Türkei Cumhuriyet

© Klaus Kremmerz
Die türkische Zeitung "Cumhuriyet" wurde im Herbst vorigen Jahres weltberühmt, als Präsident Erdoğan ihre Führungsspitze verhaften ließ. Trotz aller Repression erscheint die Zeitung weiterhin, jeden Tag. Wie arbeiten die Journalisten unter diesem Druck? Unsere Autorin war eine Woche lang zu Gast in der Redaktion. Von
ZEITmagazin Nr. 6/2017

MONTAG: EINE REDAKTION SOLL SCHWEIGEN. Weil alles so wahnsinnig symbolisch ist in diesem Land, in dieser Stadt, liegt die Redaktion der Tageszeitung Cumhuriyet nicht an irgendeiner Straße, sondern an der Ecke zur İstiklal Sokağı, der "Straße der Unabhängigkeit" im Stadtteil Şişli. Sie ist nicht mehr abgesperrt, wie noch wenige Wochen zuvor, als sie alle aus der Redaktion festnahmen, die etwas zu sagen hatten. Der Wasserwerfer ist weg, aber auch die vielen Menschen, die tagelang vor dem Gebäude ausharrten, Reden hielten, sangen und von denen einige irgendwann erschöpft auf den Sofas und Sesseln im Eingangsbereich einschliefen. Keine schwer bewaffneten Polizisten mit kugelsicheren Westen mehr, die hier Taschen kontrollierten, manchmal auch Ausweise. Vielleicht wollten sie die Redaktion in diesen Tagen schützen, vielleicht auch schikanieren, womöglich beides. Der Staat sagte: Ich behalte euch im Auge.

Es ist ein Montag Ende November, seit Stunden regnet es. Die nächsten drei Tage wird es so bleiben. Das Redaktionsgebäude ist ein grauer und unscheinbarer Kasten, 20 Minuten Fußweg vom berühmten Taksim-Platz entfernt, wo vor fast vier Jahren Tausende Menschen tagelang gegen Staatspräsident Erdoğan protestierten. An der Fassade zur Straße hängt ein großes Plakat mit der Aufschrift: "An dieser Arbeitsstelle herrscht Mut."

Die Cumhuriyet ("Dschumhurijet" ausgesprochen) ist einer der letzten Orte für kritischen Journalismus in der Türkei. Und das klingt nicht einmal annähernd so dramatisch, wie es in Wirklichkeit ist. Die Organisation Reporter ohne Grenzen führt die Türkei auf ihrer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 151 von 180, sie ist noch einmal einige Plätze nach unten gerutscht und liegt nun hinter Tadschikistan und vor der Demokratischen Republik Kongo. Seit Längerem, vor allem aber seit dem vereitelten Putsch vom 15. Juli vergangenen Jahres geht die Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan mit voller Wucht gegen all jene vor, die nicht auf ihrer Linie sind. Alle, die die autoritäre Regierung, das Absterben der immer schon zerbrechlichen Demokratie und die Erosion der Gewaltenteilung kritisieren, werden zu Vaterlandsverrätern erklärt. Oder zu Schlimmerem. Sie sollen schweigen. Das betrifft vor allem Journalisten, Autoren, Publizisten.

Eine Woche lang werde ich Gast bei dieser außergewöhnlichen Zeitung sein. Ihre Besonderheit: dass sie immer noch jeden Tag erscheint. Vier Wochen sind vergangen, seitdem die gesamte Führungsmannschaft der Cumhuriyet festgenommen wurde. Jetzt sind die Redakteure auf sich allein gestellt. Ich werde ihnen bei der Arbeit zuschauen, sie dabei beobachten, wie sie Zeitung machen, während die Regierung sie mit einem Verfahren nach dem anderen überzieht und jeder Angst haben muss, dass er als Nächster festgenommen werden könnte.

Was sind das für Journalisten, die hier arbeiten – trotz allem?

Zum Beispiel ist da der Produktionschef, der von einem Tag auf den anderen Verantwortung für die gesamte Zeitung übernehmen musste. Da ist die Gerichtsreporterin, die Tag für Tag Prozesse erklären muss, die kaum zu verstehen sind. Der Zeitungsveteran, für den sich die Geschichte wiederholt. Da ist auch der investigative Journalist, der so viel weiß, dass es für zwei Leben reicht. Sie werden mir viel darüber erzählen, warum sie weitermachen – ohne viel Rücksicht auf sich selbst. Und einer von ihnen wird festgenommen werden, während dieser Text entsteht.

Bevor man die Redaktion betritt, muss jeder Besucher durch einen Metalldetektor gehen, Taschen werden durchleuchtet. Am Empfang sitzt eine Frau, die aussieht, als würde sie Einlass in ein besetztes Haus geben: knallrot gefärbte Haare, stark geschminkte Augen, grüner Schal, schwarzer Kapuzenpulli. An den Wänden hängen Schilder, dass hier das Rauchen verboten ist.

In der Redaktion angekommen, schlägt mir Zigarettenqualm entgegen. Ich treffe auf Bülent Özdoğan, den Interims-Chefredakteur, eine Zigarette in der Hand. An seinem Gesicht kann man ablesen, wie es jemandem ergeht, der von jetzt auf gleich alle Verantwortung für die von der Regierung meistgehasste Zeitung auf sich genommen hat. Und damit für 250 Mitarbeiter. Nachdem Chefredakteur Murat Sabuncu festgenommen wurde, übernahm Özdoğan, zuvor Chef vom Dienst, dessen Arbeit. Sabuncu seinerseits war auf Can Dündar gefolgt, der das Land verlassen musste, um einer möglichen Haft zu entgehen.

Eigentlich ist das Rauchen verboten in der Redaktion. Geraucht wird trotzdem. © Klaus Kremmerz

Die Schatten unter Özdoğans Augen sind nicht dunkel, sie sind fast schwarz. Im Türkischen sagt man, "von seinen Augen tropft Schlaf", wenn jemand seine Müdigkeit nicht mehr verbergen kann. Özdoğan scheint nicht begeistert davon zu sein, dass ich über seine Zeitung schreiben möchte. "Wir versuchen einfach normal unserer Arbeit nachzugehen. Das ist Routine für uns."

Jeder muss damit rechnen, dass er als Nächster festgenommen wird

Mittlerweile sitzen so viele gute und namhafte Journalisten in türkischen Gefängnissen, dass mit ihnen eine ziemlich gute neue Zeitung gemacht oder ein Fernsehkanal gegründet werden könnte. Doch der Fall Cumhuriyet ist ein besonderer. Sie ist die älteste Zeitung des Landes, so alt wie die Türkische Republik – und sie heißt auch noch so: Cumhuriyet, "Republik". Mit einer Auflage von etwa 50.000 Exemplaren ist sie zwar eine kleine Zeitung, aber über ihre Schlagzeilen und die Texte ihrer Autoren spricht man im ganzen Land. Als eine von wenigen Zeitungen gehört sie einer Stiftung und nicht wie die meisten anderen Medien einem der vielen mächtigen Geschäftsmänner in der Türkei, die mit ihren Unternehmen von öffentlichen Aufträgen abhängig sind.

Es war vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis die Behörden einen so massiven Schlag gegen die Zeitung vollzogen und am 31. Oktober nahezu die gesamte Führungsmannschaft festnahmen. Nachdem die Cumhuriyet vor etwa zwei Jahren über mutmaßliche Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien berichtet hatte, hat die Regierung es besonders auf sie abgesehen – die Zeitung hatte die Regierung vor der ganzen Welt vorgeführt. Wenige Monate nach der Veröffentlichung wurden zunächst der damalige Chefredakteur Can Dündar und der Ankara-Korrespondent Erdem Gül festgenommen. Über Dündar sagte Staatspräsident Erdoğan: "Er wird einen hohen Preis dafür bezahlen. Ich werde ihn so nicht davonkommen lassen." Er erstattete persönlich Anzeige gegen den Journalisten. Der Vorwurf lautete damals: Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen. Dündar und Gül saßen mehrere Monate in Untersuchungshaft und wurden anschließend zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Während Erdem Gül weiterhin das Hauptstadtbüro leitet und auf die Revision seiner Verhandlung wartet, konnte Dündar ausreisen. Er hat gerade in Berlin eine deutsch-türkische Nachrichtenplattform gegründet und schreibt auch eine wöchentliche Kolumne für die ZEIT.

Der Vorwurf gegen die zehn jetzt festgenommenen Mitarbeiter lautet: Nähe zu zwei Gruppierungen, die in der Türkei als Terrororganisationen eingestuft werden, zur "Arbeiterpartei Kurdistans", der PKK, und zur Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, die vor geraumer Zeit auch das Label "Terrororganisation" bekommen hat. Die türkische Regierung ist davon überzeugt, dass sie Drahtzieherin des Putsches vom 15. Juli ist. Die Vorwürfe gegen die Mitarbeiter der Zeitung erscheinen mindestens aus zwei Gründen absurd: Die beiden Organisationen, PKK und Gülen, stehen einander ideologisch unversöhnlich gegenüber; und viele Autoren der Cumhuriyet sind seit Jahren bekannt dafür, dass sie kritische Artikel und Bücher über die Gülen-Bewegung schreiben und dafür sogar schon im Gefängnis saßen, zu einer Zeit, als die heutige Regierung in ihr noch einen Verbündeten sah.

Der Druck auf ihre Mitarbeiter lässt nicht nach. Er steigt mit jedem Tag. Auch finanziell: Kaum eine Firma traut sich noch, Anzeigen zu schalten. Die "Republik" ist mittlerweile das einzige Printmedium von Belang, das kritischen Journalismus macht. Es heißt, dass die AKP-Regierung von Präsident Erdoğan mittlerweile 70 Prozent der Medien direkt kontrolliere. Seit nach dem Putsch der Ausnahmezustand verhängt wurde, sind etwa 150 Redaktionen per Dekret geschlossen worden, unter ihnen viele kurdische und linksgerichtete. Und eigentlich soll auch die Cumhuriyet schweigen. Keiner in der Redaktion weiß, was der nächste Tag bringen wird.

Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren