Sachsen Ein schreckliches Heim-Weh

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ZEITmagazin Nr. 5/2017

Geboren und aufgewachsen in Sachsen, zog unsere Autorin Carolin Würfel irgendwann fort. Wenn sie heute heimkehrt, fühlt sie sich seltsam fremd – nicht erst seit Pegida und brennenden Flüchtlingsheimen. Warum, fragt sie sich, ist Sachsen wirtschaftlich gesehen das Vorzeigeland im Osten – aber politisch so hintendran? Immer wieder ist sie in den vergangenen Monaten dorthin gereist, um Sachsen zu verstehen. Dabei halfen ihr auch ihre Erinnerungen: an ihre Sportlehrerin, die die DDR verklärte, an überhebliche Westdeutsche und an einen Springerstiefel im Gesicht ihres Jugendfreundes. Und der Mann, der die Verantwortung für das Land übernommen hat: Stanislaw Tillich

Jedes Mal, wenn ich nach Hause fahre und am Leipziger Hauptbahnhof aussteige, befällt mich ein Gefühl der Enge. Als seien die Menschen hier irgendwie gehemmt, als sei jede Bewegung nach vorn zu gefährlich. Dann denke ich darüber nach, wann mir mein Bundesland so fremd geworden ist. Nicht erst, seit Neonazis durch Dresden marschieren und Rechtsradikale, die sich Pegida nennen, die Kanzlerin beschimpfen und seit es einen Ministerpräsidenten gibt, der dabei zusieht. Dem die Worte fehlen. Der anscheinend nichts tut, wenn Flüchtlinge in Freital, Clausnitz, Heidenau und Bautzen Opfer rechter Gewalt werden oder sich der Terrorverdächtige Syrer Jaber al-Bakr in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Leipzig an einem T-Shirt erhängen kann.

Ich muss daran denken, wie meine kleine Schwester mir von dem Kinofilm Als wir träumten erzählte: fünf Freunde aus Leipzig, kurz nach der Wende, große Sehnsucht, viele Drogen, wenig Licht. Und wie enttäuscht sie von dem Film war, weil seine Handlung für sie eben nicht überraschend, sondern Alltag war. "Das ist mein Leben, jedes Wochenende", sagte sie, "die Techno-Clubs, die alten Industriehallen, die dunklen Keller, die Drogen, die Nazis." Das ist nicht nur Vergangenheit, das ist immer noch Gegenwart in Sachsen. Zusammen mit der Enge, die selbst junge Menschen nicht entlässt. Wie auf einer Techno-Party in einem Leipziger Club vor vier Wochen, wo sich 18-jährige Leipziger auf der Tanzfläche darüber aufregten, wie sehr diese neuen Studenten aus Westdeutschland, Frankreich und Spanien nervten und wie ätzend es sei, die Stadt nicht mehr für sich zu haben. Dass sie nun neben Fremden tanzen müssten.

Woher kommt die Angst vor dem Fremden? Wann ist sie so groß geworden, dass sie sich zwischen mich und meine Heimat gedrängt hat? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, bin ich in den letzten Monaten immer wieder nach Sachsen gefahren und habe den Mann begleitet, der an der Spitze dieses Landes steht. Stanislaw Tillich, das ist mir dabei immer klarer geworden, ist wie das Land, mit seinen guten und seinen schlechten Seiten. Und vielleicht ist genau das das Problem.

Ein Abend im Juni in der Kreuzkirche in Dresden. Letzte Sonnenstrahlen durchfluteten das Kirchenschiff. In den Bankreihen saßen Dresdner Bürgerinnen und Bürger. Die meisten waren zwischen 50 und 75 Jahre alt, trugen Kleidung in gedeckten Farben und ordentliche Frisuren. Das Thema des Abends war "Bürger ohne Macht?! – politische Beteiligung in Dresden". Es war die sechste öffentliche Bürgerversammlung, die die Stadt gemeinsam mit der Kirche veranstaltete, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Als Redner und Gesprächspartner war Stanislaw Tillich eingeladen. Sein Pressesprecher war nervös. Veranstaltungen wie diese, die ein schnelles Reaktionsvermögen und Redegewandtheit erfordern, sind nicht Tillichs Stärke.

Stanislaw Tillich stand vor dem Publikum und lächelte. Er trug einen grauen Anzug und eine weinrote Krawatte. Seine Hände hielten sich an kleinen, eng beschriebenen Zetteln fest. Er sagte: "Meinungsfreiheit gilt in jede Richtung. Das ist Teil der Demokratie, aber es gibt Grenzen, wenn es rassistisch oder ausgrenzend wird." Und: "Man soll streiten, aber auch einen Dialog führen und die andere Meinung hören." Demokratie als Frontalunterricht.

Seine Stimme dröhnte, warm und weich, wie ein Kontrabass. Und dann trat ein junger Mann aus dem Publikum ans Mikrofon. Er war blass und schmal, trug ein weißes Hemd, schwarze Jeans, schwarzes Jackett. Das schwarze Haar lag gescheitelt auf der rechten Seite. Seine Erscheinung in all dem Braun-Beige-Grau fiel auf. Er hatte eine Frage an den Ministerpräsidenten: "Was tun Sie eigentlich gegen den Völkermord an den Weißen?" Er habe sich ausgerechnet, dass er 2020 zu einer Minderheit gehören werde, wenn die Zahl der Einwanderer weiter steige. Einen Augenblick lang war es still. Dann rollte der Applaus wie eine Welle von hinten über die Bankreihen, unterbrochen von Zurufen: "Genau!" oder "Das ist die Wahrheit!"

Tillich wartete geduldig, bis sich das Publikum beruhigt hatte, verwies auf das Asylrecht und sagte: "Nicht alle, die kommen, dürfen auch bleiben." Es folgte kein Vortrag über Menschenrechte oder Integration, kein "Wir schaffen das". Stattdessen: "Frau Merkel und ich sind auch keine Könige. Wir müssen auch um unsere Meinung werben und vor dem Parlament vorsprechen. Demokratie heißt auch, eine Meinung zu finden, die für die Mehrheit akzeptabel ist." Statt dem Angriff etwas entgegenzusetzen, sich der Wucht dieser absurden Aussage zu stellen und sie zu widerlegen, reagierte Tillich defensiv.

Ein Teil der Sachsen, das habe ich an diesem Abend und in diesen Wochen zu Hause gemerkt, wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher als jemanden, der durchregiert und alles regelt. Sechzig Jahre und zwei Diktaturen lang wurde hier die Freiheit eingeschränkt. Jetzt, wo sie da ist, weiß man nicht, was man mit ihr anstellen soll. Ich glaube, diese Verunsicherung führt dazu, dass Eltern ihren Blick nach innen statt nach außen richten und diese Haltung auch an ihre Kinder weitergeben. Ich wurde 1986 in Leipzig geboren. Ich kann mich an das Leben in der DDR nicht erinnern. In meinem Kopf sind die Bilder meiner Kindheit klein, schwarz-weiß und etwas unscharf. Aber in den Köpfen meiner Eltern, ihrer Geschwister, Freunde und Bekannten leben die DDR und die Anpassungsstrategien ihrer Bewohner weiter.

In der Grundschule begannen wir, auch noch Jahre nach der Wiedervereinigung, den Sportunterricht mit dem Sportlergruß der Deutschen Demokratischen Republik. Wir standen hinter einer weißen Linie in der Turnhalle. Die Sportlehrerin vor uns. Sie sagte: "Wir begrüßen uns mit einem Sport ...", und wir riefen: "... frei!", ohne uns der Tradition, in die wir uns in diesem Augenblick stellten, bewusst zu sein. Für unsere Lehrerin gehörte dieses Sich-Einreihen und -Unterordnen, für das diese Geste ja auch steht, zu dem System, in dem sie ihr halbes Leben verbracht hatte. Einem System, das sie nicht nur kannte, sondern das sich in Kopf und Gedanken eingebrannt hatte. So gut, dass es auch noch in den neunziger Jahren ohne die alten Obrigkeiten funktionierte. Die Maximen der DDR, die dazu anhielten, als Bürger bloß nicht aufzufallen, existieren bis heute. Das Problem sind nicht nur die Schreihälse auf den AfD-, Pegida- und Neonazi-Aufmärschen, sondern auch all die anderen, die seit zwei Jahrzehnten in der "BRD" vor sich hin leben und zwar den Kapitalismus verinnerlicht haben, seine Vorzüge und Nachteile, aber nicht die Demokratie und den Rechtsstaat, in dem wir leben.

Kurt Biedenkopf, der erste Ministerpräsident nach der Wiedervereinigung, heißt bis heute in Sachsen "König Kurt". Seine viel zu lange Amtszeit und seine Rolle als Erzieher der Ostdeutschen haben das Land wirtschaftlich und strukturell auf Kurs gebracht, aber das Leben in einem starken Staat und unter starker Führung um weitere zwölf Jahre verlängert. Das störte niemanden. Es ging schließlich vorwärts, Sachsen zog an den anderen neuen Bundesländern vorbei, wurde zum Vorzeigeland. Bis auf die regelmäßigen Ausfälle von Neonazis, aber "gegen den Rechtsextremismus ist Sachsen immun", hatte König Kurt ja auch befohlen. Ich erinnere mich an die Jahre kurz nach der Jahrtausendwende, als wir nachts mit der Straßenbahn in die Hinterhofclubs im Süden von Leipzig fuhren und irrsinnige Angst vor den Typen mit Springerstiefeln und Glatze hatten. An einem Abend im Sommer warteten sie auf uns. Am Goerdelerring, im Zentrum. Mein Freund hatte danach den Abdruck eines Springerstiefels im Gesicht. Wir riefen die Polizei. Sie kam nicht. Wir gingen trotzdem tanzen.

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