Michael Wollny "Ich tue zu wenig für meine Hände"

ZEITmagazin: Aber ein Album ist dann etwas Fertiges, das man Kunst nennt.

Wollny: Genau, derjenige, der das Album kauft, spielt es ab, und ich habe überhaupt nicht mehr die Kontrolle, in welcher Situation, ob im Auto oder zu Hause.

ZEITmagazin: Ist das Fluch oder Segen?

Wollny: Ein Segen. Es ist dann nicht mehr meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist einfach nur, etwas zu erschaffen, von dem ich überzeugt bin: Jetzt ist es rund, und jetzt entlassen wir es.

ZEITmagazin: Und Sie lassen dann los?

Wollny: Ja, zum Senden gehört auch Loslassen, das Gegenteil wäre Manipulieren oder Indoktrinieren.

ZEITmagazin: Wie entsteht im Studio die Gemeinsamkeit zwischen Musikern? Sie gehen in einen offenen Prozess mit Menschen, die Sie zwar kennen, mit denen Sie musizieren, aber wo dann in so einem Studiomoment alles stimmen muss, ohne dass vorher die entscheidenden Fragen besprochen werden können.

Wollny: Ich glaube, auch da kann es nur darum gehen, die kontrollierbaren Elemente unter Kontrolle zu haben und den Rest laufen zu lassen. Zu den kontrollierbaren Elementen gehören die Proben, so blöd das klingt – also das Material kennen, sich selbst darin auskennen. Dazu gehört, den Kopfhörersound zu haben, mit dem man sich wohlfühlt. Die Aufnahme geht ja eigentlich auch schon am Tag davor los, man kommt an, trifft sich, setzt sich noch mal zusammen, man quatscht über alles Mögliche. Das ist wirklich wichtig; wenn das nicht da ist, wenn man erst kurz vor der Aufnahme zusammentrifft, dann entsteht etwas vollkommen anderes.

ZEITmagazin: Haben Sie schon mal eine Aufnahme abgebrochen? Sie haben sich getroffen, einer hatte Stress; Sie haben drei Nächte nicht geschlafen wegen Ihres Kindes oder was immer: Gibt es so einen Moment am Abend vorher, wo man merkt, wir lassen es lieber?

Wollny: Es gibt Proben, wo man merkt: Ich glaube, heute ist es besser, wir trinken einfach nur Kaffee und quälen uns nicht. Aber so richtig abgebrochen ... nein. Beim Konzert ist es sowieso was anderes. Das ist für mich Teil der formalen Klammer, die Musik überhaupt erst möglich macht. Deshalb ist es eine Notwendigkeit, das durchzuziehen.

ZEITmagazin: Sie spielen mit unglaublich vielen, sehr verschiedenen Musikern zusammen. Wie geht das? Gibt es denn so ein abstraktes Musik-Ich, das unabhängig von den Personen funktioniert, von der Persönlichkeit, dem Alter oder Geschlecht?

Wollny: Natürlich wähle ich zunächst mal aus, welche Projekte ich spiele. Darüber hinaus aber versuche ich, die Menschen, das Ensemble, die Bühne im Vorfeld gar nicht so genau zu bewerten oder deren Eigenschaften oder Verhalten vorherzusehen. Vielleicht ist das überhaupt das Wesen von Improvisation, nicht so sehr im Detail zu planen, sondern zu sagen, okay, der Rahmen ist gesetzt, und ab jetzt biete ich einfach alle meine Ideen an und nehme umgekehrt auch alle Angebote an, die mir gemacht werden. Ich kenne noch nicht das Ergebnis, aber das Gespräch interessiert mich. Für mich ist es zum Beispiel in einem Duo so: Da kommt also eine Clusterwolke aus Tönen angeflogen, und natürlich reagiere ich erst mal unmittelbar, erschrocken, werfe irgendetwas in die Tastatur hinein. Doch dann kann ich diesen Klang, den ich produziere, wie mit einem Tau irgendwo hinziehen. Und dann kann ich neu sortieren und damit irgendwo hingehen. Und dann muss ich den Klang wieder bändigen, zähmen, dann kollidiert er doch mit anderen Klängen. Am Ende ist all das zusammengenommen eben unser gemeinsames Gespräch.

ZEITmagazin: Sie reden über die improvisierte Musik wie über eine Beziehung, über Liebe vielleicht.

Wollny: Auf jeden Fall. Gerade auch in der Band, das ist schon sehr viel Liebe. Oft geht es mit einem Glücksmoment los, man trifft sich zum ersten Mal, und es funkt, aber wenn man dranbleiben will, wird es Arbeit. Mit dem Schlagzeuger Eric Schaefer etwa spiele ich seit 15 Jahren zusammen. Und nach zehn Jahren kommt einer mit einem Stück, an dem er ein halbes Jahr gearbeitet hat, und der andere findet es total doof – was macht man dann? Und Derartiges passiert ständig. In jedem Konzert geschieht irgendwas Unerwartetes. Da ist dann etwas zu wenig, zu laut, zu leise. Da kann ich dann versuchen zu kontrollieren, verlangen, genau zu erfahren, was der andere jetzt tut. Aber das ist nicht der Weg. Der Weg ist Vertrauen: Okay, ich verstehe nicht, was du machst, aber ich mache es mit ...

ZEITmagazin: ... das Geheimnis vieler guter Beziehungen ...

Wollny: ... und dann reagiere ich darauf auf eine Art, die ich vorher selber auch noch nicht von mir kannte. Ja, in Beziehungen ist es genau das Gleiche.

ZEITmagazin: Lassen Sie uns noch beim Thema Zusammenspiel bleiben. Ein Posaunist, der mal mit Ihnen gespielt hat, hat über Sie gesagt: Der Wollny ist fast schon unheimlich, der kann so synchron mit einem selbst spielen, als würde er im Kopf des anderen sitzen. Sitzen Sie im Kopf des anderen?

Wollny: Na ja, das beruht alles auf Zuhören und Vorausahnen. Da kann es schon mal sein, dass man bei der vierten Wiederholung einer Posaunenmelodie denkt: Jetzt muss es aber woanders hingehen, und dann haben beide die gleiche Idee und gehen halt nach unten oder woandershin. Zu jeder magischen Perspektive gibt es auch eine rationale Perspektive. Wie überhaupt alles, was man so feinstofflich in der Band empfindet, sich sicher auch gruppendynamisch erklären lässt, wenn man tief genug hinguckt.

ZEITmagazin: Was heißt magisch?

Wollny: Etwas auf den ersten Blick Unerklärbares. Ich glaube schon auch an Magie, oft sind es ganz simple Rituale: Der eine braucht seinen Stoffbären am Klavier, der andere genau diesen Tee vor dem Konzert, sonst können sie nicht spielen.

ZEITmagazin: Was ist das bei Ihnen? Sie haben keinen Stoffbären?

Wollny: Einen Stoffbären habe ich nicht, aber dieses Ritual, dass ich davor eine Stunde nur mit der Band oder mit mir allein verbringe, das ist wichtig. Wenn das nicht gelingt, dann merke ich es leider sofort auf der Bühne. Ansonsten variiert das bei mir. Als ich die allerersten Solokonzerte gegeben habe und mich damit noch nicht gut fühlte und erst mal die Form finden musste, da habe ich immer Thomas Bernhard gelesen. Das klingt jetzt etwas aufgesetzt.

ZEITmagazin: In der Tat.

Wollny: Ich saß dann in meinem Zimmer und habe das gelesen, weil ich das Gefühl hatte, der Blick geht dabei derart nach innen, das hilft mir auch auf der Bühne.

ZEITmagazin: Ein Stoffbär, ein Tee, Thomas Bernhard. Was ist eigentlich aus den legendären Drogen geworden, ohne die etwa Miles Davis nicht auszukommen glaubte? Warum kommen Sie ohne Drogen aus?

Wollny: Zunächst: Harte Drogen werden heute glücklicherweise nicht mehr verklärt. Man weiß einfach schon zu viel, als dass man Freude an dieser Form des Kontrollverlusts haben könnte. Und musikalisch? Man hört halt heute legendäre Aufnahmen von Miles oder von anderen Bands, und selbst wenn man ahnt: "Sie waren immer high", so weiß man doch auch: Die haben nicht wegen, sondern trotz der Drogen so wahnsinnig geil gespielt. Abgesehen davon glaube ich, dass Kontrollverlust innerhalb eines bewussten Rahmens – einer Band, einer Komposition – etwas Schönes ist, das man aber anders herstellen kann.

ZEITmagazin: Es gibt Momente in Ihren Konzerten, da denkt man, Sie schweben in einer Art Ekstase weg, es ist komplett egal, wo Sie gerade sind, und irgendwann landen Sie dann wieder in der Musik, aber auch irgendwie im Raum. Ist es dann wirklich so, oder haben Sie das jetzt schon so drauf, dass Sie das den Leuten einfach vorspielen können?

Wollny: Hoffentlich nicht. Vielleicht gehört das, was Sie beschreiben, zu diesen Dingen, die deshalb wertvoll sind, weil sie eben nicht über Theatralik darstellbar sind. Jedes Rockkonzert lebt ja von dieser Pose ...

ZEITmagazin: ... irgendwas muss zerstört werden ...

Wollny: ... ja, oder Ekstase auf der Bühne oder was auch immer, es gibt zu all diesen Zuständen ja auch die passende Pose. Und manchmal merkt man dann, okay, die Dramaturgie stimmt und die Geste auch, aber dahinter ist es irgendwie leer. Ich kriege zwar die Botschaft, aber ich spüre den Menschen dahinter nicht mehr. Und ich behaupte, als Zuhörer spürt man ganz genau den Unterschied, wenn es wirklich passiert.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Michael Wollny ist wirklich ein grandioser, angenehm reflektierter und auf sympathischste Weise selbstbewusst-bescheidener Künstler. Aber er ist, zum Glück, nicht der einzige hierzulande, der meisterlich die Tasten zu bewegen versteht, auch wenn die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, dies vermuten lassen könnte. Deshalb an dieser Stelle ein Tipp: Mal in "The Invariant" (ecm) reinhören und Benedikt Jahnel mit seinem Trio reinhören. Der Mann hat auch eine ganze Menge drauf (und hätte sicher ebenso viel zu erzählen).