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Michael Wollny "Ich tue zu wenig für meine Hände"

Der Pianist Michael Wollny ist der Popstar unter den Jazzmusikern – spätestens seit seinem Album "Nachtfahrten". Im Interview spricht er über den Ruhm und die Parallelen zwischen Liebe und Musik. Ein Interview von und
ZEITmagazin Nr. 8/2017

ZEITmagazin: Herr Wollny, hat sich der Weltklang verändert?

Michael Wollny holt sein Smartphone aus der Jackentasche, zeigt uns ein Video. Man sieht einen weitgehend leeren Raum, vor allem aber hört man einen Raum, ein monotones Brummen.

So klingt es gerade in meiner ganz persönlichen Welt. Ein Wasserschaden, der Raumtrockner. Ein Horror, nicht nur akustisch.

ZEITmagazin: Rein akustisch: War Weihnachten nicht wieder der reine Horror?

Wollny: Na ja, es ist schon so, dass mich das jedes Jahr wieder berührt, wahrscheinlich auch wegen meiner Familie, man hört alles auch durch die Ohren des Kindes. Und auf der anderen Seite berührt Weihnachtsmusik ganz alte Erinnerungen, die wahrscheinlich nie vergehen.

ZEITmagazin: Können Sie Kitsch, auch musikalischen, einfach großartig finden?

Michael Wollny

38, ist Jazzpianist. Vor anderthalb Jahren nahm er mit Christian Weber und Eric Schaefer das Album Nachtfahrten auf. Es stieg direkt nach Erscheinen auf Platz 1 der Jazz-Albumcharts und wurde mit dem Echo ausgezeichnet

Wollny: Ja! Vielleicht ist das auch die Antwort auf die Weihnachtsfrage. Kitsch, das hat wahnsinnig viel mit eigenen Erfahrungen zu tun, mit meiner Laune oder meiner Stimmung.

ZEITmagazin: Kann Kitsch auch jazzfähig sein?

Wollny: Ich würde fast sagen, jazzfähig ist alles, was den jeweiligen Musiker animiert, ihm eine Idee gibt, damit umzugehen. Das kann vom Great American Songbook über Ligeti bis zu Britney Spears und den größten Pophits der Neunziger alles Mögliche sein – Letzteres beispielsweise mit dem Subtext "die Musik meiner Jugend". Diedrich Diederichsen hat mal so schön beklagt, in der heutigen Musik würden leider immer wieder die gleichen bürgerlichen Entwicklungsromane erzählt. Da ist bestimmt was dran. Andererseits ist es ja nicht zwangsläufig langweilig, wenn man über etwas improvisiert, was einen zu einer bestimmten Zeit einmal umgeben hat. Durch die Zusammenstellung, die Abfolge von Titeln, auch durch den Titel eines Albums schafft man eine Umgebung für den Klang, bettet ihn ein, auch in Biografisches.

ZEITmagazin: Ein musikalisches Tagebuch des Lebens.

Wollny: So etwa, ja.

ZEITmagazin: Finden Sie nicht auch, dass die Welt in letzter Zeit sehr laut geworden ist?

Wollny: Ja. Die akustische Verschmutzung nimmt schon seit Langem zu. Man ist ja kaum noch in einem Raum, wo keine Hintergrundmusik läuft. Aber auch die Qualität der Klänge nimmt ab. Was man an Phänomenen wie mp3 und mp4 sieht. Oder den kuratierten Playlists, die heute die Plattensammlung ersetzen und die allen gefallen sollen. Als Musiker muss ich für solche Vorgänge Antennen haben, sie irgendwie absorbieren oder umwandeln oder zurückspielen.

ZEITmagazin: Und, hören Sie das politische Geschrei?

Wollny: Es gibt so eine künstliche Aufgeregtheit, und es gibt die Verzweiflung. Ich glaube, die Tatsache, dass alles aufgeregter und hysterischer wird und dabei die leise Verzweiflung hin und wieder übermalt wird, das ist ein Zeichen dieser Dekade.

ZEITmagazin: Und dann kommen Sie und wandeln es um, spielen es zurück mit Ihrer Musik. Das unglaublich erfolgreiche Album Nachtfahrten ist so ruhig, konzentriert, reduziert und erzielt trotzdem schon beim ersten Lied, Questions in a World of Blue, einen ungeheuren, aufwühlenden Bam-Effekt.

Wollny: Wir hatten ursprünglich gar nicht geplant, dieses Stück aufzunehmen. Ich hatte das schon seit Jahren in der Tasche. Ich habe ja immer so einen Notenstapel mit. Und im Studio dachte ich plötzlich, okay, jetzt passt dieses Stück. Wir haben versucht, es so leer wie nur irgendwie möglich zu machen. Das Einzige, was das Stück von der ursprünglichen Komposition formal unterscheidet, ist ein eingefügter Takt des Schlagzeugs, der ist völlig leer, er verlängert nur die Pause. Und dieser Moment wurde dann fast so eine Art Leitmotiv für die ganze Produktion: Wir machen weniger als je zuvor.

ZEITmagazin: Das spürten dann alle Beteiligten?

Wollny: Ja, plötzlich hat so eine Kommunikation angefangen, die wir davor auch noch nicht kannten, weil wir immer sehr viel und schnell und verschachtelt geschnitten, kombiniert und collagiert hatten. Und dann bei den Proben haben wir plötzlich angefangen, immer weniger zu machen, immer mehr zurückzufallen, immer mehr Pausen zu lassen, sodass eine neue Form von Zuhören und Kreativität stattfand. Wenn mal drei Takte lang Pause ist und nichts passiert, dann bekommt ein Schlag ein wahnsinniges Gewicht.

ZEITmagazin: Sie haben sich ein bisschen hineingesteigert ins Nichts?

Wollny: Ja, aber es geht noch weniger. Wenn ich es jetzt höre, denke ich manchmal, es ist immer noch zu viel.

ZEITmagazin: Gehen Sie ergebnisoffen ins Studio?

Wollny: In diesem Fall war es tatsächlich so. Questions kam als spontane Idee. Speziell dieses Stück ist ja technisch überhaupt keine Herausforderung, es sind nur Dur- und Moll-Akkorde, mehr ist das nicht.

ZEITmagazin: Kann fast jeder spielen; kommt nur nicht jeder drauf?

Wollny: Genau. Das kennt jeder Komponist. Auch in der obersten Liga – Brahms hat mal auf die Noten eines Strauss-Walzers geschrieben: Leider nicht von mir.

ZEITmagazin: Und wie kommen Sie auf etwas?

Wollny: Ich war beispielsweise mal vor vielen Jahren erstmals richtig bewusst in einem Konzert mit Musik des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Danach war ich tagelang in einer Art Ekstase, weil ich dachte, ich hätte bis dahin nicht verstanden, dass Musik so funktionieren kann. Da ist jemand, der macht einfach eine Anhäufung von Dingen. Es gibt erst mal nur die Holzbläser. Dann ist Pause, dann kommt nur die Percussion und macht ihr Ding, dann kommen nur die Streicher und machen ihrs. Dann hört das Stück auf. Und was danach stattfindet, ist, dass all diese Elemente, die so getrennt im Raum stehen, in meinem Kopf anfangen, Amok zu laufen, sich schließlich verbinden. Das heißt, jedes Mal, wenn ich das gehört habe, hörte ich ein neues Stück, weil man das Stück im Kopf mitkomponiert. Und die Kombination dieser Dinge wird am Ende auf jeden Fall eine Kernschmelze bringen. So entstehen Ideen, im Konkreten wie im Allgemeinen.

"Meine Aufgabe ist einfach nur, etwas zu erschaffen, von dem ich überzeugt bin – jetzt ist es rund, und jetzt entlassen wir es" © Adrian Crispin

ZEITmagazin: Was fließt dann da alles ein?

Wollny: Beim Improvisieren? Welche Bücher man gelesen hat, welchen Film man abends geguckt hat, sogar welche Klamotten man anhat. Natürlich auch, mit welcher Musik ich mich gerade beschäftige, mit wem ich spiele und über welches Thema ich spiele. Alles hat Einfluss darauf, welche Ideen ich gleich haben werde.

ZEITmagazin: Aber wie wird dann aus dem Beliebigen das Notwendige, die Kunst?

Wollny: Ich frage mich, ob das die richtige Fragestellung ist. Es ist immer gefährlich, Notwendiges machen zu wollen. Ich zitiere gerne den Schweizer Kulturjournalisten Peter Rüedi: In der Kunst wie in der Erotik bleibt einem nichts so sehr versagt wie das, was man unbedingt erreichen will. Deswegen glaube ich auch, dass Ablenkungsmanöver so toll sind: wenn man beim Konzert nicht versucht, ganz große Kunst zu machen, sondern eher einen schönen Ton zu produzieren. Oder auch mal mit dem Flügel kämpft oder mit der Rückmeldung, die der kleine Finger gibt. Das Detail ist wichtig, das große Ganze entsteht am ehesten nebenbei.

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Michael Wollny ist wirklich ein grandioser, angenehm reflektierter und auf sympathischste Weise selbstbewusst-bescheidener Künstler. Aber er ist, zum Glück, nicht der einzige hierzulande, der meisterlich die Tasten zu bewegen versteht, auch wenn die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, dies vermuten lassen könnte. Deshalb an dieser Stelle ein Tipp: Mal in "The Invariant" (ecm) reinhören und Benedikt Jahnel mit seinem Trio reinhören. Der Mann hat auch eine ganze Menge drauf (und hätte sicher ebenso viel zu erzählen).