Harald Martenstein Über Widerspruch, Zweifel und Humor

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ZEITmagazin Nr. 8/2017

Diese Kolumne schreibe ich seit 15 Jahren. Sie ist nicht politisch, auch wenn ich manchmal in diese Richtung abdrifte. Im Grunde ist das hier die Chronik eines Lebens, mit fast allem, was dazugehört – Kinder, Familie, Krankheiten, Politik, Stimmungen und Erlebnisse. Es gibt solche Phasen und solche, manche Leser mögen dieses, andere jenes. Manche Leute hassen mich natürlich.

Immer wenn ich irgendwas zum Widerspruch Einladendes schreibe, kommen Briefe, in denen es heißt, ich sei zu alt. Ich sähe die Dinge nicht richtig, weil ich einfach zu alt sei. Ich weiß nicht, ob ich die Dinge richtig sehe, ich zweifle ja selbst oft an meinen Ansichten. Ich freue mich über Widerspruch, wenn er mich zum Nachdenken bringt, manchmal ändere ich dann meine Meinung. Aber zu alt bin ich auf jeden Fall. Leute, die mein Alter kritisieren, haben mich voll auf ihrer Seite. Ich bin mir selber zu alt, das ist Fakt.

Wie ist es, älter zu werden? Als ich jünger war, wollte ich als Autor allen gefallen, das ist natürlich nahezu unmöglich. Ich glaube, nur Loriot ist es wirklich gelungen, der war ein Genie.

Ein Vorteil des Älterwerdens kann darin bestehen, dass man milder wird. Wenn man einigermaßen selbstkritisch ist, weiß man, dass man sich einige Male im Leben geirrt hat. Deshalb ist man duldsamer, was die Irrtümer der anderen betrifft – vielleicht haben sie ja recht. Auf der anderen Seite wird man mutiger, denn der Sensenmann wetzt schon die Sichel, und man hat nicht mehr viel zu verlieren. Für mich kann ich das sagen. Ich schreibe, was ich denke, und daran wird sich nichts ändern. Wenn ich morgen nicht mehr Kolumnist wäre, würde mir das leidtun, aber es wäre keine Katastrophe. Wenn Leute mich hassen, dürfen sie das gern tun.

Ich kann nicht in jeder Woche etwas Lustiges schreiben. Früher habe ich mich dazu gezwungen, das war eine Qual, die man den Texten manchmal anmerkte. In dieser Woche wollte ich etwas Lustiges über Trump schreiben. Trump hat nun wirklich komisches Potenzial, es gibt sehr komische Filme und Texte über ihn. Ich bin daran gescheitert, weil ich Angst vor diesem Menschen habe, ich traue ihm zu, dass er einen Weltkrieg anfängt. Ab einem gewissen Maß an innerer Abwehr kann ich keine Witze mehr machen. Da habe ich gemerkt, dass ich mich nur über Leute und Thesen lustig machen kann, für die ich ein gewisses Grundverständnis aufbringe. Humor ist für mich eine Methode, mich von etwas zu distanzieren, das ich nicht grundsätzlich schmähen will. Deshalb hätte ich kein Problem damit, über Alice Schwarzer eine lustige Kolumne zu schreiben, ich achte sie, obwohl ich mich oft über sie ärgere. Ist das zu kompliziert?

Die meisten Leute, die mich hassen, tun dies wegen meiner Texte über Gender und Feminismus, auch über die politische Korrektheit. Hasst mich ruhig, wenn es euch hilft. Ihr solltet wissen, dass ich eure Idee im Grundsatz für vernünftig halte, aber ihr übertreibt es ins Maßlose. Ich hasse euch nicht zurück, auch wenn euch das egal sein dürfte.

Was Donald Trump betrifft, finde ich, dass man bei den Schmähungen eine bestimmte Grenze nicht überschreiten sollte. Zum Beispiel finde ich es nicht gut, wenn man seinen kleinen Sohn Barron aufs Korn nimmt. Natürlich ist es auch blöd, Trump wegen seines Alters zu kritisieren. Der linke Demokrat Bernie Sanders ist noch älter. Im Alter wird man konservativer oder radikaler oder beides oder nichts von beidem. Auf jeden Fall hält man nicht gern die Klappe. In der nächsten Woche kommt wieder ein anderer Text, das ist versprochen.

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