Jürgen von Rutenberg Über Meinungsverschiedenheiten

Von
ZEITmagazin Nr. 6/2017

Lieber Harald Martenstein, vielen Dank für Ihren offenen Brief an mich in der vorigen Ausgabe. Darauf darf ich jetzt ebenso offen antworten, Sie haben mir dafür sogar diesen kostbaren Platz hier überlassen.

Ganz schön viel Platz, und so viele Zuschauer! Mal sehen: Tipp, tipp, tipp, schreib, schreib – läuft schon ganz gut, vielleicht ist Kolumnenschreiben doch gar nicht so schwer, wie ich immer dachte.

Normalerweise muss ich als Redakteur Ihre Kolumne nur in Empfang nehmen, sie auf versteckte Fehler hin durchstöbern und dann Ihnen gegenüber so scharf wie möglich kritisieren, bevor sie gedruckt wird. Es stimmt schon, nach all den Jahren: Wir sind ein altes Paar. Und auch alte Paare müssen sich manchmal in aller Öffentlichkeit streiten, im Restaurant, im Supermarkt oder eben hier auf dieser Seite. Das schafft Transparenz.

In meinen Mails schmeiße ich Ihnen Woche für Woche jede Menge Einwände an den Kopf. Mal spiele ich den Anwalt der LeserInnen, mal den des Teufels, meistens sage ich Ihnen einfach meine Meinung. Die Bandbreite meiner Kritikpunkte reicht dabei von Feinheiten der Zeichensetzung über Humorfragen bis hin zur Geißelung komplett schiefgewickelter Grundannahmen und moralphilosophisch fragwürdiger Thesen. Manchmal einigen wir uns, manchmal nicht.

So einen Fall hatten wir vor zwei Wochen. Eine kurze Passage zur Flüchtlingspolitik in Ihrer Kolumne über den abgeschobenen Afghanen Samir Narang war mir, wie Sie schreiben, "gegen den Strich" gegangen, nämlich diese: "Zuerst lässt man Hunderttausende herein, ohne sie sich vorher genau anzuschauen. Eine humane Großtat war das nicht. Die Opfer von terroristischen Anschlägen sind nämlich auch Menschen." Ich las das, zuckte zusammen und schrieb Ihnen, warum ich diesen Gedankengang problematisch finde. Vorige Woche haben Sie an dieser Stelle – schön haben Sie’s hier, übrigens! – auf meinen Einwand ausführlich geantwortet, mit ernsthaften Argumenten, über die man ernsthaft nachdenken kann. Sie schreiben, es gehe Ihnen nicht darum, "ob man Flüchtlinge aufnehmen sollte – ich bin dafür", sondern um "die Art, wie wir das getan haben": Ein "Verzicht" auf gründliche Grenzkontrollen habe das Sicherheitsrisiko in Deutschland "maximiert".

Das kann man vielleicht so sehen, ich sehe es nicht so. Was ich sehe, immer noch, sind die täglichen Bilder der Ertrunkenen und Ertrinkenden im Mittelmeer; eine unübersichtliche Notlage; heldenhafte Helfer, Polizisten, Freiwillige, die im Ausnahmezustand ihr Bestes getan haben; und eine Regierungschefin, die ihre politische Zukunft darauf verwettet hat, dass "wir" das, wie auch immer, "schaffen". Woran ich mich definitiv nicht erinnere, sind Kalkulationen wie: Wir verzichten einfach mal auf Grenzkontrollen, ein Dutzend Terroropfer irgendwann sind ein akzeptabler Preis.

Wer sollte auch so kalkulieren können? Wie Sie selbst schreiben: "Die Zahlen der Toten kennt in Wirklichkeit niemand. Was ist, wenn unter den Opfern vom Breitscheidplatz der Mensch war, der ein Serum gegen Aids gefunden hätte?" Eben. Oder wenn unter den geretteten Flüchtlingen Hunderte Ärzte, Friedensstifter und andere Lebensretter waren? Oder auch nur ein einziger junger Mann, der aus lauter Dankbarkeit nicht zum Terroristen geworden ist? Was ich sagen will: Zwischen Flüchtlingsstrom und Terrorgefahr gibt es keine einfache Kausalität. Finde ich. Ich kann es allerdings auch aushalten, dass jemand das anders sieht und darüber offen diskutieren will. Sogar wenn das jemand ist, mit dem ich seit Jahren in einer beruflichen Paarbeziehung lebe. Das Gute daran ist jedenfalls: Eine Zensur findet nicht statt.

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