Michael Wollny "Ich tue zu wenig für meine Hände"

ZEITmagazin: Herr Wollny, gibt es schlechte Musik?

Wollny: (überlegt lange) Es gibt bestimmt Musik, die mit besseren, und Musik, die mit schlechteren Absichten produziert wurde. Schlecht ist zum Beispiel meistens Musik, die ausschließlich im Hinblick darauf produziert wurde, allen gefallen zu wollen, also massentauglich zu sein. Auch Redundanz ist meistens schlecht: Wenn zu viele Stimmen dabei sind, die das Gleiche machen, ob im Tonsatz oder im Sounddesign – das ist überflüssig und schlecht.

ZEITmagazin: Meistens oder immer?

Wollny: Meistens, Redundanz kann ja auch eine eigene Art von Ästhetik sein.

ZEITmagazin: Töne, Melodien als solche können also nicht schlecht sein?

Wollny: Nein, können sie nicht. Sie können aber zweckentfremdet, instrumentalisiert werden, zum Beispiel für Propaganda. Das ist eine Form von Missbrauch und dann auch deshalb schlecht, weil es zur Folge hat, dass es das Empfindungsvermögen abstumpfen lässt. Das extremste Beispiel für schlechte Absichten ist sicher die Musikfolter: andauernde Wiederholungen mit dem Ziel, Menschen zu zermürben.

ZEITmagazin: Noch einmal: Pure Musik, nicht zweckentfremdet, kann nicht schlecht sein?

Wollny: Nein, denn es handelt sich genau genommen um Physik, um Wellen, die schwingen und bei uns ankommen. Die kann man grundsätzlich nicht kritisieren, das ist gewissermaßen pure Natur. Manche Töne lösen Freude aus, andere Panik, manche schützen vor Gefahren, man hört schon, bevor man sieht.

ZEITmagazin: Umgekehrt gefragt: Gibt es zu gute Musik?

Wollny: Darüber muss ich nachdenken. Kann etwas zu gut sein? Zu perfekt vielleicht. Und, ja, subjektiv gibt es das immer, dass man sagt, das ist mir jetzt zu viel, zu prätentiös, zu komplex, zu perfekt, was auch immer. Aber objektiv ist es schwierig, das zu bewerten.

ZEITmagazin: Das würde bedeuten, jeder hört jede Musik anders?

Wollny: Ja. Davon bin ich fest überzeugt.

ZEITmagazin: Das heißt, es gibt nichts Objektives in der Musik?

Wollny: Das würde ich so sagen. Musik hat immer zwei Komponenten, Sinnlichkeit und Intellekt. Vielleicht ist sie deshalb so faszinierend. Man kann Musik ja völlig naiv hören und sich überwältigen lassen, man kann, zum Beispiel, eine Beethoven-Sinfonie einfach als sinnliche Erfahrung mitnehmen. Oder ich kann diese Musik nach einem vierjährigen musikwissenschaftlichen Studium hören, im Kontext der Zeit, in der sie entstand. Wenn ich allerdings, während ich zuhöre, einordne: musiksystematisch, historisch, soziologisch, dann steht das meinem Erleben der Musik im Weg.

ZEITmagazin: Manche Menschen würden dem widersprechen. Sie sagen: Erst wenn du alles weißt, kannst du alles hören.

Wollny: Ich weiß gar nicht, ob das ein Widerspruch ist. Sehen Sie, am Ende geht es eigentlich immer nur darum, die Balance aus intellektueller und sinnlicher Erfahrung zu halten. Und ich glaube, man verkennt das Wesen von Musik, wenn das eine das andere verdrängt. Anders gesagt: Je mehr ich weiß, desto intensiver das Erleben, aber je mehr ich weiß, desto größer auch die Versuchung, nur noch das zuzulassen, was ich bereits kenne. Immer wieder unbefangen auf etwas Neues reagieren zu können, das ist eine enorme, vielleicht die größte Herausforderung. Und da meine ich: Je mehr man weiß, desto schwieriger wird es, diesen Zustand zu ertragen. Der Kopf will verstehen, bestätigen, einordnen, aber das Ideal des Sinnlichen ist immer das Absichtslose.

ZEITmagazin: Lassen Sie uns vom Musikalischen zum Körperlichen kommen, genauer gesagt auf Ihren Körper. Beginnen wir mit dem vermutlich Wichtigsten, den Händen. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren filigranen Händen? Wie pflegen Sie sie? Wie schützen Sie sie? Sind Ihre Finger versichert?

Wollny: Ganz ehrlich: Ich tue wahrscheinlich zu wenig für meine Hände. Ich habe sie nicht versichert, aber das müsste ich tatsächlich tun, und das höre ich auch schon seit einem Jahrzehnt von allen Seiten, ich muss es einfach irgendwann mal machen. Es ist total fahrlässig, es nicht zu machen, fragen Sie Kollegen. Ich habe zum Beispiel hier gerade eine Wunde, die ist schlecht behandelt, ich habe mir das hier oben aufgeratscht (zeigt auf einen kaum sichtbaren, leicht geröteten Strich auf dem rechten Mittelfinger). Ich habe das nicht richtig ernst genommen, habe es nicht gleich abgewaschen, dann hat es sich total entzündet, und jetzt wird hier wohl eine Narbe entstehen. Als der Finger verbunden war, war ich quasi außer Gefecht. Sind meine Hände beeinträchtigt, trifft das gleich alles.

ZEITmagazin: Ist dieses Bewusstsein immer da, auch, zum Beispiel, wenn Sie Menschen die Hand geben?

Wollny: Ja, da bin ich extrem sensibel, manches kann ich nicht einmal mit ansehen, gerade zum Beispiel bei dem Wasserschaden: Die Handwerker bohren die Decke auf, und dann sehe ich, wie der eine mit seinen nackten Fingern in einem Loch herumpult. Das macht mich gleich total nervös.

ZEITmagazin: Sie sind, spätestens nach dem Erfolg von Nachtfahrten, nicht nur ein sehr gefragter Musiker, sondern auch eine Marke geworden, Sie werden beobachtet und begutachtet. Ziehen Sie sich immer noch an, wie Sie wollen, denken Sie morgens vor dem Spiegel: Ist doch egal, wie die Haare sitzen? Oder ist es jetzt vorbei mit der Naivität?

Wollny: Spätestens jetzt, nach dieser Frage.

ZEITmagazin: Gab es einen Zeitpunkt, zu dem sich Ihr Blick auf sich selbst verändert hat?

Wollny: Gut, die Haare waren immer schon, wie sie sind, da habe ich nie bewusst was geändert. Aber das ist natürlich ein besonderer Moment, wenn man das erste Fotoshooting macht und der Fotograf sagt: Hey, das machen wir jetzt so, das kommt gut. Und dann beim nächsten Foto: Nee, mach mal so wie gerade eben. Und plötzlich hat man eine Referenz, die ist dann im Kopf drin.

ZEITmagazin: Sagt seither der Spiegel morgens im Bad zu Ihnen: Hey, das machen wir jetzt so?

Wollny: Ja, klar. Jeder macht ja jeden Morgen so eine Selbstoptimierung – auf der Grundlage dessen, was möglich ist.

ZEITmagazin: Das nennt man Eitelkeit.

Wollny: Diese Eitelkeit wird aber ganz schnell auch relativiert. Ich habe ja nicht in der Hand, welche Fotos gemacht werden. Und dann bekomme ich ein Magazin geschickt, und da ist ein Foto von mir auf der Bühne, und man denkt: Oh Mann, bitte nicht dieses Foto! Warum denn jetzt gerade so? Das ist eine große Angst vieler Bühnenmenschen. Man hat es einfach nicht in der Hand, man sieht auf der Bühne manchmal nicht so aus, wie man sich selbst gern sehen möchte.

ZEITmagazin: Gibt es Lieblingsfotos?

Wollny: Schon, ja. Dieses eine Foto, das dann das Coverfoto von Weltentraum wurde, das ist spontan entstanden, weil der Fotograf Jörg Steinmetz bei mir im Studio war und gesagt hat, er würde gern ein paar Bilder machen. Und er hat dann einfach eine halbe Stunde fotografiert mit seiner analogen Kamera, und ich habe einfach gespielt, und das war überhaupt nicht inszeniert, mit Licht oder Haarspray, ich habe halt gespielt, und er hat das mitgenommen. Und das war keine Pose für die Kamera, sondern es war eine Dokumentation – so ist es, wenn ich spiele.

ZEITmagazin: Das Foto signalisiert: Sie sind jetzt ein Popstar, nicht mehr ein harmloser Studiomusiker.

Wollny: Das mit dem Popstar haben Sie gesagt, aber grundsätzlich, ja, die Dinge ändern sich, und das ist schon verwunderlich.

ZEITmagazin: Ist es schlecht?

Wollny: Nein, eigentlich ist es nicht schlecht, es gehört ja zur Inszenierung einer Platte auch dazu, welche Fotos auf dem Cover sind, welchen Ausdruck man hat.

ZEITmagazin: Das würden Sie deshalb auch nicht aus der Hand geben, oder?

Wollny: Ich erzähle Ihnen ein Beispiel. Bei meinem allerersten Fotoshooting machte der Fotograf einen kleinen Scherz, er sagte plötzlich so was wie: "Hey, du siehst eigentlich aus wie Robert Smith, lass uns dich mal kurz ein bisschen schminken", und dann kam jemand mit weißer, schwarzer und roter Schminke, Haare irgendwie hingeklebt, und dann haben wir ein paar Fotos gemacht: Michael "Bob Smith" Wollny, so hießen die Fotos. Die haben wir natürlich nie benutzt, aber da habe ich zum ersten Mal bemerkt: Shit, eigentlich kann jemand, der begabt ist, aus jedem Gesicht alles machen. Mir wurde in dem Moment klar: Wenn ich diese Fotos jetzt freigebe, dann kann ich nicht mehr Klavier spielen. Wenn ich mit so einer Maske auf die Bühne ginge, das hinderte mich an allem.

ZEITmagazin: Dann wäre die Musik eine andere?

Wollny: Dann wird die Musik eine andere, ja. Man arbeitet ja eigentlich pausenlos daran, Dinge absichtslos passieren zu lassen, einfach frei zu agieren. Und das gibt einen engen Rahmen für die mögliche Inszenierung drum herum. Wenn meine eigene Person so stark inszeniert ist, dass sie sich von mir schon entfernt, mit mir vielleicht gar nichts mehr zu tun hat, dann ist Unmittelbarkeit unmöglich.

ZEITmagazin: Gibt es auf der Bühne oder beim Proben Momente, die Sie so sehr genießen, dass Sie sich fast schämen?

Wollny: Na ja, natürlich auf der Bühne, beim Spielen. Obwohl, Katholiken würden wahrscheinlich antworten, dass man für jeden Genuss eigentlich schon gleich wieder Reue empfinden muss, weil man weiß, man muss irgendwas falsch gemacht haben.

ZEITmagazin: Schöner Versuch, auszuweichen.

Wollny: Erklären Sie bitte noch mal.

ZEITmagazin: Erfolg bedeutet doch auch für Sie: Sie strahlen, und es wird gesehen, Sie machen etwas Besonderes, und das Besondere wird wertgeschätzt. Wie und wann kommt das bei Ihnen an?

Wollny: Über bestimmte Besucherzahlen freue ich mich. Wenn ich erfahre, dass im Oktober in Frankfurt die Alte Oper voll ist, das fühlt sich gut an.

ZEITmagazin: Herr Wollny, bitte!

Wollny: Sie wollen wissen, ob ich auf meinen Erfolg stolz bin?

ZEITmagazin: Wir meinen den puren Genuss, die Euphorie, abends im Bett oder sonst wo, Sie denken, allein oder mit anderen: Wow, wie geil ist das denn?!

Wollny: Okay, ich versuch’s mal: Ich finde die Tage, bevor die Tour losgeht, wahnsinnig toll. Man hat sieben, acht Konzerte am Stück, und man sieht, es sind alles größere Häuser, man weiß, es werden Leute da sein, es ist halt besonders dieses Ding: Man ist hinter der Bühne, es ist dunkel, man hört die Leute, das ist so ein Spannungsmoment, und der hat dann mit mir zu tun oder mit dem, was wir zusammen auf die Bühne bringen. Das ist toll. Und darauf bin ich auch stolz.

ZEITmagazin: Die Verkaufszahlen von Nachtfahrten, gucken Sie sich die öfter an?

Wollny: Nein. Wirklich, ich schaue mir die nicht jeden Tag an.

ZEITmagazin: Jeden Tag nicht, aber irgendwann haben Sie ja gemerkt, dass das Album durch die Decke ging.

Wollny: Ja, klar, das ist total toll, weil es eben davor auch so lange gedauert hat, weil es ein langer Weg dahin war. Die ersten Platten und Konzerte hatten bei Weitem nicht so ein großes Publikum wie heute. Trotzdem sind alle drangeblieben.

ZEITmagazin: Sind die erfolgreichen Aufnahmen die besseren?

Wollny: Erfolgreiche Aufnahmen sind meist nicht ohne Grund erfolgreich. Live-Mitschnitte von vielen Konzerten höre ich irgendwann mal durch, und meistens bin ich mit vielen Sachen nicht einverstanden. Aber es gibt so ein paar Dinge, wo ich dann denke: Wow, das war geil. Es kann auch leider nicht immer alles veröffentlicht werden. Diese Sachen habe ich zu Hause in einer Box, und das höre ich mir ab und zu mal an und denke dann: Das ist es, ja!

ZEITmagazin: Wenn Sie sich in Gedanken in die Zukunft vortasten, in Ihre private Zukunft und Ihre musikalische Weiterentwicklung, wie viele Jahre trauen Sie sich zu? Drei? Fünf?

Wollny: Ich gucke ein bis zwei Jahre nach vorn, auf die Projekte, die anstehen, und darauf, wie ich sie realisieren kann. Aber nicht weiter. Es ist vielleicht mein Problem, dass ich ziemlich kurzfristig auf den Moment fokussiert bin und dann alles fließt. Und wenn ich zu weit nach vorn gucke, dann wird es grau oder dunkel, auch in mir, dann weiß ich nicht mehr so richtig weiter.

ZEITmagazin: Es wird ja oft gesagt, der Jazz sei nur noch Verwaltung seiner selbst. Nun haben Sie mit Nachtfahrten offensichtlich etwas Neues geschaffen und den Jazz als solches weitergebracht. Wie kann es für Sie noch weitergehen?

Wollny: Also, den Jazz weiterbringen ... hätte ich dieses Ziel oder diesen Anspruch, dann wäre es jetzt schon aus mit der Musik. Aber persönlich weiterkommen, Neuland entdecken – wahrscheinlich geht das nur, wenn man sich einer neuen Ideenkonstellation aussetzt, sich vornimmt, was natürlich eigentlich überhaupt nicht geht: Ich mache jetzt alles anders als letztes Mal. Mit so einer Überforderung. Das ist das einzige Prinzip, das ich kenne – Überforderung. Und darauf reagieren zu müssen.

ZEITmagazin: Sie müssen in der Improvisation ja unglaublich vertrauen: sich und anderen. Behindert Sie das im Streben nach Überforderung?

Wollny: Ein improvisiertes Solokonzert ist eine totale Überforderung, ich gehe hin, und eineinhalb Stunden vertraue ich darauf, dass ich immer eine neue Idee habe, wie es weitergeht. Und wenn man das drei, vier Mal gemacht hat, entsteht dann im besten Fall ein Vertrauen, dass diese Überforderung immer lösbar bleibt.

ZEITmagazin: Und im Zweifel: gegen Vertrauen, für Überforderung?

Wollny: Genau, das wäre meine Philosophie.

Hinter der Geschichte:

Moritz Müller-Wirth traf Michael Wollny in der Garderobe vor dem Auftritt bei einer ZEIT-Veranstaltung. Wollny erhielt Standing Ovations, Müller-Wirth höflichen Beifall. Als er Jazz-Fan Bernd Ulrich davon erzählte, beschlossen die beiden, Wollny zu interviewen.

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Michael Wollny ist wirklich ein grandioser, angenehm reflektierter und auf sympathischste Weise selbstbewusst-bescheidener Künstler. Aber er ist, zum Glück, nicht der einzige hierzulande, der meisterlich die Tasten zu bewegen versteht, auch wenn die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, dies vermuten lassen könnte. Deshalb an dieser Stelle ein Tipp: Mal in "The Invariant" (ecm) reinhören und Benedikt Jahnel mit seinem Trio reinhören. Der Mann hat auch eine ganze Menge drauf (und hätte sicher ebenso viel zu erzählen).