Harald Martenstein Über gehetzten Ehrgeiz

ZEITmagazin Nr. 10/2017

Fast alle, die ich kenne, singen das Loblied der Muße. Radtouren, Wanderungen, Museumsbesuche, Kochen, das sind Tätigkeiten, die ich liebe, aber ich übe sie nur selten aus. Wer hindert mich? Es gibt angeblich ein paar objektive Gründe, bei uns allen. Man muss ja Geld verdienen, obwohl bei vielen weniger reichen würde. Andere müssen dringend die Wohnung renovieren oder die Welt retten. Es gibt immer was zu tun.

Ich glaube, wir, die Gehetzten, belügen uns selbst. In Wahrheit haben wir eine Entscheidung getroffen. Wir haben genau das Leben gewählt, das wir führen und über das wir oft jammern. Die Dinge, die wir tun würden, wenn wir endlich mal Zeit hätten, bringen uns nämlich in der Regel keine Anerkennung. Diese nutzlosen schönen Sachen, das Wandern, das Spielen, was auch immer, steigern nicht unser Selbstwertgefühl, nur unser Wohlbefinden.

Ehrgeiz ist ja nicht schlecht. Eine Gesellschaft, in der es keinen Ehrgeiz gibt, wäre wahrscheinlich weniger komfortabel als unsere. Erfindungen, große Kunstwerke, große Unternehmen, meistens spielt dabei Ehrgeiz eine Rolle. Natürlich ist auch beim Ehrgeiz Übertreibung schlecht. Er lässt den Spitzensportler zum Doping greifen oder den Bankmanager zum Betrug, indem er Bilanzen frisiert, womöglich nur, um gut dazustehen. Ehrgeizig sind Männer wie Donald Trump oder Wladimir Putin, aber ehrgeizig waren sicher auch Albert Einstein oder Marlene Dietrich.

Ich muss zugeben, dass es eine Art Sucht ist. In mir spricht eine Stimme, die mich antreibt, manchmal hasse ich sie. In einem Interview des Magazins der Süddeutschen wurde dem Sänger Peter Maffay die Frage gestellt, warum er nicht kürzertritt. Maffay produziert seit 45 Jahren Alben "wie ein Akkordarbeiter", fand der Interviewer. Maffay gibt unermüdlich Konzerte, leitet Stiftungen und steht jeden Morgen um acht in seiner Firma, vierzig Angestellte. Er hätte das finanziell nicht nötig. Es bringt auch karrieremäßig nicht mehr viel. Seine alten Fans werden ihm so oder so die Treue halten, viele neue werden wohl nicht dazukommen. Maffay erzählte von seinen Eltern, eine rumänische Geschichte, in der Folter und ein Selbstmordversuch vorkamen und in der über allem der Wille seiner Eltern stand, dass der Sohn es besser haben soll.

Der Interviewer zitierte den Schriftsteller Walter Kempowski: "Mit fünf Jahren half ich meiner Mutter beim Heißmangeln. Nachdem ich zum dritten Mal losgelassen hatte, schimpfte sie: Deinem Bruder Robert ist das nie passiert. That makes me tick."

Die Arbeit macht meistens Spaß, bis zu einem gewissen Punkt, und danach machen manche trotzdem weiter. Ich glaube, die meisten, die so leben, wollen eine Urkränkung überwinden, einen Verlust, ein Defizit, sie wollen etwas beweisen, zum Beispiel ihren Wert. Dieser Hunger nach Wertschätzung sitzt so tief in ihnen, dass er niemals gestillt wird. Ist das Küchenpsychologie? Vielleicht.

Meine Generation ist die Generation, die bald in Rente geht. Jetzt kann man noch ein letztes Mal Weichen stellen. Endlich könnten wir tun, was wir immer mal tun wollten. Viele von uns werden einfach weitermachen. Die meisten haben nicht mehr viel zu gewinnen, vielleicht können sie ihren Status quo eine Weile verteidigen. Ein Autor könnte immerhin noch sein bestes Buch schreiben, manchen gelingt das erst in den späten Jahren. Wäre es nicht sinnvoller, Rad zu fahren und zu lesen? Aber man bleibt, wer man war. Die Zeit, die so knapp geworden ist, ignoriert man, bis eines Tages endlich Ruhe ist und es keine Zeit mehr gibt.

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