil jener auserwählten Gruppe zu sein, die zu Virgil Ablohs Modenschau eingeladen wird, indem sie sich unter einem Zitat fotografierten, das gerade das Außenseitertum zum neuen Statussymbol erhob.

Aber so hatte Abloh diesen Neonschriftzug – er nennt ihn "Kunstwerk" – ursprünglich gar nicht gemeint. Er wollte damit eher auf sich selbst zeigen, diesen jungen Typen aus Rockford, Illinois, der nach Paris kam, um Jeans und Kapuzenpullis auf einem Laufsteg zu zeigen. "Wenn dort jemand fehl am Platz war, dann ich", sagt Abloh und lacht.

Virgil Abloh wurde 1980 als Sohn ghanaischer Eltern in Rockford geboren, einem Vorort von Chicago. Er sagt, dass das, was er heute entwerfe, nichts anderes als eine Reflexion seiner jugendlichen Interessen sei: Skateboard fahren, Fußball spielen, Hip-Hop und Rock ’n’ Roll hören. "Ich war ein typischer Teenager der neunziger Jahre. Ich hörte Nirvana und A Tribe Called Quest und bewunderte Michael Jordan."

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