Ich habe einen Traum Carolin Kebekus

"In meinen Schulbeurteilungen stand: Sie guckte aus dem Fenster und war nicht anwesend"
ZEITmagazin Nr. 9/2017

Wenn Freunde mir von ihren Träumen erzählen, kann ich diese schnell analysieren und ihnen genau sagen, was ihr ungelöster Konflikt ist. Meine eigenen Träume hingegen lassen mich oft ratlos zurück. Ich wache auf und denke: "Was bin ich denn für ein Psychopath? Das darf man ja keinem erzählen!"

Wenn ich viel arbeite, sind meine Träume besonders intensiv. Als ich einmal auf Tour war, träumte ich, ich schlafe in einem Hotelzimmer, und neben meinem Bett sitzen Leute in drei Stuhlreihen. Sie gucken mir beim Schlafen zu. Zwischendurch geht immer wieder die Tür auf. Meine Tourmanagerin kommt herein, zwei Anwesende verlassen den Raum, zwei Neue kommen dafür rein. Ich drehe mich weg, weil es mir unangenehm ist, dass Fremde mir beim Schlafen zusehen. Dann aber denke ich, dass die doch Eintritt bezahlt haben und damit ein Recht darauf haben.

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum, in dem ich mich mit allen meinen Cousins und Cousinen – wir sind insgesamt zwölf – auf dem Dach eines Hochhauses befinde. Der Himmel über uns ist endzeitmäßig rot und gewittrig. In der Ferne steht ein Sprungbrett wie im Schwimmbad. Darauf rollt ein alter mintfarbener Mercedes langsam Richtung Abgrund. Wir Kinder spielen mit einem Ball. Wer ihn nicht fängt, stürzt vom Dach. Nach und nach ist außer meinem Bruder und mir niemand mehr übrig. Mir ist bewusst, dass die Reihe nun an ihm ist. Er fällt – und als Nächstes bin ich dran. In diesem Moment stürzt am Horizont auch der alte Mercedes in die Tiefe.

Dieser Traum hat mich immer sehr aufgewühlt. Überhaupt sind einige meiner Albträume so realistisch, dass ich nach dem Aufwachen total fertig bin. In einem von ihnen gehe ich mit Freunden auf einen Flohmarkt und kaufe eine Kletterspinne. Im Garten meiner Eltern bauen die Jungs den riesigen Mittelstab auf, ohne ihn ordentlich zu befestigen. Einer von ihnen klettert hinauf, ich will ihn noch zurückrufen, aber er ist schon fast in den Wolken. Es kommt, wie es kommen muss: Die Kletterspinne kippt ganz langsam um, und mir ist klar, dass niemand einen Sturz aus solcher Höhe überleben kann.

Nach solchen Träumen muss ich morgens immer sofort zum Telefon greifen und die Leute aus dem Traum anrufen, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Ich hatte mal ein solches Erlebnis mit meinem Bruder. Ich träumte davon, dass ihm etwas zustoßen würde. Am nächsten Morgen rief ich ihn an, und er erzählte mir, dass er gerade mit dem Motorrad losfahren wollte. Ich redete so lange auf ihn ein, bis er den Plan verwarf. Erst dann war ich beruhigt.

Als Kind war ich eine absolute Tagträumerin. In meinen ersten Schulbeurteilungen stand oft: Sie guckte aus dem Fenster und war nicht anwesend. Als Kind träumte ich tagsüber oft davon, irgendwann mal reich und berühmt zu sein. Plötzlich war es eines Tages tatsächlich so, und seither sehe ich dieses Kind oft neben mir stehen und sage mir: Boah, das habe ich mal geträumt, und jetzt ist es wahr – nur ein Pony fehlt mir noch.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

nunja, die Realität sieht für viele Menschen nunmal so aus:

aufstehen, arbeiten, essen, schlafen
aufstehen, arbeiten, essen, schlafen
aufstehen, arbeiten, essen, schlafen
aufstehen, arbeiten, essen, schlafen
aufstehen, arbeiten, essen, schlafen
Wochenende ( oder aufstehen, arbeiten, essen, schlafen )
Wochenende

Nebenbei 4-5 Stunden free Zeit.

Nicht jeden Menschen macht sowas glücklich.

Der Hochhaustraum, diese brutale und gnadenlose Auslese - unglaublich! Aber er hat vorweggenommen, was doch immer mehr zu passieren scheint - und eben leider nicht nur in den Gamer-Dystopien oder den Tributen von Panem (die ja auch nur das echte Leben reflektieren). Und dann noch unter einem apokalyptischen Himmel - auch der Klimawandel spielt in ihrem Traum seine passende und das grausame Geschehen untermalende Rolle.