Harald Martenstein Über Opferzahlen und Gewissensfragen

Von
ZEITmagazin Nr. 5/2017

Lieber Jürgen von Rutenberg, Sie sind seit 15 Jahren mein Redakteur. Wir sind ein altes Paar, mit allem, was dazugehört, außer Sex. In der letzten Woche hatte ich Ihnen eine, für meine Verhältnisse, politisch korrekte Kolumne geschickt, es ging um das Schicksal eines Flüchtlings. Ich dachte: "Das wird Jürgen gefallen." Aber es stand eine Passage darin, die Ihnen gegen den Strich ging: "Zuerst lässt man Hunderttausende herein, ohne sie sich vorher genau anzuschauen. Eine humane Großtat war das nicht. Die Opfer von terroristischen Anschlägen sind nämlich auch Menschen." Sie antworteten: "Humane Großtaten können ja auch mit Risiken einhergehen, und natürlich war dieses Dilemma von Anfang an Teil der großen Tragödie." Bitte erlauben Sie mir eine Antwort.

Sie haben recht, Nebenwirkungen gibt es immer, bei allem, was man tut. In diesem Fall war die Nebenwirkung absehbar. Wenn man Zigtausende junger Männer aus Gebieten, wo der Fanatismus blüht, ins Land lässt und wenn man monatelang auf Kontrollen verzichtet, dann werden auch Mörder dabei sein. Ich rede nicht darüber, ob man Flüchtlinge aufnehmen sollte – ich bin dafür. Ich spreche über die Art, wie wir das getan haben. Ein Restrisiko gibt es immer. Wir haben das Risiko maximiert.

Nicht alle, die kamen, waren wirklich Flüchtlinge. Trotzdem: Einigen Menschen hat diese Politik vermutlich das Leben gerettet. Andere sind bei Anschlägen gestorben. Gewiss, niemand kann sagen, welche dieser Taten nicht ohnehin passiert wären. Sie lassen die Wohnungstür offen, die Wohnung wird ausgeräumt – wer kann wissen, ob der Einbrecher nicht ohnehin gekommen wäre?

Das Dilemma, um das es geht, hat Ferdinand von Schirach in seinem interaktiven Stück Terror beschrieben. Da wird die Frage gestellt, ob man ein Passagierflugzeug abschießen darf, das von Terroristen gesteuert wird und auf ein voll besetztes Stadion zurast. Viele Tote gegen relativ wenige Tote. Das klingt einfach. In Abstimmungen entscheidet sich die Mehrheit der Zuschauer meistens für den Abschuss. Aber die Zahlen der Toten kennt in Wirklichkeit niemand. Was ist, wenn unter den Opfern vom Breitscheidplatz der Mensch war, der ein Serum gegen Aids gefunden hätte?

Ich stelle zwei Fragen. Würden Sie Ihr Leben opfern, um 20 Flüchtlinge zu retten? Vielleicht. Ein Held würde so handeln. Würden Sie das Leben Ihres Kindes opfern? Ich würde es nicht tun. Das ist ein anderes Dilemma – zwischen einem universalen Humanismus und der Liebe zu denen, die einem die Nächsten sind. Ich misstraue dem universalen Humanismus. Wer vorgibt, alle gleich zu lieben, liebt in Wirklichkeit niemanden. Es ist die Nächstenliebe, aus der die Menschenliebe überhaupt erst hervorgehen kann. Könnten Sie guten Gewissens zu einem der Hinterbliebenen der Terroropfer gehen und sagen: "Ihr Kind ist für den Humanismus gestorben"?

So einen Tod kann man nur selbst wählen. Keine Regierung der Welt hat ein Recht dazu, ihren Bürgern das zuzumuten. Eine Regierung sollte sich um die Sicherheit und das Wohlergehen derjenigen kümmern, die sich ihr anvertraut haben, und dann, wenn dies im Rahmen des Möglichen getan ist, sich auch nach Kräften um Hilfe für andere bemühen. Wissen Sie, was ich für eine humane Großtat halte? Sicher nicht, in einer Drucksituation aus Hilflosigkeit die Grenzen zu öffnen. Manche Länder holen, ohne es zu müssen, aus den Lagern gezielt besonders Schutzbedürftige zu sich, nicht die starken jungen Männer, sondern Kranke, Alte, Schwache, die Witwen und die Waisenkinder. Es sind geringere Zahlen. Aber diese Menschen haben nur eine Chance, uns.

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