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Walter Kohl "Meine Mutter hat diesen Verrat nie verkraftet"

Walter Kohl, der älteste Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, spricht über das Drama seiner Familie, die Rolle Angela Merkels – und darüber, wie er nach seiner größten Krise wieder Lebensmut fand. Ein Interview von und
ZEITmagazin Nr. 9/2017

ZEITmagazin: Herr Kohl, für unser Gespräch treffen wir uns in einer Autobahnraststätte bei Eisenach. Wieso haben Sie diesen Ort vorgeschlagen?

Walter Kohl: Wir sind hier an der früheren innerdeutschen Grenze, am alten Grenzübergang Herleshausen. Für mich ein sehr symbolischer Ort. Früher als Kind kam ich hier vorbei, wenn ich mit meinen Eltern in die DDR gefahren bin, nach Leipzig oder Erfurt. Heute liegt er auf meinem Weg zu Kunden in Thüringen oder Sachsen.

ZEITmagazin: Sie sind Unternehmer.

Kohl: Ja, gemeinsam mit meiner Frau führe ich einen deutsch-koreanischen Automobilzulieferer für Umformtechnik. Unsere Kunden sind deutsche Hersteller, etwa aus München und Wolfsburg, und deren Zulieferer. In dieser Raststätte hier habe ich schon erstaunliche Gespräche geführt. Sehen Sie den alten Grenzwachturm dort? (er zeigt zum Fenster) Man wird hier daran erinnert, welches große Glück die deutsche und die europäische Einigung bedeuten. Und was heute politisch auf dem Spiel steht.

ZEITmagazin: Woran denken Sie da?

Walter Kohl

53, studierte Geschichte und Volkswirtschaft in Harvard und Wien. Er arbeitete als Investmentbanker in New York und als Controller für deutsche Unternehmen. Heute führt er gemeinsam mit seiner Ehefrau Kyung-Sook Kohl eine Firma in der Automobilindustrie und arbeitet als Coach. Zu seinem Vater Helmut, der bis 1998 Bundeskanzler war, hat er keinen Kontakt mehr. Seine Mutter Hannelore litt jahrelang an einer schweren Lichtallergie, ehe sie 2001 Selbstmord beging. Walter Kohl lebt in der Nähe von Frankfurt am Main und hat vier Kinder

Kohl: An etwas, das ich noch vor wenigen Jahren für undenkbar gehalten hätte und das mich heute mit großer Sorge erfüllt: Ich kann mir wieder vorstellen, dass es Krieg in Europa gibt.

ZEITmagazin: Was bringt Sie zu der Annahme?

Kohl: Durch den auflebenden Nationalismus und die Expansion Russlands unter Putin bewegen wir uns in Richtung eines neuen Kalten Krieges. Virtuell geführt übers Internet ist dieser Kalte Krieg heute schon Realität, und er könnte sich jederzeit ausweiten. Der europäische Gedanke ist akut in Gefahr – es wird Zeit, dass wir aufwachen.

ZEITmagazin: Die Einheit Europas, das war das große Projekt Helmut Kohls, Ihres Vaters.

Kohl: Es gibt manche Entscheidung meines Vaters, die ich kritisch sehe, und dazu kommen wir sicherlich noch. Außen- und sicherheitspolitisch ist ihm bei der europäischen Einigung aber Glänzendes gelungen, finde ich.

ZEITmagazin: Sie haben Sorge, dass dieses Erbe Ihres Vaters zugrunde geht?

Kohl: Ich würde dieses politische Erbe nicht auf meinen Vater reduzieren. Es ist das Erbe einer ganzen Generation. Dazu zähle ich François Mitterrand, Michail Gorbatschow, George Bush senior oder Helmut Schmidt. Männer, die den Zweiten Weltkrieg noch selbst erlebt haben und die dadurch Krieg als etwas verstehen, was unter allen Umständen vermieden werden muss.

ZEITmagazin: Meinen Sie wirklich, das empfindet die heutige Politiker-Generation anders?

Kohl: Glücklicherweise hat diese Generation keine persönliche Erfahrung mit Krieg. Vielleicht dadurch aber auch weniger Mut zu harten Entscheidungen. Ich bezweifele, dass der Krieg in der Ukraine oder die völkerrechtswidrige Annexion der Krim so hätten stattfinden können, wenn die Älteren noch im Amt gewesen wären.

ZEITmagazin: Weil sie entschlossener agiert hätten?

Kohl: Weil man zum Beispiel die Interessen aller Beteiligten, auch Russlands, ernster genommen hätte. Heute steht die Nato 150, 200 Kilometer vor St. Petersburg, das ist beides: für die baltischen Republiken eine Freiheitsgarantie, aber auch aus russischer Sicht schwer zu ertragen. Mein Vater sprach deshalb viel vom gemeinsamen Haus Europa, in dem alle ihren Platz finden. Für ihn war das keine Floskel, sondern eine echte politische Vision. Inzwischen wird diese Vision von zu wenigen getragen. Wir haben Europa zu einer Geldumverteilungsbude degradiert.

ZEITmagazin: Glauben Sie, Ihr Vater sieht das ähnlich?

Kohl: Das weiß ich nicht. Mein Vater hat sich schon vor Jahren, unter dem starken Einfluss seiner neuen Frau Maike, von seiner alten Familie getrennt. In seinen heutigen Aussagen ist er nicht mehr der, der er einmal war. Nehmen Sie den Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán im vergangenen April bei ihm. Der Helmut Kohl von früher hätte den Autokraten Orbán nicht so freundlich empfangen.

ZEITmagazin: Helmut Kohl gilt als einer der Väter des Euro. Er und sein Umfeld setzten sich bei der Einführung des Euro über alle Bedenken von Ökonomen hinweg. War die politische Euphorie größer als die Rationalität?

Kohl: Ich glaube, dahinter steckte schlicht ökonomische Inkompetenz. Ich habe damals mehrere Topberater meines Vaters als inkompetent erlebt, einer von ihnen konnte nicht mal den Unterschied zwischen einer Investmentbank und einer Geschäftsbank erklären. Auch der damalige Kanzleramtschef Friedrich Bohl war wohl ein gewiefter Strippenzieher, aber in ökonomischen Fragen völlig überfordert. Damals hat mein Vater oft mit meinem Bruder Peter und mir diskutiert, wir sind beide Volkswirte. Vor allem Peter wies auf viele Risiken beim Euro hin, wir haben leidenschaftlich mit dem Vater gestritten. Das war aber nicht leicht.

ZEITmagazin: Warum?

Kohl: Wirtschaftspolitik war leider nie sein Thema. Er sah wirtschaftliche Themen vor allem durch die politische Brille, und störende Fakten wurden dann schnell mal weggewischt, frei nach dem Motto: Politik kann alles. Themen wie die Globalisierung, der Big Bang auf den Finanzmärkten oder Rating-Agenturen haben damals einfach nicht interessiert. Bei aller Kritik an früher finde ich es allerdings noch schlimmer, wie unsere heutige Regierung agiert.

ZEITmagazin: Was werfen Sie ihr vor?

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