Harald Martenstein Über symbolische Schulfächer

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ZEITmagazin Nr. 7/2017

Für die Quizsendung Wer wird Millionär? hätte ich eine prächtige 16.000-Euro-Frage: Heißt der Bundesernährungsminister mit Nachnamen Müller, Meier, Schulz oder Schmidt? Richtige Antwort: Christian Schmidt, CSU. Heiner Müller und Martin Schulz sind nur zwei Beweise dafür, dass jemand trotz eines weitverbreiteten Nachnamens recht bekannt werden kann, aber dafür muss man halt auch was tun. Der Minister Schmidt hat jetzt gefordert, ein neues Schulfach "Ernährung" einzuführen, gemeint ist: gesunde Ernährung. Den gleichen Vorschlag hat auch schon Renate Künast gemacht, grün, eine seiner Vorgängerinnen. Wenn es eine schwarz-grüne Koalition gibt, käme demnach vermutlich das Fach "Ernährung". Die Einführung dieses Schulfaches dürfte den endgültigen Untergang des deutschen Bildungssystems bedeuten, dieser Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen.

Seit einiger Zeit führen sie an vielen Schulen die Inklusion ein, alle behinderten und alle nicht behinderten Kinder sollen gemeinsam unterrichtet werden. Es handelt sich um ein Projekt, das nur mit gewaltigen finanziellen Anstrengungen umsetzbar ist, falls überhaupt. Ich rede relativ oft mit Lehrern, fast alle erzählen Horrorstorys über die Inklusion. Ein Kind mit starken Verhaltensauffälligkeiten kann eine Klasse total lahmlegen. Die meisten Lehrer haben nicht die Ausbildung, die sie dazu brauchen, und selbst wenn sie diese hätten, immer stellt sich eine unbequeme moralische Frage: Darf man, um einem einzigen Kind ein bisschen zu helfen, zwanzig andere Kinder links liegen lassen? Wir brauchen viel mehr Leute, und zwar qualifizierte, damit es klappen kann, rufen die Lehrer. Kriegen sie aber nicht. Parallel dazu müssen jetzt ziemlich viele Flüchtlingskinder integriert werden, die kein Deutsch können, manche waren überhaupt noch nie in einer Schule. Man könnte also sagen, dass die Schulen schon mehr als genug Aufgaben am Hals haben. Es kommt aber noch etwas hinzu. Seit Jahren funken die Betriebe permanent SOS, weil zahlreiche deutsche Schulabgänger weder des Lesens noch des Schreibens und Rechnens kundig sind, trotz zum Teil hervorragender Noten in den dafür zuständigen Fächern. Wenn man also unbedingt neue Fächer einführen will, dann müssten die ersten neuen Fächer "Echt lesen und schreiben erlernen (Else)" heißen und "Ganz im Ernst rechnen (Gier)". Die neuen Fächer Else und Gier könnten meinetwegen parallel zu den alten, eher symbolischen Fächern Deutsch und Mathe unterrichtet werden.

Ein Kind, das nicht gut lesen kann, kommt mit all den gesunden Kochrezepten nämlich gar nicht zurecht. Bei der Zucchinipfanne mit Tofu genügt es doch schon, dass ein leseschwacher Schüler statt der Zucchini Zucker nimmt und statt des Tofu diese Toffifee-Pralinen. Zuckerpfanne mit Toffifee – schon ist der gesundheitliche Mehrwert verpufft. Mir ist auch ein Rätsel, wieso Christian Schmidt nur "Ernährung" einführen will und nicht auch das Fach "Schlafen". Ein gesunder Schlaf ist für das Wohlergehen genauso wichtig wie gesundes Essen, das sagt jeder Schlafforscher. Millionen Bürger leiden unter Schlafproblemen. Wieso tut der Staat nichts dagegen? Meine letzte Hoffnung für die deutschen Schulen bestünde im Falle von Schwarz-Grün darin, dass sie sich in den Koalitionsverhandlungen zerfleischen. Die CSU würde nämlich darauf bestehen, dass ganz oft mit Schweinefleisch gekocht wird, während die Grünen verlangen, dass während des Fastenmonats Ramadan der Ernährungsunterricht ausfällt.

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