Mode in der Stadt Angst ist ein schlechter Stylist

Früher diente die Stadt als Bühne, auf der man mit seiner Kleidung ein Statement setzte. Heute ist diese modische Selbstinszenierung nur noch im Internet zu finden, auf der Straße herrscht langweilige Neutralität. Mehr Mut würde uns guttun. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2017

Selten begegnen wir auf der Straße noch Menschen, die sich eigens zum Ausgehen angezogen haben. Zwar achtet man nach wie vor darauf, nicht zu frieren, doch der Blick der anderen spielt nur insofern noch eine Rolle, als man von ihm nicht tangiert werden will. Das ist nicht immer so gewesen. Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts diente die Stadt als Bühne, auf der man seinen Status und oft sogar seinen Beruf durch seine Kleidung demonstrierte. Man trat in der selbstverständlichen Annahme vor das Haus, schon durch die eigene Aufmachung in der Rolle anerkannt zu werden, die man im sozialen Kosmos spielte. In Zentren von Geld und Macht, wie bestimmten Vierteln von London, Paris oder Gstaad, mag solche Transparenz noch selbstverständlich sein, doch in weniger mondänen, aber trendrelevanten Städten wie Berlin und New York sind Anonymität und Unauffälligkeit die herrschenden Maximen. Der dortige Look hat nichts mehr mit dem Luxus gepflegten Understatements zu tun. Meist ist schon ein Mantel zu elegant. Man bevorzugt gestückelte Kombinationen, unaufgeregte Farben, den Anschein von Abgetragenheit. Formlose Jogginghosen, Stonewashed Jeans und zerbeulte Chinos erinnern noch an die Arbeiterromantik revolutionärer Gleichheitsstile, doch die Underdog-Rolle soll nicht mehr geglaubt werden. Sie ist bestenfalls Attitüde.

Seit die Vagabunden-Looks des japanischen "Atomic Chic" vor drei Jahrzehnten die Pariser Laufstege erschütterten, hat sich das Ansehen des Korrekten, Makellosen, Gebügelten und Gestärkten immens relativiert. Risse, Flecken, zerfranste Säume und Asymmetrien, alles sorgfältig Demolierte ist zum Signum des Handgemachten, Individuellen geworden. Die Konsumbeschleunigung durch immer günstigere und in immer größerem Volumen produzierte Mode hat dazu geführt, dass im Gegenzug Kleider mit Gebrauchsspuren an ideell-ästhetischer Relevanz gewannen. Die in sie eingeschriebene Lebenszeit wurde zu einem Wert. Es ging nicht mehr darum, das Auge sinnlich zu erfreuen. Im Gegenteil, man riskierte die Brüskierung im Interesse einer intellektuellen Genugtuung: Man sah zwar nicht mehr gut aus, aber man reduzierte den Ozonausstoß. Doch dabei handelt es sich um eine neue Art von Theater. Denn die Konsumlust hat nicht nachgelassen, nur werden Kleider jetzt seriell mit der Anmutung des Gebrauchten produziert.

Wir haben uns daran gewöhnt, an den Menschen vorbeizusehen, die uns im öffentlichen Raum begegnen. Identität und Attraktivität werden durch bewusst unkleidsame Kombinationen heruntergespielt. Die New Yorker Trendagentur K-Hole taufte den Trend 2013 "Normcore": ein Wortamalgam aus "Norm" und "Hardcore", das exzessive Konformität und die grassierende Vorliebe für schlichte Unisex-Basics meinte. K-Hole glaubte darin einen Gestus der Konsumverweigerung entdecken zu können, den aufgeklärten Verzicht auf jede Eitelkeit und damit eine neue Souveränität. Doch vor allem feierte die Agentur in dieser Allerweltskleidung den Schlüssel zur Empathie: Man verstand sie als Signal für eine niedrige Kommunikationsschwelle, für Friedfertigkeit, Offenheit, Erreichbarkeit.

Tatsächlich dienen diskrete Basics aber dazu, in der Menge unterzugehen, das Interesse lenken sie kaum auf sich. Die Spiegelung der eigenen unauffälligen Optik und Unverbindlichkeit reizt nicht zum Austausch. Man muss nur einen Hut aufsetzen, um zu erfahren, wie viel einladender und kommunikationsfördernder sich ein klares modisches Statement auswirkt. Doch für modisch suggeriertes Selbstbewusstsein möchte der Stadtnomade des 21. Jahrhunderts nicht mehr einstehen. Er bewirbt sich nicht um die Aufmerksamkeit der anderen, sondern lässt den Blick mit einer neuen Arroganz der Bescheidenheit gleichmütig an sich abgleiten. Feedback im analogen Raum ist ihm lästig. Denn der Weg zu sozialem Austausch führt nicht länger über die Straße. Zur Post oder zum Supermarkt ist man inkognito unterwegs und möchte als physische Restgröße seiner medialen Existenz nicht behelligt werden.

Wenn es noch eine Öffentlichkeit für spektakuläre Modeauftritte gibt, dann auf dem Spielfeld von Bloggern und Social-Network-Nutzern. Dort zieht man sich wirkungsvoll an, greift auf das traditionelle Vokabular der Mode zurück und genießt den digitalen Laufsteg-Moment. Jene geballte Aufmerksamkeit, die einst der respektablen Erscheinung im öffentlichen Raum entgegenkam, wird heute dem Selfie zuteil. Bei Mode-Bloggern, die dank ihrer guten Beziehungen zu Modemarken im Übrigen immer mehr an Tupperware-Verkäuferinnen erinnern, kann so ein Auftritt die ganze Komplexität klassischer Couture annehmen. Von eleganten Handschuhen und Gürteln über Rüschen, High Heels und aufwendiges Make-up bei den Frauen bis zu knallfarbenen Jacketts und handgebundenen Krawatten bei den Männern ist alles dabei. Digitale Megastars wie Kim Kardashian, Paris Hilton und Amanda Lepore haben das Opulenzprinzip sogar auf die Couture des Körpers übertragen und faszinieren ihre Follower mit einem endlosen Fotoroman der Selbstoptimierung durch kosmetische Chirurgie.

Im Mode-Blogging ist noch etwas vom expressiven Elan zu spüren, den die Auflösung der Dresscodes in den sechziger Jahren hervorrief. Damals verhieß sie die Entfaltung des Individuums: so viele Kleidungsstile, wie es Menschen gab, eine Explosion von Fantasie und Kreativität. Vor allem in England machte sich die neue Freiheit durch einen Boom der Jugendstile bemerkbar. Hippies, Punks, Techno-Jünger und New Goths agierten ihre subversive Weltanschauung in extremen Maskeraden aus. Dabei konnten die Sensibilität und Sorgfalt mancher Punk-Kreationen durchaus mit der Haute Couture konkurrieren. Von dieser missionarischen Energie in den Outfits individueller Jugendkulturen ist nicht viel übrig geblieben. Es hat eher den Anschein, als werde die Freiheit zur modischen Selbstentfaltung als Zumutung empfunden.

Respektvolle Eleganz

Die große Modebühne reagierte auf das Ende des Modediktats mit einer Kultur der reduzierten Eleganz. Yoji Yamamoto und Rei Kawakubo von Comme des Garçons deklassierten die Popfarben und XXL-Silhouetten der Dallas- und Denver Clan-Ära durch körperverhüllende Drapagen und fließendes Layering in melancholischem Schwarz. Sie hatten kein Interesse am Kampf um die Lufthoheit über sexuelle Signifikate, die Frauen in den Achtzigern zu breiten Schultern und Männer zu den anschmiegsamen Crêpestoffen Giorgio Armanis greifen ließ. Stattdessen machten sie die westliche Welt mit dem Charme des Asymmetrischen und kunstvoll Abgerissenen vertraut, mit einer androgynen Ästhetik des Nichtperfekten, die vom Vergehen der Zeit erzählte. Löcher, Strickfehler, sichtbare Steppnähte, all diese Tabubrüche der Mode summierten sich zu einer neuen Couture-Grammatik, in der nicht das Neue und die Jungfräulichkeit der meisterhaften Kreation im Zentrum standen, sondern persönliche Geschichten des Trägers. Akiko Fukai, Direktorin des Kostüminstituts in Kyoto, hat diese Beziehung von Kleid und Körper mit dem sehr japanischen Begriff "Ma" verbunden: einer Energie, die sich aus der Leere entfaltet und die Dinge erst zur Wirkung bringt. Für diese dem Westen neue Ästhetik spielt auch das aus der japanischen Teezeremonie stammende Konzept des Wabi-Sabi eine Rolle, das auf alles Ostentative verzichtet und stattdessen den diskreten Luxus des zweiten Blicks und atmosphärisch-poetische Qualitäten kultiviert.

Dass die Japaner die Mode in eine Vergänglichkeitsstudie verwandelt hatten, inspirierte auch den Antwerpener Martin Margiela. Er machte in seinen intellektuell herausfordernden Dekonstruktionen Produktions- und Zerfallsprozesse sichtbar. Seine unfertig und oft bizarr wirkenden Entwürfe spiegelten dem Betrachter sein Modeverständnis und seine Erwartungen zurück. Konsumieren konnte man Margielas Mode nicht einfach, indem man sie kaufte, sondern nur, indem man sie verstand. Ihre Eleganz lag im Respekt, den sie der modegeschichtlichen Intelligenz des Trägers entgegenbrachte.

Plötzlich stand alles, was die Emanzipationsbewegung erreicht hatte, auf dem Prüfstein: Girliemode, Latina-Blößen und Domina-Leder suchten die Damenmode heim

Diese Avantgarde hat der Mode gutgetan. Nicht zuletzt führte sie zu Jil Sander und Helmut Lang, die auf je eigene Art eine neue Modernität entwickelten. Und während Jil Sander als Designerin mehr in der Ma-Tradition stand, weil sie lichte Farben schätzte und räumliche Stoff- und Drapierungseffekte beim Fitting bis auf den Millimeter genau erprobte, bekannte Helmut Lang sich zum amerikanischen Einfluss der Basics-Kultur und verwandelte T-Shirt und Jeans mit dem unbestechlichen Auge eines Herrenschneiders in stromlinienförmige Eleganz. Beider Design stand für ein kosmopolitisches Understatement, das seine Träger als weltoffen, geschmackssicher und für Qualität empfänglich kennzeichnete. Jil Sanders unbeirrte Subversion weiblicher Mode gipfelte 1989 in ihrem für Modehäuser damals ungewohnten Börsengang. Dem folgte eine ehrgeizige Expansion, die 1991 in der Eröffnung eines 1000 Quadratmeter großen Flagship-Stores an der Pariser Avenue Montaigne ihren Höhepunkt fand: "Wir haben uns dort ausgebreitet, um die Welt zu erobern", sagt Jil Sander im Rückblick. Dass damit keine forcierte Marktpräsenz gemeint war, versteht man vielleicht erst nach ihrem überraschenden Entschluss zur Designtätigkeit für die japanische Modekette Uniqlo. Das Mantra ihrer Uniqlo-Linie "+J" hieß Luxury in simplicity, purity in design, beauty and comfort for all ("Luxus in der Einfachheit, Purismus im Design, Schönheit und Komfort für alle"). Dieser missionarische Aspekt lässt sich bis an ihre Anfänge als Designerin zurückverfolgen. Doch weil es sich bei "Jil Sander" um eine Luxusmarke handelte, die der Pariser Qualitäts-Eminenz Hermès durch Modernität den Rang ablaufen wollte, brauchte Jil Sander globale Verkaufspunkte, um einen nennenswerten Eindruck zu hinterlassen. Dabei kam ihr die Notwendigkeit der Ausdifferenzierung des Designs mit Blick auf neue Kundentypen, Nationalitäten und Klimazonen entgegen. Gerade hierin lag ja ihre stille Revolution von oben. Sie entwickelte ein System der modernen Eleganz, das sich weltweit übertragen ließ. Heute ist ein Flagship-Store kaum noch vorstellbar, der fast ausschließlich mit Kleidern bestritten wird. Doch Jil Sander brachte es fertig. Deshalb gab es bei der Marke ihres Namens zwar Accessoires, aber die für Modehäuser selbstverständlich gewordenen intensiven Investitionen ins Accessoire-Geschäft fanden bei ihr erst ein Jahrzehnt später nach dem Joint Venture mit Prada statt.

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