Ich habe einen Traum Maurice Ernst

"Als Fünfjähriger war ich Herr der leeren Diskotheken"
ZEITmagazin Nr. 6/2017

Besonders viel träumte ich, als ich sechzehn war und noch zur Klosterschule ging. Um sieben in der Früh ging der Unterricht los, um sechs am Abend war er vorbei. Das war im zweitgrößten Kloster Österreichs, in Kremsmünster. Die Regelmäßigkeit meines Schulalltags regte das Träumen in der Nacht an. Ich träumte so viel, dass irgendwann die Relation zwischen Traum und Realität verschwamm. Zeitweilig war das so intensiv, dass ich, während ich träumte, Dinge in meinen Träumen ändern konnte, wenn sie mir nicht gefielen. Deshalb hatte ich auch nie Albträume. Aber irgendwann war ich so sehr in meiner Halbtraumwelt gefangen, dass ich in der Schule meinen Sitznachbarn fragte: "Haben wir diese Schulaufgabe wirklich bekommen, oder habe ich das nur geträumt?"

Als ich heranwuchs, besaßen meine Eltern einige Clubs. In diesen Clubs kellnerte ich schon früh, um mir etwas dazuzuverdienen, und ich inhalierte die Musik. Morgens, wenn schon lange keiner mehr da war, stand ich gerne mal am DJ-Pult, blätterte durch die CDs und spielte mit der Lichtorgel. Als Fünfjähriger war ich Herr der leeren Diskotheken, was auch wie ein Traum war. Doch bevor das zu irgendetwas Ernsthafterem hätte führen können, hängten meine Eltern ihre Nachtclub-Karriere an den Nagel, verkauften die Läden und trennten sich.

Diese neue Situation erwies sich für mich als Türöffner, denn der neue Freund meiner Mutter drückte mir eine E-Gitarre in die Hand. Diese Gitarre machte mir bewusst, dass ich, was Musik angeht, etwas kann. Meine Mutter war nach Wien gezogen, und ich folgte ihr. Als Visitenkarte hatte ich da schon unser erstes Album dabei. Damit gehörte man gleich dazu in der Wiener Clubszene. Dank dieser Platte hatten wir das Selbstbewusstsein gepachtet.

Ich habe schon immer viel Fantasie gehabt und Wert darauf gelegt, sie so gut wie möglich auszuleben. Was ich in den letzten Jahren so durch die Musik erlebt habe, kommt mir unwirklich genug vor, deshalb habe ich auch nicht den einen großen Traum, der mich durch mein Leben begleitet. Es gibt allerdings auch noch solche Träume, die man gar nicht geträumt hat, die einem aber dann, wenn sie passieren, wie der größte Traum vorkommen, der überhaupt in Erfüllung gehen kann. Das war so, als der Regisseur Gore Verbinski unseren Song Spliff für seinen neuen Film A Cure for Wellness auswählte. Wenn ich mir vorstelle, wie der Regisseur und ein paar Schauspieler in Hollywood auf einem Sofa sitzen und begeistert Bilderbuch hören, dann ist das wie ein Traum. Und irgendwann muss man eben auch größer träumen.

Nachts träume ich heutzutage weniger als früher, aber dafür regelmäßig von der Liebe, mindestens zweimal im Monat. Es ist eher eine gesichtslose Liebe in diesen Träumen, es gibt da nicht die eine Traumfrau. Die Frauen in meinen Träumen verschmelzen vermutlich mit allen Frauen, die ich in meinem Leben schon getroffen habe. Und was da passiert, verschwimmt mit den Büchern, die ich grad lese. Zumindest bleibt mir immer die Erinnerung daran, wenn ich aufgewacht bin.

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