Michael Wollny "Ich tue zu wenig für meine Hände"

ZEITmagazin: Ziehen wir eine kurze Zwischenbilanz: Sie brauchen keine Drogen und keinen Stoffbären. Sie sind nicht herrisch, sondern kooperativ, sie wollen nicht kontrollieren, sondern vertrauen. Sie sind, mit anderen Worten, ein echter deutscher Stuhlkreis-Musiker.

Wollny: Dieses Autoritär- oder Unangenehm-Werden hat ja auch oft was mit Angst zu tun. Ich habe gelernt, Situationen als Glück zu empfinden, in denen ich weiß, jetzt sind die Dinge nicht so, wie ich es geplant habe. Dann gibt es einen Grund mehr, nach innen zu gehen und ruhig zu bleiben. Zuzuhören. Es gibt da allerdings auch Grenzen; wenn Instrumente nicht gestimmt oder nicht spielbar sind, dann hilft keine noch so große Inspiration. Dennoch: Es gibt ein Instrument, das spielbar ist, es gibt einen Raum, es gibt Zuhörer – dann ist alles andere handhabbar. Wenn ich in einer schwierigen Situation anfangen würde herumzuzicken oder hart zu werden, dann würde mich das echt Musik kosten. Das wäre ein zu hoher Preis. Dann lieber Stuhlkreis.

ZEITmagazin: Es gibt ja bekannte Bands, die reden von dem Moment an, in dem der Vorhang fällt, kein Wort mehr miteinander. Sie treffen sich maximal eine Stunde vorher und verlassen sich nach dem Gig grußlos – und trotzdem spielen sie das Blaue vom Himmel herunter. Ist das für Sie eine Option?

Wollny: Bislang, muss ich sagen – man weiß ja nie, was noch kommt –, ist es eher das Gegenteil. Mit allen Leuten, mit denen ich musikalisch intensiv kommuniziere, tue ich das, wenn ich von der Bühne komme, auch verbal. Es gibt allerdings Ausnahmen. Letztens durfte ich mit einem sehr großen Kollegen ein sehr großes Konzert spielen. Wir haben uns am Nachmittag kennengelernt, eine Stunde geprobt und dann abends gespielt, und am nächsten Morgen ist er wieder weggeflogen. Aber auch da gibt es ja Entsprechungen in der Erotik ... (lacht)

ZEITmagazin: One-Night-Stand – ambivalente Sache. Wie war’s bei Ihnen?

Wollny: Es war grandios. Ich kann’s ja verraten, es war ein Duo mit Gary Peacock. Und, zumindest musikalisch: Das kann ja auch die Langzeitbeziehung revitalisieren!

ZEITmagazin: Es gibt in dem Vertrauenskosmos, den Sie da schaffen, auch Dinge, die nicht demokratisierbar sind – Talent zum Beispiel. Sie sind ein Ausnahmetalent. Normalerweise werden die Jazzmusiker, die zu erfolgreich sind, in Deutschland eher niedergemacht, man wirft ihnen vor, kommerziell zu sein. Wie ist das bei Ihnen?

Wollny: Es hat sich in den letzten Jahren so ergeben, dass es sich anfühlt wie eine Familie, die gewachsen ist. Das gehört für Sie jetzt sicher wieder zum Stuhlkreis, aber es ist wirklich so: Jeder hat seine Aufgaben und bringt seine Qualitäten ein.

ZEITmagazin: Ihre Schwester ist auch Musikerin?

Wollny: Ja.

ZEITmagazin: Gehört sie dazu?

Wollny: Nicht in diese Familie, in eine andere. Meine wirkliche Familie ist auch nicht Teil dieser Musik-Familie.

ZEITmagazin: Ist die eine Familie manchmal auf die andere Familie eifersüchtig?

Wollny: Nicht existenziell, ich habe bisher vermutlich Glück gehabt. Diese beiden "Blasen", wie ich sie nenne, die halten die Dinge in Bewegung. Das ist eigentlich wunderbar, weil es einen dazu bringt, nicht stillzustehen.

ZEITmagazin: Das klingt jetzt aber sehr idealisiert.

Wollny: Es gibt Krisen, die letzte war gestern Abend. Ich war gerade erst zwei Tage zu Hause in Leipzig, dann bin ich wieder aufgebrochen, einen Tag früher als geplant. Das hat der kleine Mann nicht verstanden, wie soll er es auch verstehen: Gerade ist der Papa da – und schon ist er wieder weg. Dann ist Krise.

ZEITmagazin: Wie alt ist der kleine Mann?

Wollny: Zweidreiviertel. Und was uns als Eltern tröstet, ist die Gewissheit: Wir sind nicht die Einzigen, denen es so geht. Es gehört einfach zum modernen Leben dazu, egal ob man bürgerlich lebt oder unangepasst und völlig abgenabelt sein eigenes Ding macht, man hat irgendwo immer eine Grauzone, wo es wehtut: wenn der Kleine weint und der Zug trotzdem fährt.

ZEITmagazin: Das kennen wir alle. Aber was nicht alle kennen: dieses Mysteriöse, die Kreativität. Thomas Mann hat seine Frau Katia die Kinder wegsperren lassen, nach dem Motto: Schön leise, Papa ist jetzt kreativ.

Wollny: Als Musiker kennt und schätzt man ja geschützte und entkoppelte Räume. Das heißt, wenn man so will: das Thomas-Mann-Modell beim Proben. Das heißt aber eben auch: kein Handy, wenn die Familie gerade puzzelt, oder keine E-Mails, wenn gemeinsam gekocht wird. Diese Art von Disziplin, die muss man mühsam lernen.

ZEITmagazin: Zugespitzt gesagt, Ihre Kreativität wird durch nichts gestört, sondern Sie können sich durch alles bereichern lassen?

Wollny: Im Idealfall, ja, ich glaube wirklich daran, dass das so ist. Es haut nicht immer hin, es nervt auch manchmal, aber letzten Endes ist das das Modell. Und da kommen wir auf die Schwingungen vom Anfang zurück. Eigentlich braucht man bloß die Antennen und die handwerklichen Fähigkeiten, das in einen anderen Raum zu überführen.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich manchmal überfordert von all Ihren Antennen?

Wollny: Ja!

ZEITmagazin: Wie haben Sie Hören gelernt?

Wollny: Was man hört und wie man es hört, ist ja erst mal gar keine eigene Entscheidung, sondern es wird einem mitgegeben durch die Familie und die Umgebung, insofern war meine Hörschule meine Familie und vor allem meine acht Jahre ältere Schwester, die zu Hause Klavier und Flöte gespielt hat. Da ist man, glaube ich, sehr abhängig von dem, was einem da sehr früh bereitgestellt wird von Familie und Freunden.

ZEITmagazin: Was erinnern Sie genau?

Wollny: Als sie abends Klavier geübt hat und ich in meinem Zimmer war und schlafen musste.

ZEITmagazin: Erinnern Sie die Situation, oder haben Sie auch Töne in Erinnerung?

Wollny: Beides, das ist verbunden.

ZEITmagazin: Sie hören heute noch, was Sie damals beim Einschlafen gehört haben?

Wollny: Ja, das erinnere ich genau.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie da?

Wollny: Drei oder vier, da ging es los. Und sie hat mir Sachen gezeigt, die ich nachgespielt habe, das weiß ich noch. Dann war es auch oft so, dass ich die gleichen Stücke mit ein, zwei Jahren Verzögerung auch gespielt habe. Schubert, Schumann. Später Chatschaturjan.

ZEITmagazin: Auswendig oder nach Noten?

Wollny: Ich glaube, ich habe mir das in diesem Alter vor allem haptisch gemerkt. Also als Griffbilder auf der Tastatur, so ähnlich wie man sich als Kind auch Tanzschritte oder später ganze Choreografien merkt.

ZEITmagazin: Wann haben Sie gemerkt, dass die Welt der Musik unendlich ist, dass man eigentlich verpflichtet ist, das alles in sich hineinzuhören?

Wollny: Ich habe es nie so empfunden, dass man sich an diesem gigantischen Material abarbeiten muss, es waren immer eher Entdeckungsmomente: Man hört etwas und denkt, wow, das habe ich noch nie gehört. Auch in der Popmusik: Mit zwölf Jahren habe ich zum Beispiel im Fernsehen etwas von Jean-Michel Jarre gehört. Sofort wollte ich selbst auch Computermusik machen. Und mit 15 war ich auf einem Konzert von Genesis, das fand ich ganz toll. Musik verbindet sich immer mit einer Erinnerung an eine bestimmte Zeit, man hört auch nach Jahren noch, wie man damals drauf war, dann hört man es immer wieder, um sich dies zu vergegenwärtigen. Und dann hört man es wieder mit den Ohren von damals. Das schaffen, und das ist lustig, übrigens vor allem Popsongs.

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Michael Wollny ist wirklich ein grandioser, angenehm reflektierter und auf sympathischste Weise selbstbewusst-bescheidener Künstler. Aber er ist, zum Glück, nicht der einzige hierzulande, der meisterlich die Tasten zu bewegen versteht, auch wenn die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, dies vermuten lassen könnte. Deshalb an dieser Stelle ein Tipp: Mal in "The Invariant" (ecm) reinhören und Benedikt Jahnel mit seinem Trio reinhören. Der Mann hat auch eine ganze Menge drauf (und hätte sicher ebenso viel zu erzählen).