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Das war meine Rettung "Ich kann heute noch eine Kugel in das Zentrum einer Zielscheibe schießen"

Ruth Westheimer kämpfte für eine Untergrundorganisation, bis sie lebensgefährlich verletzt wurde. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 5/2017

ZEITmagazin: Frau Westheimer, Sie sprechen nach vielen Jahren im Ausland immer noch mit einem leichten hessischen Akzent.

Ruth Westheimer: Es gibt was auf Frankfurterisch, das ist mit mir stets durchs Leben gegangen: "Es geht mir net in de Kopp erein, wie kann a Mensch net von Frankfurt sein."

ZEITmagazin: Sie sind einen Teil ihrer Kindheit in Frankfurt aufgewachsen, mit zehn Jahren mussten Sie Deutschland verlassen. Warum?

Westheimer: Nach der Kristallnacht, ich spreche lieber von der Nacht des zerbrochenen Glases, hat man meinen Vater in ein Arbeitslager gebracht. Eines Tages schickte er eine Postkarte und schrieb, dass ich auf einen Kindertransport in die Schweiz sollte. Ich wollte nicht weg, ich habe eine Mutter und eine Großmutter gehabt und 13 Puppen. Doch mein Vater sagte, dass ich gehen muss, also hatte ich keine Wahl. Es handelte sich um eine Kinderrettungsaktion infolge der Konferenz von Évian. Es sollten Kinder nach England, Holland, Belgien und Frankreich. Ich lebte bis 1945 in einem Schweizer Kinderheim, in Heiden. Langsam wurde daraus ein Waisenhaus, weil fast alle Kinder ihre Eltern verloren hatten.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Sie in diesen Zug stiegen? Wussten Sie, dass es in die Schweiz geht?

Westheimer: Ich hatte Glück im Unglück: Mathilde, ein Mädchen, das ich aus der Synagoge kannte, war im selben Zug. Ich wusste genau, dass wir in die Schweiz fahren, weil die Großmutter gesagt hat, du kriegst dort viel Schokolade. Ich weiß noch, dass ich versucht habe, mit allen Kindern zu reden und zu singen, vor allem damit wir nicht weinen. Als wenige Wochen zuvor mein Vater von den Nazis in einen Lastwagen gezwungen wurde, habe ich ihn noch durch das Fenster gesehen. Er drehte sich um und lächelte, so ein gezwungenes Lächeln, an das habe ich mich bei meinem Transport erinnert. Ich habe das Gleiche gemacht, als Mutter und Großmutter am Hauptbahnhof in Frankfurt am Gleis standen und mir gewinkt haben, bis der Zug abfuhr. So, jetzt aber Schluss damit, ich habe keine Lust auf eine Psychotherapiesitzung.

ZEITmagazin: Im Jahr 1945 sind Sie von der Schweiz aus nach Palästina gereist.

Westheimer: Dort war ich im Kibbuz und bei der Haganah, vor der Gründung der israelischen Armee war das eine paramilitärische Untergrundorganisation, bei der ich zur Scharfschützin ausgebildet wurde. Wieso die gemerkt haben, dass ich so was kann? Ich weiß es nicht. Sie müssen aufpassen, mir keine dumme Frage zu stellen: Ich kann heute noch eine Kugel in das Zentrum einer Zielscheibe schießen, wenn ich möchte. An meinem 20. Geburtstag, am 4. Juni 1948, bin ich an beiden Füßen schwer verwundet worden, das war das Ende meiner Zeit bei der Haganah. Ein fantastischer deutsch-jüdischer Chirurg hat meine Füße wunderbar zusammengeflickt und dadurch mein Leben gerettet.

ZEITmagazin: Wie kam es eigentlich zu dieser Verwundung?

Westheimer: Eine Granate traf das Studentenheim, wo ich wohnte, und tötete einige Mädchen. Das Schrapnell einer Artilleriegranate bohrte sich durch meine beiden Füße. Meine Rettung war dieser geschulte Chirurg, dem verdanke ich, dass ich heute Ski fahren und eine ganze Nacht durchtanzen kann.

ZEITmagazin: Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, als Sexualtherapeutin zu arbeiten?

Westheimer: Bei dem Angriff war ich zwanzig, damals habe ich nicht gewusst, dass ich Sexualtherapeutin werden möchte, aber ich habe gewusst, dass ich leben will. Im Jahr 1951 bin ich von Israel nach Paris gegangen und habe an der Sorbonne Psychologie studiert, und dann wollte ich einen Onkel in Amerika besuchen. Ich hatte keine Familie mehr in Europa und wollte ihn unbedingt in Amerika besuchen und sehen, ob er so klein ist wie ich. Er war zwar klein, aber nicht ganz so klein wie ich. Dann habe ich angefangen, an der Columbia-Universität zu arbeiten, und zum Thema Familienplanung meine Doktorarbeit geschrieben. Heute mit 88 Jahren unterrichte ich weiterhin an der Uni.

ZEITmagazin: Sie werden wegen Ihrer effektiven Sextipps ja als "Sex-Päpstin" bezeichnet. Deswegen die direkte Frage: Was ist das Geheimnis von gutem Sex?

Westheimer: Geheimnisse gibt es nicht. Wichtig ist: ein gutes Verhältnis mit dem Partner, ob das jetzt ein Mann und eine Frau oder ob das zwei Männer oder zwei Frauen sind, egal. Dann klappt es mit dem Sex. Wenn es also mit dem Sex nicht klappt, aber das Verhältnis in der Partnerschaft einigermaßen gut ist, dann kann ein Sextherapeut weiterhelfen.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe


Anmerkung der Redaktion: Im gedruckten Magazin Nr. 5 stand fälschlicherweise, Ruth Westheimer sei im hessischen Wiesenfeld geboren. Wir haben diesen Fehler hier korrigiert.

Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich verstehe nicht, wie dieser Judenhass damals entstand. Sind diese Menschen so dominat aufgetreten, dass daraus eine Aneigung entstand?
Heute, wenn ich sehe wie Israel Angst und Schrecken verbreitet, verstehe das schon eher.

Ich habe große Achtung vor Frau Westheimer, vor dem, was sie aus ihrem Leben machte,. So agil möchte ich mit 88 Jahren auch noch sein.