[M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE; Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Keanu Reeves Der Schweigsame

"Speed" und "Matrix" machten ihn zu einem der bekanntesten Schauspieler. Doch die Welt weiß so gut wie nichts über Keanu Reeves. Von
ZEITmagazin Nr. 5/2017

An einem Dienstagvormittag vor wenigen Wochen sitzt Keanu Reeves, 52, in einem Zimmer im Four Seasons Hotel in Hollywood. Er erzählt, dass er gestern Abend ins Kino gegangen ist, um den neuen Paul-Verhoeven-Film Elle zu sehen, in dem Isabelle Huppert die Hauptrolle spielt. "Sie war so fantastisch!", ruft Reeves in den Raum. Wie reagieren die Menschen auf Sie, wenn Sie im Kino auftauchen? "Es ist Hollywood! Ich bin hier nichts Besonderes. Gestern kam aber ein Mann auf mich zu und sagte, dass er meinen Film John Wick toll fand und sich schon auf den zweiten Teil freut! Es war schön, das zu hören."

In den Neunzigern hätte Keanu Reeves sich wahrscheinlich nicht an einen einzelnen Fan vom Vorabend erinnert. Er war einer der größten Hollywoodstars der Welt. Tom Cruise, Brad Pitt, Johnny Depp und er waren Posterboys, die Sexsymbole einer Generation. Würde man heute auf der Straße Menschen fragen, was ihnen zu Tom Cruise, Brad Pitt und Johnny Depp einfällt, könnten viele Referate halten. Zu den dreien fällt jedem was ein. Doch zu Keanu Reeves? Was ist seine Geschichte?

Es ist gerade eine besondere Phase in Reeves’ Karriere. In wenigen Wochen kommt die Fortsetzung von John Wick in die Kinos, seinem Actionfilm aus dem Jahr 2014, in dem Reeves einen ehemaligen Auftragskiller auf Rachefeldzug spielt. Einige Kritiker fanden, dass der erste Teil der beste Keanu-Reeves-Film seit den Neunzigern sei, seit den Zeiten von Speed und Matrix also. Einer der beiden Regisseure, Chad Stahelski, ein ehemaliger Stuntman vom Matrix- Set, bezeichnet die John Wick-Rolle als Keanu Reeves’ Comeback. Überraschen ihn die Reaktionen? "Überraschen? Hmmm." Reeves macht eine lange Pause. "Ich bin dankbar für die Rolle und die gute Geschichte des Films. Es ist ein ähnliches Gefühl wie damals bei Speed: Das sind beides Stoffe, die das entscheidende bisschen anders sind, und ich freue mich, dass sie den Leuten gefallen."

Eine Unterhaltung mit Reeves zu führen ist nicht ganz einfach. Er ist zwar ausgesprochen höflich, er fragt mehrfach nach, ob der Reporter eine Flasche Wasser möchte. Doch es ist ihm anzumerken, dass er sich in Interviews nicht wohlfühlt. Er bemüht sich, doch es kommt mehrmals vor, dass er mit seiner eigenen Antwort so unzufrieden ist, dass er sie gleich wieder infrage stellt. Ein Beispiel: Es gibt in John Wick eine Szene, in der Reeves unter der Dusche steht. Die Kamera ruht auf seinem nackten Oberkörper – wie so oft in den Neunzigern. Wie war es für ihn, diese Duschszene mit 50 zu drehen? "In manchen Rollen ziehe ich mein Shirt aus. Ich finde das okay, solange es irgendwie mit der Geschichte zu tun hat. Aber das hat es ja immer. Also ergibt es eigentlich keinen Sinn, was ich gerade von mir gebe. Dann sage ich einfach mal Nein."

Reeves ist mit seinen 1,86 Metern groß für Hollywood. Doch für einen Filmstar ist seine Erscheinung eher blass: Es ist gar nicht so leicht, sich Minuten nach dem Interview an ihn zu erinnern. Er ist komplett in Schwarz gekleidet, schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, schwarzer Anzug. Nicht nur im Vergleich zu Kollegen, die genauso alt sind wie er, Nicolas Cage und Russell Crowe zum Beispiel, sieht er jung aus. Ist es nicht erstaunlich, dass Brad Pitt, Tom Cruise und er so gut altern? Dass sie zum Beispiel alle so volles Haar haben? Reeves grinst. "Ich muss sagen, dass ich Brad Pitt nicht wirklich kenne. Wir sind uns privat nur ein- oder zweimal begegnet. Zu selten, um über Haare zu sprechen. Aber ich denke nicht, dass unser Erfolg heute von unseren Haaren abhängt." Betont sarkastisch fügt er hinzu: "Ich hoffe, dass wir trotz all der professionellen Hilfe durch Pillen, Pasten, Marmeladen und was es sonst noch so gibt, in Würde altern werden." Dass Reeves Brad Pitt nicht gut kennt, ist keine Überraschung. Er hat sich seit Beginn seiner Karriere von Prominenten-Partys und -Treffs in Hollywood ferngehalten. Er galt immer als Außenseiter, der sein Privatleben bedeckt hält. "Ich bin wie Micky Maus", sagte er einmal, "keiner weiß, wer unter dem Anzug steckt."

Geboren wurde Reeves 1964 in Beirut. Die Hauptstadt des Libanon war wild, international und aufregend. Seine Mutter Patricia, eine Engländerin, die in einer Beiruter Bar arbeitete, lernte dort Reeves’ Vater Samuel kennen, einen Geologen, der halb Chinese, halb Hawaiianer ist. Die Familie zog nach Australien, in die USA und, als Reeves sieben war, nach Toronto, Kanada. Der Vater kam nicht mit, er verließ die Familie, der Kontakt zu seinem Sohn brach ab. 1994 musste Samuel Reeves jr. wegen Drogenbesitzes mehrere Jahre ins Gefängnis. Über seinen Vater spricht Keanu Reeves nicht.

Reeves war schlecht in der Schule, wechselte Highschools, er flog auch mal raus. Als Teenager spielte er erste Theaterrollen in Toronto. Mitte der Achtziger zog er, ohne Schulabschluss, ohne Schauspielausbildung, nach Los Angeles. Der erste Film, mit dem er ein breites Publikum erreichte, ist Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit, eine Komödie, in der er einen bekifft wirkenden Teenager spielt, der über die Welt staunt. Er macht das so überzeugend, dass viele glauben: Er spielt einfach sich selbst. Im Surfer-Thriller Gefährliche Brandung kommt er nicht viel intelligenter rüber, doch Regisseurin Kathryn Bigelow bringt bei Reeves etwas zum Vorschein, was seine Karriere prägen sollte: seine Anziehungskraft auf junge Frauen. Bigelow lässt ihn verträumt in die Ferne schauen und zeigt seinen Oberkörper unter einem vom Regen durchnässten T-Shirt am Strand. Im Roadmovie My Own Private Idaho spielt Reeves an der Seite von River Phoenix einen bisexuellen Jungen. Kritiker loben ihn: Wenn er spricht, wirkt er zwar ein bisschen hölzern und bemüht, doch in seinem Blick liegen eine besondere Ruhe und Verletzlichkeit. Speed macht ihn 1994 zum Hollywoodstar. Er spielt einen Cop, der zusammen mit Sandra Bullock versucht, einen Bus voller Passagiere über der Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern zu halten, weil sonst eine Bombe hochgeht. Eigentlich hatte ihm das Drehbuch nicht gefallen. Er wollte es ablehnen, doch sein Agent überredete ihn.

Schauspieler und Regisseure, die mit ihm arbeiten, preisen seine Leistungsbereitschaft und Disziplin. Und doch: Für die Goldene Himbeere, den Preis für den schlechtesten Schauspieler des Jahres, war er in den Neunzigern zweimal nominiert. Auf YouTube ist heute noch ein Zusammenschnitt seiner Auftritte in Francis Ford Coppolas Dracula zu sehen – das Video heißt Best Acting Ever und ist ironisch gemeint. In der Rolle des englischen Anwalts Jonathan Harker sieht Reeves verkleidet aus. In Dialogen schaut er oft so, als frage er sich, wie die Person noch mal heißt, mit der er gerade spricht. Trifft es ihn, wenn die Presse sich über ihn lustig macht? Reeves überlegt. "Bei Dracula kann ich die Kritik schon verstehen, es war ja auch sehr gewagt von Coppola, mich für diese Rolle zu besetzen. Aber ich habe wirklich alles gegeben. Ich habe meine Sätze fünfmal aufgenommen, um den britischen Akzent hinzubekommen."

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