Gesellschaftskritik Über Imageprobleme

© Anthony Harvey/Getty Images for MTV
ZEITmagazin Nr. 5/2017

Auch uns Autoren dieser von Frohsinn durchfluteten Kolumne erfasst bisweilen die Verzweiflung. Dann regt sich in den Geheimratsecken unseres Herzens der Verdacht, dass die Welt in Wahrheit ein undankbares Miststück ist. Nehmen wir Mario Götze. Es ist nicht so lange her, da schoss er das Siegtor im WM-Finale, Minuten vor Schluss, volley ins Eck, herrlich war das. Aber was müssen wir jetzt lesen? Götze rebelliert gegen sein schlechtes Image! Gegen den 19-Jährigen, für den viele ihn noch hielten, obwohl er doch schon 24 sei, und dagegen, dass er lieber Fotos von Nudelgerichten twittere, als Tore gegen Ingolstadt zu schießen.

Ein schlechter Ruf bringt einen in zweifelhafte Gesellschaft: Tütensalat, Leitungswasser, Callcenter, Pforzheim und Blasmusik. Leider existiert bislang keine Bundesanstalt für Imagekorrektur. Sonst würden wir Mario Götze sofort einen Termin besorgen, hinter einer aschgrauen Tür säße dann eine Sachbearbeiterin, und gemeinsam blätterten sie im Katalog die interessanten Alternativen durch: "Melancholischer Knuddelbär, der es faustdick hinter den Ohren hat." Oder: "Bodenständiger Ärmelhochkrempler, allerdings poetisch in Gegenwart von Birken." Und hinterher bekäme Mario Götze eine Urkunde mit Amtsstempel und Unterschrift, und auf einer goldenen Tafel im Foyer stünde der Premiumsatz aller missverstandenen, tragischen Figuren: "Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu." Der stammt von Ödön von Horváth, und bedauerlicherweise hätte auch Horváth heute mit Imageproblemen zu kämpfen, schließlich erzählen Germanisten nach der zweiten Flasche Magenbitter bloß immer, wie er in Paris von einem Ast erschlagen wurde, angeblich mit Schmuddelheften in der Tasche. Wir halten das, nicht nur in philologischer Hinsicht, zwar für eine arge Verknappung, aber sorry, so liegen nun einmal die Dinge.

Und im Übrigen haben es Dinge im großzügigen Sinn oft leichter als wir Menschlein, ein mieses Image wieder loszuwerden. Meistens hilft bereits ein neues Etikett. "Fordernde Arbeitsatmosphäre" klingt moderner als brüllender Chef, Smoothie verlockender als Gemüseschlacke und Lifehack geiler als Omis Haushaltsgeheimnis. So schnell kann so was gehen. Aber zu solch radikalen Mitteln wären weder wir noch vermutlich Mario Götze bereit, weswegen uns leider nicht viel anderes übrig bleibt, als – statt mit einer Pointe – mit einem herzbitterlichen Seufzer zu schließen: Ach, Mario, ach, Welt.

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