© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Ich habe mich nie erniedrigen lassen"

Ertharin Cousin, Leiterin des Welternährungsprogramms, lernte mit 20, was Verantwortung ist – sie bekam ein Kind. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 9/2017

ZEITmagazin: Frau Cousin, Sie sagten mal, Sie hätten es sich nie leisten können, aufzugeben, und Sie verstünden nicht, warum es manche täten.

Ertharin Cousin: Die Eltern meiner Mutter haben noch auf Baumwollfeldern gearbeitet. Währenddessen durfte sie unter einem Baum sitzen und lesen. Sie sollte es besser haben und war die Erste, die ein College besuchte. Meine Mutter war eine Kämpferin, und diese Stärke hat sie an ihre Töchter weitergegeben. Ein "Das geht nicht" war ausgeschlossen. Sie hat uns eingetrichtert, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Aber bei einem Scheitern hätte sie uns immer aufgefangen. Wir wuchsen in der Gewissheit auf, jeden Traum verwirklichen zu können. Und unsere Eltern ermöglichten uns alles. Ich hatte Steppunterricht, Schauspielstunden, spielte Klarinette ... Unglaublich, wie sie das finanziell gestemmt haben.

ZEITmagazin: Ihr Vater besaß ein Restaurant und eine Eckkneipe, und er hatte Mieteinnahmen.

Cousin: Ja, damit finanzierten meine Eltern unsere Ausbildung. Wenn nötig, halfen wir Kinder im Restaurant mit, räumten die Tische ab, brachten den Müll raus, und vor allem schälten wir Kartoffeln. Das war noch zu Zeiten, als Pommes aus frischen Kartoffeln waren! Ich kann eine Kartoffel schneller schälen, als Sie blinzeln können.

ZEITmagazin: Mussten Sie für Ihre Rechte kämpfen?

Cousin: Zur Förderung der Rassenintegration kam ich in der achten Klasse in eine Vorstadtschule. Ich war die einzige Schwarze in der Klasse. Das war wunderbar! Ich hatte eine Menge Freunde. Erst im letzten Schuljahr passierte mir etwas Negatives. Meine damalige beste Freundin hatte mich zum Übernachten eingeladen, und ihr Vater meinte nur: Kein Schwarzer schläft unter meinem Dach. Das ist die freundliche Version seiner Aussage. Sie war geschockt. Aber sie hat sich über seine Vorurteile hinweggesetzt und mich beschützt. Der Zauber der Kindheit!

ZEITmagazin: Mit 20 bekamen Sie einen Sohn. Wie war das Leben als alleinerziehende Collegestudentin?

Cousin: Statt Märchen habe ich ihm meine Lehrbücher vorgelesen. Für ein Baby macht das ja keinen Unterschied. Er war sehr aufgeweckt und lustig. Ich weiß nicht, ob mein Leben ohne ihn genauso verlaufen wäre. Er war mein Kompass, er hat mich gerettet. Viele junge Menschen kommen vom Weg ab. Aber für ihn verantwortlich zu sein gab mir die Kraft, jede Gelegenheit zu ergreifen, vorwärtszukommen.

ZEITmagazin: Als Sie 1982 als Anwältin anfingen, mussten Sie so tun, als seien Sie ein Mann.

Cousin: Damals gab es nicht viele weibliche Anwälte. Wir sollten Anzug, Krawatte und Hemd tragen und keinen auffälligen Schmuck. Man sah aus wie ein Mann. Aber bereits zehn Jahre später ging ich zu einem Vorstellungsgespräch in rotem Kleid und hohen Schuhen und bekam den Job, weil meine Argumente überzeugten.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich jemals erniedrigt in einem Job?

Cousin: Nein, nie. Was ich nicht ausgehalten hätte, wäre das Gefühl gewesen, in einer Falle zu sitzen. Aber das war nie Teil meiner Lebensreise. Man erledigt die Arbeit und verschafft sich den Ruf, jeden Job gut zu machen, sei es als Exekutivdirektorin der größten humanitären Organisation der Welt oder in noch härteren Jobs. Ich hatte Rechnungen zu zahlen und war immer bereit, Überstunden zu schieben. So sind alle in unserer Familie.

ZEITmagazin: Auch Ihr Sohn?

Cousin: Natürlich. Es ist nicht leicht, mein Sohn zu sein, die Erwartungen sind sehr hoch. Aber er schafft das schon. Er macht jetzt zusätzlich einen Masterabschluss, und über Weihnachten hat er gejobbt, weil er Rechnungen zu zahlen hat. Das ist mein Sohn!

ZEITmagazin: Sie sind bekannt dafür, dass Sie zehn, zwölf Stunden täglich arbeiten. Wie halten Sie das durch?

Cousin: An vielen Tagen arbeite ich sogar mehr, aber ich brauche nur wenig Schlaf. Außerdem regeneriert mich Yoga, ein schönes Buch, ein heißes Schaumbad, eine Massage oder vielleicht ein perfektes Glas Wein. Und einmal die Woche ein Friseurbesuch. Ich trage mein Haar glatt, muss es also regelmäßig glätten. Für mich war es das erste Anzeichen, dass ich es geschafft habe, als ich es mir leisten konnte, mir einmal die Woche die Haare machen zu lassen.

ZEITmagazin: Warum spielen Frauen in Ihren Programmen eine wichtige Rolle?

Cousin: Wenn das UN World Food Programme Millionen Frauen mehr Möglichkeiten eröffnet, kaufen sie Essen, um die Familie zu ernähren, sie sorgen für die Ausbildung der Kinder und brechen so den Teufelskreis von Hunger und fehlender Bildung. Das ist der Hauptgrund, warum wir das machen: Es verändert ganze Familien und Gemeinden. Und es ist ein entscheidender Trumpf, um unser Hauptziel zu erreichen: eine Welt ohne Hunger bis 2030.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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