Ich habe einen Traum Violetta Schurawlow

"Mich aus großen Höhen fallen zu lassen: Das ultimative Gefühl von Freiheit"
ZEITmagazin Nr. 5/2017

Als Kind hatte ich zwei Helden: Peter Pan und Robin Hood. So wie sie wollte ich auch sein – frei und selbstbestimmt. Ich habe mich so sehr mit ihnen identifiziert, dass sie mich nicht nur in meine Träume verfolgten, sondern auch zu einem Teil meiner Wirklichkeit wurden: Mit meinem Bruder konnte ich mich stundenlang in Rollenspielen verlieren, wir sprangen vom Garagendach, fühlten uns dabei wie unsere Helden und vergaßen darüber alles andere.

Als Kind hat man die Freiheit, sich seiner Fantasie völlig hingeben zu können. Man tut das, wofür das Herz schlägt. Kind zu sein bedeutet für mich, bedingungslos in seine eigene Welt verliebt zu sein. Deswegen träume ich heute oft davon, wieder ein Kind zu sein.

Früher zog ich mit meinem Bruder durch die Wiesen und Felder in Kevelaer. Dort erlebten wir als Kinder jede Menge imaginäre Abenteuer. Wir durchkämmten ein Maisfeld auf der Suche nach Schurken oder gerieten in einen Schneesturm. Besonders liebte ich es, auf Bäume zu klettern oder mir aus Ästen Pfeil und Bogen zu basteln. Den Großteil meiner Kindheit verbrachte ich im Freien, in meiner eigenen Traumwelt.

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch bei meiner Tante. Wir Kinder tobten durch ihren Garten und kletterten mal wieder auf Bäume. Irgendwann rief sie uns, denn wir sollten ins Bett. Ich aber hatte mir in den Kopf gesetzt, auf einem Baum zu schlafen. Zu meinem Ärger durfte ich das nicht. In der Nacht fragte ich mich, warum nicht alle Menschen Kinder sein könnten. Dann würden auch alle verstehen, wie schön es wäre, auf Bäumen zu schlafen.

Ich begriff die Sorgen der Erwachsenen nicht, denn mir war nie etwas passiert. Trotzdem hörte ich immer wieder: Lass das, du bist kein Junge, werd erst mal erwachsen! Diese Ansagen kamen meistens von meinen Lehrern.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Erlebnis in der fünften Klasse im Internat. Ich saß während der Hausaufgabenstunde im Klassenraum und schaute aus dem Fenster. Draußen regnete es. Der Regen wirkte auf mich geradezu hypnotisch. Ohne zu fragen, rannte ich raus auf den Schulhof, dort hüpfte ich vor Freude durch die Pfützen – bis mich eine Lehrerin mit fürchterlichem Geschrei wieder reinholte. Zur Strafe war die Pause für mich gestrichen.

Als ich älter wurde, träumte ich häufig davon, mich aus großen Höhen fallen zu lassen. Ich spürte dabei ein Kribbeln am ganzen Körper. Die Vorstellung machte mir keine Angst, im Gegenteil. Sie war für mich das ultimative Gefühl von Freiheit.

Mit 25 machte ich dann meinen ersten Fallschirmsprung. Davon geträumt hatte ich schon lange. Als ich dann im Flieger an der offenen Tür saß, war mir etwas mulmig. Aber in dem Moment, in dem die Angst überwunden war, ich nach vorne kippte und durch die Luft glitt, fühlte ich mich total frei. Deswegen träume ich davon, wieder Kind zu sein: weil man als Kind genau dieses Gefühl der Freiheit hat.

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