Männer! Territoriale Aggression

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DIE ZEIT Nr. 6/2017

Mannomann! Die Kinder sind aus dem Haus, alle Haargeltuben sind entsorgt, sämtliche Harry Potter-Bände verschenkt – und jetzt die Wiederkehr von Dem, dessen Name nicht genannt werden darf. Die Welt will sich verstecken und kann nicht. Wo liegt die Reichweite eines bad guy? Gute Frage. Die Luft ist getränkt mit Testosteron wie die Startbahn eines Militärflughafens mit Kerosin, wohin also weht der Wind, wo ist mit Fallout zu rechnen? Auf der Südinsel von Neuseeland haben furchtsame Amis die letzten Ferienhäuschen aufgekauft. Jaja, man kann sich die Augen und Ohren zuhalten und wegwünschen und sieht doch wie eingebrannt das Bild, wie kleine Männerhände mit einem länglichen Objekt herumfuchteln, scharfes Auf- und Abgeruckel, dann wird etwas Weißes vorgezeigt. Die Welt, also die Zeitung, hat Dem, dessen Name nicht genannt werden darf einen Spitznamen verpasst: der Dekretin. Ja, keine Witze über Behinderte. Aber man freut sich heute über jedes Kichern. Der meistgeklickte Männertyp ist gerade fett drauf.

Es ist mir ein Rätsel, warum Diktatoren so hässlich sind. Der klassische Diktator hat eine Mangelfigur. Formlos (der neue). Geschrumpfte Hodengarnitur (unser alter). Schlechten Haarschnitt (Stalin). Keine Haare (Assad). Als ich diese These in kleiner Runde testete, wurde der Einwand erhoben, Gaddafi sei als junger Spund supersüß gewesen. Stimmt. Aber da war er noch kein Diktator. Als er einer war, sah er aus wie ein Zirkusdirektor, der in seinem mottenzerfressenen Zelt darauf wartet, dass die Drückerbande mit einer Handvoll Dollar zurückkommt, die sie weichherzigen Señoras für das Füttern der Elefanten abgeschwatzt hat.

Ich gehöre zur Generation, die nicht mit Kinderbüchern zugeschüttet wurde. Es gab als Primärlektüre ein Bildchenbuch. Die Nibelungen! Herausgeber war eine Haferflockenfirma, weshalb meine Mutter als junge Frau viel Porridge aß und dabei sorgsam Siegfried-Täfelchen einklebte. Sie zeigten einen schnittigen Typen hoch zu Ross, man bewunderte ihn dafür, wie er in der einen Hand die Zügel hielt und in der anderen einen hübschen Schild ausbalancierte, während die in Kettenstrumpfhosen steckenden schmalen Beine zu Steigbügeln führten, in denen sich Schnabelschuhe mit den Fersen nach unten durchdrückten. Die Botschaft war: Der Schöne ist der Gute. Das Gute im Mann zeigt sich in seiner Schönheit. Diese Herrscher konnten dichten! Liebeslyrik!

Nein, ich plädiere nicht für eine Rückkehr ins Mittelalter. Aber es hatte Vorteile. Beschränkte Waffenwahl! War ein Konflikt durch Diplomatie nicht zu lösen, mussten auch mal die Heeresführer ran, zum Duell vor erleichtert zuschauenden Hundertschaften. Das konnte so oder so ausgehen. Ein riesiger Trumm schmeißt sich, wie im Burghof trainiert, auf seinen Kontrahenten, etwa einen kleinen asiatischen Aggressor. Oder, andersrum: Der kleine Asiat schreit "DIK! SIK! YA!", und unser Trumm liegt plötzlich auf dem Rücken und kommt, durch ungünstige Verteilung von Bauchfett, nicht mehr hoch.

Es waren die Zeiten, in denen bei Schlachten auch mal 10.000 feindliche Soldaten auf dem Feld blieben und ein Überlebender ins nächste Dorf geschickt wurde, um die Botschaft zu überbringen. Fußläufige Verbreitung von Nachrichten! Ins nächste Dorf!

Klar, Eindämmung ist vorbei. Der, dessen Name etc. hat sich viral verbreitet. Vor zwei Tagen wurde ich fast von einem Panzer niedergemäht. Bretterte über den Bordstein auf den Bürgersteig, kam eine Handbreit vor mir zum Stehen. Als ich eine Beschwerde wimmerte, grölte es aus dem SUV: "Also ich wohne hier!" Territoriale Aggression. Die Person war supergestylt. Kein Mann, eine Frau. Ja, der schlimmste Trump sitzt in uns. Ups, jetzt habe ich es doch gesagt.

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