© Benjamin Lewin für ZEITmagazin ONLINE

Migration Reines Missverständnis

Als "Mensch mit Migrationshintergrund" erlebt unser Kollege häufig kuriose Dinge. Hier erzählt er von einer besonderen Begegnung am Münchner Hauptbahnhof. Von
ZEITmagazin Nr. 9/2017

Da ist diese ältere Frau in dem dirndlartigen Kleid. Sie kommt auf mich zu, mit offenen Armen, breitem Lächeln. Dann steckt sie ihre rechte Hand in einen Jutebeutel, auf den das berühmte orangene Motiv "Refugees welcome" gedruckt ist, und scheint nach etwas zu suchen.

Im Münchner Hauptbahnhof wurden im Sommer 2015 Tausende Flüchtlinge begeistert empfangen. Hunderte Biodeutsche jubelten an den Gleisen, riefen laut "Willkommen in Deutschland!" und schenkten Kindern flauschige Teddybären. Selbst die Polizei zeigte ihr freundliches Gesicht und half den erschöpften, nichtweißen Menschen, die nach der lebensgefährlichen Überquerung des Mittelmeers und Fußmärschen auf der Balkanroute mit Zügen aus Ungarn und Österreich nach Deutschland gekommen waren.

Ich war an diesem Samstag als Journalist in die bayerische Landeshauptstadt gereist, um mit den freiwilligen Helfern zu sprechen und um zu verstehen, was sie antrieb. Warum sie in ihrer Freizeit für Menschen da sein wollten, die sie gar nicht kannten. Ich wollte sie fragen, was sie von den anderen Deutschen hielten, die ihr Abendland in Gefahr sahen und die offenbar alles dafür tun würden, "die Flut" zu stoppen und ihre Kultur, ihre Nation und ihre Vorstellung von exklusiver Menschlichkeit zu verteidigen.

Mohamed Amjahid

Redakteur des ZEITmagazins, hat über seine Erlebnisse auch ein Buch geschrieben, das soeben bei Hanser Berlin erschienen ist: Unter Weißen – Was es heißt, privilegiert zu sein.

Die Frau, die auf mich zukommt, ist also für mich ein sehr willkommener Gesprächspartner. Die will bestimmt reden, denke ich, sich ihren Frust und ihre Euphorie von der Seele erzählen. Sie bleibt vor mir stehen, kramt noch ein paar Sekunden im Jutebeutel, während ich mich in meinem freundlichsten Deutsch vorstelle: "Guten Tag, mein Name ist Mohamed Amjahid, ich bin Journalist. Haben Sie eventuell ein paar Augenblicke Zeit für ein kurzes ..." Doch die Frau unterbricht mich mit einem Schritt, den sie in meine Richtung macht. Sie hält nun eine kleine, in einer blauen Plastikhülle verpackte Seife auf Höhe ihrer Nase. "Soaaap is gooood", sagt sie. Ihre Hand bewegt sich in Richtung meiner Nase. Es folgt ein kurzer Dialog:

"Das ist nett von Ihnen, aber ich bin Journalist aus Berlin. Ich würde gerne ..."

"Soaaap is gooood!"

"Danke, aber ich brauche keine Seife. Ich ..."

© Jules Le Barazer

"Soaaap is gooood. Seeeife!", sie streichelt mit der Seife nun ihre Rippen und simuliert so einen Duschvorgang. Ich bin mir sicher, dass sie eine Deutsche ist, die offenbar mit der Situation total überfordert ist. Wahrscheinlich möchte sie mir mit ihrer Performance erklären, wie man eine Seife benutzt. Ich bedanke mich also erneut, denn spätestens jetzt habe ich verstanden, dass aus einem netten Gespräch nichts werden kann, und versuche, unauffällig wegzugehen. Doch während ich als freundliche Geste meinen Kopf etwas senke und mich umdrehe, bemerke ich, dass mich die Seifenfrau einige Meter von Gleis 14 bis Gleis 16 am Kopfbahnhof verfolgt.

Ich entschließe mich – ohne groß nachzudenken – zu einer scharfen Rechtskurve und verschwinde in der wartenden Gruppe aus meist urmünchnerischen und neu angekommenen nichtweißen Mitbürgern, die sich zufällig vor den Geschäften und den Fahrplänen versammelt haben. Ich glaube mich in Sicherheit und fahre mir zunächst mit der Hand über mein Gesicht, meine Wangen, meine Nase, meine kurzen schwarzen Haare, um zu überprüfen, ob ich nicht etwas Ruß oder gar Vogelkacke abbekommen habe, es kann ja auch sein, dass etwas Zahnpasta an meinem Mundwinkel klebt oder sich ein paar Krümel in meine Haare verirrt haben. Meine Suche ergibt aber, dass ich picobello sauber bin. Nun ist es mir unangenehm, dass ich an mir gezweifelt habe. Ich vergewissere mich, dass mich niemand beobachtet hat und dass ich wirklich in Sicherheit vor der Seifenfrau bin.

Nach einer kurzen Verschnaufpause, zwei Minuten etwa, um zu verarbeiten, was da gerade passiert ist, entschließe ich mich, auf der Nordseite des Bahnhofs weiter nach potenziellen Gesprächspartnern zu suchen. Kurz vor Gleis 25 erblicke ich eine junge Frau in meinem Alter. Blonde Haare, blaue Augen, ein Dauerlächeln auf dem Gesicht. Ich laufe auf sie zu, doch als ich sehe, wie sie in einer Tasche herumkramt, wird mir etwas mulmig. Sie spricht immer wieder englisch – obwohl ich mit ihr deutsch rede –, auf meine Fragen hat sie keine Antworten parat. Zwischendurch stammelt sie, dass sie von Anfang an hier ausgeholfen habe und gebürtige Münchnerin sei. Das Gespräch scheitert aber, weil sie vor lauter Aufregung keine ganzen Sätze über die Lippen bekommt. Es tue ihr leid, sie sei damit überfordert, dass ich Journalist und kein Flüchtling sei. Sie hält mir ein Käsebrötchen vor die Nase.

Aus arabischer Höflichkeit, Pragmatismus und einer Spur von Verzweiflung nehme ich ihr Angebot dankend an und verabschiede mich. Das Brötchen schenke ich später dem biodeutschen Obdachlosen vor dem Bahnhofsgebäude. Er ist an diesem Vormittag der einzige Weiße, der sich mir gegenüber unverkrampft und unvoreingenommen verhält.

Kommentare

143 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren