Harald Martenstein Über die Kritik an Donald Trump

Von
ZEITmagazin Nr. 9/2017

Die Idee, eine kritische Betrachtung über Trump zu schreiben, muss ich aufgeben. Immer wenn ich einen Anti-Trump-Text sehe, bekomme ich Kopfschmerzen. Die ersten 50, 60 dieser Texte habe ich mit Interesse gelesen, die nächsten 30, 40 zumindest überflogen. Dann war ich fertig. Es wiederholt sich ständig. Es ist wie diese Wasserfolter, wenn dir dauernd ein Tropfen auf den Kopf fällt, da wirst du wahnsinnig. Offenbar liefert jeder Journalist und jeder Kulturschaffende einen Anti-Trump-Text oder eine Protestnote ab, jeden Tag stehen ein paar in der Zeitung, egal, ob Trump am Vortag überhaupt etwas gemacht hat oder nicht. In jeder mir bekannten Publikation, außer der Zeitschrift Wild und Hund, stehen seit Wochen mehr Anti-Trump-Texte, als Hundefotos in Wild und Hund zu finden sind.

Soll das jetzt vier Jahre so weitergehen? Bis alle, wirklich alle ihren Abscheu gegen Trump zu Papier gebracht und publiziert haben, muss der Mann nicht vier, sondern zwanzig Jahre regiert haben, das lässt die amerikanische Verfassung zum Glück nicht zu. Sicher, er ist wichtig, das sehe ich ein. Er ist nicht gut. Aber wenn man das in jeder Ausgabe zweimal bringt, dann reicht das doch. Ich träume schon davon. Ich träume vom letzten Urlaub, mein Schatzilein und ich kaufen an der Costa Miracolosa ein Eis, und der Eisverkäufer beginnt ansatzlos, auf Trump zu schimpfen, während das Eis schmilzt.

Könnt ihr nicht mal wieder was über Putin bringen? So gut ist der auch wieder nicht. Es gibt so viel Böses auf der Welt. Wo ist der Sinn? 90 Prozent der Deutschen sind eh antitrump, die anderen sind gegen Anti-Trump-Texte augenscheinlich immun. Und zurücktreten wird er wegen der Texte auch nicht, das ist sicher. Diese ganze Mühe, für nichts. 90 Prozent der Deutschen halten Putin für machthungrig, auch ich, aber wenn ich jetzt jeden Tag was über Putins Machthunger lesen müsste, würde ich es machen wie Gérard Depardieu und den russischen Pass beantragen.

Jetzt sagen Sie sicher: Wehret den Anfängen! Zeigt Zivilcourage! Na ja, Zivilcourage braucht man wohl eher für einen Pro-Trump-Text, meinen Sie nicht? Sehen Sie, wenn Trump in einem halben Jahr tatsächlich den Faschismus einführt, dann sind die Leute von dem monatelangen Anti-Trump-Flächenbombardement schon so fertig, dass es ihnen wahrscheinlich egal ist. Die Leute werden sagen: "Ach was, Trump führt den Faschismus ein? Das habe ich doch schon vor Monaten im Fernsehen gesehen, gibt es denn auf der Welt nichts Neues?"

Sich als Trump-Gegner zu outen ist das Ödeste, Tristeste und Langweiligste, was es gibt. Wenn bei einer Party jemand sagt: "Ich bin gegen Trump", dann gehe ich sofort weg, da rede ich lieber übers Wetter.

Ich habe nichts gegen die Texte als solche. Viele sind gut. Ich finde auch den Schriftsteller Thomas Bernhard gut. Aber wenn jeden Tag dreimal Thomas Bernhard in der Zeitung steht, kann Thomas Bernhard mir posthum den Buckel runterrutschen. Führt ein eigenes Ressort ein, den Trump-Teil. Macht "Bester Anti-Trump-Beitrag" zu einer Kategorie beim Nannen-Preis, beim Bambi, beim Echo, und bei der Langen Nacht der Volksmusik kommt das dann in Mundart. Ich kriege Sehnsucht nach einem Pro-Trump-Text, ich kann den leider nicht schreiben, nicht mal ich, es ist ja auch gefährlich, denn ein einziger Text dieser Art, in dem Trump kein Volltrottel ist, würde zum sofortigen Ende von Pluralismus und Meinungsvielfalt in diesem Lande führen, das habe ich kapiert. Die Meinungsvielfalt verteidigen wir, indem alle das Gleiche sagen.

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