© Roberta Ridolfi

Lindsay Kemp "Ich gab dem Rock 'n' Roll Glitzer"

ZEITmagazin Nr. 8/2017
Der englische Performance-Künstler Lindsay Kemp war mit David Bowie liiert, bevor der Sänger berühmt wurde. Kemp brachte ihm das Tanzen und Schminken bei und entwickelte mit ihm den "Ziggy Stardust"-Look. Ein Interview von

Ein sonniger Sonntagmorgen in Pisa. Durch die geschlossene Tür der Hotelsuite tönt leise klassische Musik. Am Abend zuvor wurde im Teatro Verdi unter Lindsay Kemps Regie die Zauberflöte aufgeführt, vor ausverkauftem Haus. Am Morgen danach öffnet er müde, aber glücklich die Tür. Der Brite, der seit Langem im nahen Livorno lebt, ist klein und fragil. Er trägt T-Shirt und Leinenhose und bewegt sich sehr behutsam, wie eine Schildkröte ohne Panzer. Die Tage mit seinem ehemaligen Schüler David Bowie scheinen eine Ewigkeit her zu sein. Kemp schwärmt vom italienischen Kaffee, vom Licht der Toskana und klagt über die mangelhaften Perücken der Schauspieler am Vorabend. Als er nach den Zugaben die Theaterbühne betrat, erscholl ein überschwänglicher Jubel, der zeigte, dass auch den Operngängern hier die Vorgeschichte des Regisseurs bekannt sein dürfte. Auf seine Zeit mit Bowie blickt Kemp mit Stolz und Wehmut zurück. Ein wenig theatralisch winkt er ab: Das seien doch öde Geschichten, die keiner mehr hören wolle – aber klar ist auch, dass er gerne daran erinnert wird. Denn plaudert er ganz aufgekratzt.

ZEITmagazin: Herr Kemp, Sie haben sich mal mit Scheherazade verglichen, der Erzählerin aus 1001 Nacht, die unterhalten muss, um zu überleben. Wie kommen Sie auf den Vergleich?

Lindsay Kemp: Für einen schwulen jungen Mann war es schwierig, im Nachkriegs-England der vierziger und fünfziger Jahre aufzuwachsen. Ich fühlte mich in diesem grauen und reglementierten Land wie ein Fremder. Von klein auf war mir klar gewesen, dass ich Tänzer werden wollte. Aber das wurde mir nicht leicht gemacht. Trotzdem tanzte ich, sooft es ging, selbst wenn ich die Straße überquerte. Das wurde obsessiv. Selbstverständlich wurde ich verhöhnt. Jungs, die in der Öffentlichkeit tanzten, riskierten Ärger. Mein Vater, ein Seemann, hatte den Angriff eines deutschen U-Bootes im Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Meine Mutter war, was mich betraf, verzweifelt. Sie hoffte, dass ich auch zur See fahren würde. Also schickte sie mich auf ein Internat für Seefahrer-Kinder, damit man mir dort die Tanzerei austriebe. Dort lernte ich stattdessen, dass ich unterhaltsam sein musste, wenn ich überleben wollte.

ZEITmagazin: War das so anstrengend für Sie, wie man es sich ausmalt?

Kemp: Selbstverständlich. Das Internat war eine furchtbare Umgebung. Es ging dort ohnehin rau zu, und für mich war es besonders hart. Aber irgendwann hatte ich raus, wie ich die anderen Jungs unterhalten konnte, und ab dann lief es. So lernte ich die entscheidenden Lektionen, die ich später am Theater übernahm. Die wichtigste lautet: Du musst das Publikum nur hypnotisieren, dann geht alles.

ZEITmagazin: Wie funktioniert so eine Hypnose?

Lindsay Kemp

78, begann als Tänzer und Pantomime und arbeitete mit Künstlern wie David Bowie und Kate Bush. Er gründete seine eigene Tanzkompanie und ist bis heute als Choreograf und Regisseur tätig

Kemp: Indem das Publikum sanft manipuliert wird. Ich helfe meinen Zuschauern, ihren Geist zu befreien. Das ist natürlich nicht einfach. Die meisten stemmen sich sogar gegen diesen Zustand. Aber in dem Internat lernte ich, wie solche Hürden überwunden werden können. Man muss die Menschen verzaubern und beglücken, also unterhalten, so wie Scheherazade in 1001 Nacht. Das hat mir mein Leben lang geholfen. Ich bin in wirklich armseligen Cabarets aufgetreten, Läden, in denen man mit vollen Biergläsern beworfen wurde, wenn das Publikum unzufrieden war. Da sang und tanzte ich zwischen Stripperinnen und Wrestlern – und kam mit heiler Haut davon.

ZEITmagazin: An der Londoner Royal Ballet School wurden Sie abgelehnt. Warum?

Kemp: Das fragte ich mich auch. (lacht) Ich war ein Teenager und hielt mich für den besten Tänzer der Welt. Nach dem Vortanzen bekam ich einen Brief, in dem man mir mitteilte, dass ich vom Temperament her und auch körperlich nicht für eine Ausbildung zum Tänzer geeignet sei. Man wünschte mir Glück für einen neuen Lebensplan. Ich war entsetzt, weinte zehn Minuten lang und bewarb mich bei der nächsten Schule – die mich nahm. Allerdings sollte ich vorher noch meinen Militärdienst ableisten. Also ging ich mit siebzehn zur Royal Air Force, wo meine Kabarett- und Tanz-Aufführungen mir ein weiteres Mal das Leben retteten. Trotzdem passte ich dort nicht hin. Eines Tages nahm mich jemand beiseite und sagte: "Was machst du hier? Du musst denen nur sagen, dass du schwul bist, dann kannst du sofort gehen." Ich hatte bis dahin kaum über meine Sexualität nachgedacht. Schwul? Okay. Also ging ich zu meinem Vorgesetzten und fragte besonders affektiert, ob ihnen klar sei, dass ich schwul sei. Der Mann war fassungslos. Ich musste umgehend das Gelände verlassen, durfte nicht mal meinen Spind ausräumen. So als hätte ich eine ansteckende Krankheit (lacht laut). Ich kam kurz in die Psychiatrie, wo man nichts feststellte, dann war ich frei. Unter all den Vollverrückten, die dachten, sie seien die Königin von England, war ich dann doch erschreckend normal.

ZEITmagazin: Nach Ihrer Ausbildung machten Sie sich selbstständig und gründeten Ihre eigene Tanzkompanie.

Kemp: Ja, und ich eckte immer wieder an. Mit meinem Mix aus Tradition, Popkultur und Underground verwirrte ich immer wieder Traditionalisten der Branche. Konventionen haben mich immer irritiert, mir ging es darum, Magie zu erzeugen. Dafür musste ich viele Niederlagen einstecken. Ich lebte zwar meinen Traum, wie man so sagt, aber ich hatte oft nichts zu essen, schlief auf Bahnhofsbänken und konnte mir nicht mal die U-Bahn leisten. Ich war arm. Irgendwann hatte ich von England so die Nase voll, dass ich zu Beginn der Sechziger eine Weile in Spanien und Italien zubrachte, wo es mir sehr viel besser gefiel. Als ich einige Jahre später nach London zurückkehrte, hatte sich alles verändert. England war bunt und freundlich geworden, und besonders London war himmlisch aufregend. Es duftete nach Blumen und Marihuana. Eine Ära der Träume war angebrochen. Das alles war auch für mich gut. Ich inszenierte kleine Stücke und arbeitete in Covent Garden in einem angesagten Studio als Tanzlehrer. Ich hatte also endlich viel zu tun, war erfolgreich, und eines Tages stellte sich mir ein schüchterner junger Mann namens David Bowie vor.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Kemp: Es war im Spätsommer 1966, und ich produzierte ein kleines Stück namens Clowns. Eines Abends war David Bowie im Publikum. Ihm gefiel es. Er saß da und schien neugierig alles absorbieren zu wollen: das Glitzern, die weiß geschminkten Gesichter, die Zirkus-Elemente, die Jahrmarktsmusik – einfach alles. Außerdem genoss er es, seine Musik in meinem Stück zu hören. Ich hatte den Song When I Live My Dream von Bowies Debütalbum eingebaut, weil er mir gut gefiel. Dabei hatte die Platte damals kaum einer zur Kenntnis genommen. Umso glücklicher war Bowie, dass seine Musik immerhin bei mir Beachtung fand.

ZEITmagazin: Woher kannten Sie das Album, das kaum einer gekauft hatte?

Kemp: Bowie und ich wurden damals von der gleichen Agentur vertreten: NEMS, dem Laden des Beatles-Managers Brian Epstein. Als ich dort eines Tages einen Termin hatte, drückte mir die Sekretärin lächelnd eine Platte in die Hand und meinte, die müsste mir gefallen. Das war David Bowies Debüt. Sie hatte recht, ich liebte die Musik, seine Stimme und die Geschichten, die er in seinen Songs erzählte. Und der Song When I Live My Dream passte perfekt in mein Stück, das von einem Clown mit gebrochenem Herzen handelte.

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