Altern Silberstreifen

Wie sind sie so, die letzten Lebensjahre? Unsere Autorin Susanne Mayer, 64, spricht mit Heiner Geißler, 86, der schon Politiker war, als sie studierte. Mit einer 70-jährigen Bäuerin, die jetzt nur noch die Kühe melkt. Mit dem Mann vom Schlüssel-Laden, 76, dessen Rente allein nicht reicht. Und mit der 93-jährigen Autorin Ilse Helbich, die erst mit 80 anfing zu schreiben. Von
ZEITmagazin Nr. 6/2017

Wie lange ich das schon nicht mehr gehört habe! Diesen Ohrwurm. Den Satz, den die Leute sagten, als ich 30 wurde, als ich 40 wurde, 50, dann 60 – wann hat das zuletzt jemand gesagt, mit dieser freudigen, unglaubwürdigen Emphase, die man von guten Freunden erwarten kann: "Das sieht man dir gar nicht an!" Das inbrünstige: "Du bist der Neid aller 40-Jährigen!" Das augenaufreißende: "50? Nicht zu fassen!" Das aus gewölbtem Brustraum kommende: "60? Soll das ein Scherz sein?" Stille. Muss ich mir Sorgen machen? Sehe ich jetzt so alt aus, wie ich bin? Ist man älter als alt, wenn man so alt ist, wie man aussieht? Stirbt man dann bald?

"Die einzige Angst, die berechtigt ist, ist die vor dem Tod", hat Heiner Geißler gesagt. "Von hundert Leuten sterben hundert." Ich ertappe mich dabei, wie ich diesen Satz jetzt öfter zitiere. Immer ein Lacher. Geißler reißt es. Geißler war schon da, als ich noch jung war, und ist nun 86 Jahre alt und nicht tot. Aber irgendwann natürlich doch. Er und auch ich. Wir alle. Fragt sich nur, wann.

Man möchte es in den Griff kriegen, das Gefühl der Endlichkeit. Man will doch nicht, Fuß auf dem Gas, in Richtung dieser Nebelwand brausen, ohne zu sehen, wo es hingeht, oder? Wo man sich das ganze Leben um Fokussierung bemüht! Ich habe gelesen, dass Wissenschaftler jetzt bestimmen können, wie alt man biologisch ist, bis auf Monate genau, und dann abschätzen, wie viel Zeit einem noch bleibt. "Hannums Altersprädikator"! Klingt wie etwas, was in der Apotheke oben im Regal verstaubt. Ist aber eine hypermoderne Analyse von DNA-Methylierungsmustern, es geht um stummelig werdende Telomere an den Enden unserer Nerven. Die Wissenschaftler untersuchten 65.000 Leute – et voilà: Die Sterberate unter denen mit den kürzesten Stummelchen ist um 40 Prozent höher. Das ist eventuell genauer, als man es wissen möchte. Mir reicht ja schon der Blick in den Spiegel.

Silbrige Fäden überall. Ein weißes Nest jetzt rechts oben am Haaransatz. Bald sehe ich aus wie die von mir verehrte kluge Susan Sontag (gestorben 2004) mit ihrer weißen Signature-Strähne, die selbst Leute kennen, die nie eine Zeile von ihr gelesen haben. Ob man dann so klug sein wird wie Susan Sontag, im Alter? An den Schläfen, neben meinen Ohren, entsteht ein dünnes helles Gewölk. Man möchte daran reißen, wär da nicht die Angst, es könnte ausgehen. Was dann?

Dankbar nehme ich zur Kenntnis, dass das Bundesverfassungsgericht das Verbot, ein Kopftuch zu tragen, aufgehoben hat. Ich denke an die alten Frauen in meinem Dorf, die mit ihren Kopftüchern und den Harken auf den Schultern in die Kartoffeln zogen, vorbei am Friedhof. Die Gesellschaft der anderen Alten fühlt sich tröstlich an, so wie die Nähe der Möbel, die mich mein Leben lang umstellt haben. Ich merke, wie liebevoll ich den Sekretär betrachte, vor dem ich schon als Vierjährige auf einem Kissen saß. Es waren die fünfziger Jahre, und in Ermangelung von Spielzeug zog das Kind, das ich einst war, über Stunden die kleinen Schubladen auf und räumte sie aus. Sie steckten voller goldener Brillen, welche die verstorbenen Vorfahren vergessen hatten, mit ins Grab zu nehmen. Und dann räumte ich sie ordentlich wieder ein, in ihre kleinen Sargschubladen. Aber zurück zu Geißler.

Er war, wie gesagt, schon da, da war ich noch auf der Schule. Gefühlt. In Wahrheit wurde Heiner Geißler Generalsekretär der CDU, als ich auf der Uni war. Er hatte immer diese intellektuelle Brillanz, die flüssig in Arroganz übergeht, andererseits cool ist. Ich erinnere mich an eine Fernsehshow, wo er auf Punks prallte. Geißler schaffte es binnen Sekunden, sie zu provozieren. Toll! Sie sprangen auf, grölten, sie machten sich total lächerlich. Ich heulte vor Wut, so jung war ich damals. Aber natürlich ist es ein untrügliches Zeichen von Alter, Vergangenes genau zu erinnern, während man vergisst, wo die Post liegt, die man gerade aus dem Briefkasten geholt hat.

Neulich habe ich beschlossen, Heiner Geißler einfach mal anzurufen. Warum auch nicht, ich kenne ihn ja fast mein Leben lang. Meine Sicht von Geißler hat sich über die Jahre geändert, mir scheint, auch er hat sich verändert. Vom Scharfmacher der CDU hat er sich gewandelt zu einem, der auf die politische Landschaft blickte und versuchte, sie nach Kriterien der Vernunft zu ordnen. Er war einer der wenigen Männer, die bemerkten, dass in dieser Landschaft kaum Frauen vorkamen. Einer, der lernt. Was hat einer wie Geißler wohl zum Alter, zum weißen Gewölk, zum Finale zu sagen?

Ich sage: "Hallo, Herr Geißler", er sagt: "Ja? Hallo! Und was machen wir jetzt so miteinander?" Verwegene Frage. Ich sage: "Lassen Sie uns über das Alter reden. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie alt werden?" Geißler: "Ich glaube, so richtig bewusst wurde mir das, als ich 80 wurde." Gut gegeben. Was also war mit 80 anders? "Plötzlich hatte ich eine Acht vorne." Herr Geißler, die Frage ist nicht, was an der Zahl anders war, sondern an Ihnen. "Also, aufgefallen war es mir nicht, das Alter. Weil ich mich noch genauso top gefühlt habe wie mit 60 oder 70. Ich habe mit 80 noch ziemlich schwierige Klettertouren gemacht. Das Alter hat mich nicht sehr beeinträchtigt. Will sagen: gar nicht."

Das Gefühl des eigenen Alters, rückt Herr Geißler schließlich doch heraus, sei in letzter Zeit ein anderes, er brauche jetzt, wenn er mit seinen Söhnen den Berg hochlaufe, ungefähr 25 Prozent länger. Okay: 30! Ist ihm schon mal der Gedanke gekommen, dass es auf die letzte Strecke geht? Klar. Beim vorigen Klassentreffen: Von der Klasse, mit der er in St. Blasien 1949 Abitur gemacht hat, ist gerade noch einer erschienen. Außer ihm. Also insgesamt zwei.

Und was denkt er, wenn er in den Spiegel schaut und ein älterer Herr zurückschaut? Geißler: "Mir gefällt der Begriff 'älterer Herr' nicht. Und deshalb will ich auch nicht so aussehen. Die meisten alten Männer achten ja nicht auf sich. Rasieren sich nicht, schneiden sich nicht die Haare. Das mache ich. Ich guck schon, dass ich einigermaßen ordentlich aussehe."

Also Haare schneiden. Kein Schweinefleisch, lieber mal ein Kalbsfilet. Ab und zu ein Weinchen, er lebt in der Pfalz. Gerne auch ein Bier. Dabei nicht zunehmen. Viel Gemüse! Er könne eine gute Tomatensuppe kochen, legt Geißler nach, aber schon sind wir bei Trump, beim Populismus, wie man die Demokratie aufmöbelt! Keine Frage, er ist geistig fit. Erinnert sich an alles, an "Kapitalfehler vom Kohl", an den Kampf für Frauen. Häusliche Gewalt! Habe man damals kaum thematisieren können, nicht in der CDU, "da hatten viele eine Mentalität wie die Taliban!" Einheimische Taliban in Bonn, das weiß er noch.

Kommentare

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Erstaunlich, was Sie so herauslesen. Ich kann keine Andeutung erkennen, dass "die Russen" von damals (die wenigsten werden noch leben) irgendwie anders waren als "die Deutschen" oder "die Briten" oder "die Polen" oder "die Letten" usw. von damals.

Ich habe das verstanden als eine Aussage über eine andere Zeit und andere (kriegerischere, nationalistischere) Zustände. Diese Zeit ist mir (zum Glück) so fremd, dass Nationalitäten fast keinen Unterschied machen. Die Russen dieser Zeit waren genau wie die Deutschen dieser Zeit Menschen, die in einer Welt ohne Internet (ja sogar ohne Fernsehen und ohne Gefrierschränke, in der es Wahlrecht nur für Männer gab, Homosexualität strafbar und Gewalt in der Kindererziehung legal war - und zwar praktisch überall auf der Welt*) gelebt haben und durch diese Welt geprägt waren. Was sind im Vergleich dazu die Unterschiede zwischen Nationen?

Natürlich gibt es an den Staaten und Rechtsordnungen von Heute viel zu kritisieren. Aber im Vergleich zu eigentlich allen Staaten der Welt in den 40er Jahren sind sich Deutschland und Russland von heute ziemlich ähnlich können wohl auch als ziemlich liberal gelten.

*) ok, an manchen Orten gab es damals (wie heute) gar kein Wahlrecht und auch heute gibt es Orte, wo Sexismus und Homphobie noch gesetzlich verankert sind (auch in Deutschland haben wir die Altlasten nicht besonders gründlich aus der Rechtsordnung entfernt).