Iris Czienskowski Mama?

Durch Zufall erfährt die Journalistin Paulina Czienskowski von der wilden Vergangenheit ihrer Mutter in den achtziger Jahren: Iris Czienskowski posierte als Bondage-Model, zog mit der Band Hong Kong Syndikat halb Europa in ihren Bann und war als Barkeeperin des "Dschungels" in der Westberliner Szene ein Star. Warum hat sie ihrer Tochter nie davon erzählt? Von
ZEITmagazin Nr. 10/2017

"Deine Mutter hat schöne Brüste." Ich war auf einer Vernissage, als ein Mann diesen Satz zu mir sagte. Wie bitte? Woher weiß er, wie meine Mutter nackt aussieht? "Kennst du nicht die Bilder?", fragte er. "Der da", sagte ich zu ihr, als sie später in die Galerie kam, "mag deine Brüste."

Ich wusste bis dahin nicht, dass meine Mutter in Berlin irgendwie bekannt war. Seit Dezember 1988, als ich zur Welt kam, war sie für mich vor allem eins: Mama. Zuverlässig, besorgt, manchmal streng, manchmal launisch und ziemlich witzig. Eine schöne Frau, die in einem kleinen Atelier in Berlin Kindermode entwirft.

An diesem Abend nahm sie mich zur Seite und sagte, der Mann sei ein alter Freund aus den achtziger Jahren. Damals entwarf er Bondage-Klamotten. Sie war das Model, wie so häufig in dieser Zeit, wie ich später noch erfahren sollte. In einer Art Ledergeschirr wurde sie für eine der ersten Ausgaben der stilprägenden Kultur- und Modezeitschrift i-D fotografiert.

Wieso weiß ich so etwas nicht über sie? Wer war sie damals? Jedes Mal, wenn ich nach früher fragte, gab sie sich sehr zurückhaltend. Aber ich will mehr über sie erfahren. Was für eine Frau war meine Mutter, bevor sie mich bekam? Was war anders damals? Wie hat sich Berlin verändert?

Die Anekdoten sammle ich also zunächst bei anderen. Bei meinem Vater, ihren Ex-Freunden, alten Freundinnen. Ich konfrontiere sie immer wieder mit dem, was sie erzählen, um ihr Gedächtnis anzuregen. Manchmal funktioniert das.

Meine Mutter wurde 1964 als Tochter einer Friseurin und eines Polizisten in West-Berlin geboren. In Neukölln, da, wo heute die Coolen der Stadt wohnen, wuchs sie auf. Bei Karstadt am Hermannplatz ging sie einkaufen. Damals wollte man eher weg aus dem tristen Neukölln. Jedenfalls wollte sie das. Raus aus der spießigen Arbeiterklasse. Die Eltern ständig im Streit, jeder Familienurlaub eskalierte. Dann starb ihr Vater, da war sie 13. Zwei Jahre später ging sie weg von zu Hause, haderte mit ihrer Familie, glaubte, anders zu sein, kreativer vielleicht. Man verstand sich nicht, verstand nicht, was der andere vom Leben wollte. Funkstille.

Bei meinen Recherchen stoße ich auch auf einen Artikel über meine Mutter aus dem Jahr 1990 – in dem Frauenmagazin Marie Claire. Darin heißt es: "Iris Czienskowski ist eine Frau, die Pausen hasst. Sofort nach Abschluss der Modeschule, mit 19, nähte sie ihre ersten Kollektionen und stellte sie im Hamburger Modehaus Kaufrausch vor. Nach diesem Erfolg wechselte sie das Rollenfach: In Mailand, Paris und London arbeitete sie als Model. Ein halbes Jahr lang tourte sie mit der Gruppe Hong Kong Syndikat mit dem Song Too Much durch Europa."

Als ich den Bandnamen bei Google eingebe, erscheint großartiger Trash in Bild und Ton. In einem Musikvideo schaut der Sänger durch ein Barbiehaus, dann sieht man sein Genital. Eine wirre Videomontage. Ab Sekunde 50 ist meine Mutter zum ersten Mal zu sehen. Mit einem Saxofon in der Hand steht sie mit der Band in einem Schaufenster. Im Takt schwingt sie ihren zarten Körper. "Du kannst Saxofon spielen?" Nein, kann sie nicht. Ihr Part war es – kein Witz –, Playback zu spielen, der Sidekick der Band. Die Bewegungen ihrer Finger verraten, dass sie das Instrument nicht beherrscht. Albern sieht das trotzdem nicht aus. Sie ist zu schön, um albern auszusehen. Als ich ihr das sage, wird sie rot.

An Weihnachten zeige ich unserer Familie mein Fundstück. Man amüsiert sich, bewundert ihren Sex-Appeal. Alle finden es interessant, zu sehen, wie sich meine Mutter vor 25 Jahren bewegte. Sie lacht, winkt ab. "Erzähl doch mal", sagt mein Stiefvater zu ihr, "davon wusste ich ja gar nichts!" Sie fühlt sich merklich unwohl. Fremd komme sie sich da vor, sagt sie und geht zur Bescherung über. Es ist nicht so, dass sie das Unbeschwerte von damals verloren hätte oder nichts mehr mit ihrer Vergangenheit zu tun haben möchte. Aber sie ist schon lange erwachsen, Prioritäten hätten sich verschoben, sagt sie. An vieles von damals könne sie sich auch kaum noch erinnern. Weil danach so viel passiert ist: Kinder, erste Ehe, zweite Ehe, verschiedene Jobs, Liebe, Leid, Erfolg, Geldsorgen, Tote. Was eben so kommt.

Autogrammkarte der Band Hong Kong Syndikat. Hier bei einem Auftritt in Mailand. Von rechts nach links: Iris Czienskowski, G. F. Plaetz, Marina, Marc Brandenburg und Gerd Grünberg © Privat

Deshalb treffe ich ihren ersten festen Freund, der später mit Christiane F. zusammenkam, der Frau, die in dem Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo die traurige Hauptrolle hatte. Vielleicht kann er mir mehr erzählen. Über den Mann, der meiner Mutter Bondage-Klamotten schneiderte, lerne ich ihn kennen. Er gibt mir ein Bild, das sie als Punkerin zeigt. Heillos sei er in sie verliebt gewesen. Als ich ihr danach das Foto zeige, auf dem sie einen roten, verfransten Irokesen trägt, einen Joint in der Hand, fragt sie ungläubig: "Nee, oder – das war ich!?" So ist es oft, wenn ich ihr alte Bilder zeige, auf denen sie zu sehen ist. Die Abzüge haben andere, nicht sie.

Zum Iro trug meine Mutter Vivienne Westwood und Givenchy. Wochenlang lief sie zu Hause mit Turban auf dem Kopf herum, um den neuen Schnitt zu verbergen, erzählt mir meine Oma.

Als meine Mutter kurz darauf mit 15 auszog, lebte sie in Wohngemeinschaften, erst in Kreuzberg, dann in Schöneberg. Noch minderjährig begann sie, im Dschungel, einem legendären Berliner Club in der Nürnberger Straße, zu arbeiten. Meine Mutter schenkte Bier an der Bar im Erdgeschoss aus, oben gab es Cocktails. Sie fühlte sich unantastbar, fast etwas hoheitlich da hinterm Tresen. "Alle waren ja froh, dort zu sein, wo jeder unbedingt reinwollte", erinnert sie sich. Da habe sich niemand großkotzig vor ihr verhalten. Mit dem Job finanzierte sie ihre Modedesign-Ausbildung am renommierten Berliner Lette-Verein. Tags im Unterricht, nachts im Club.

Ich frage sie, ob sie auch Iggy Pop und David Bowie bedient habe, die in ihrer Berliner Zeit häufig im Dschungel waren. Ja, sagt meine Mutter, aber sie seien nicht diejenigen gewesen, die den Club ausgemacht hätten. In Berlin sei es damals üblich gewesen, von jedem demonstrativ unbeeindruckt zu sein. Am Ende war jeder ein Star, der einer sein wollte. "Das war mit ein Grund, wieso alle zu uns kamen, gerade weil es keinen Hype um Prominenz gab."

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Naja, kommt drauf an wie ehrlich man damit umgeht.

Ich kenn das aus der eigenen Familie. Erstaunlich nur dass die "Schlimmsten" heute die größten Moralapostel sind, das sind auch die, die am Liebsten alles verschleiern.
Die "Lausbuben" gebens wenigstens zu und lassen auch mal fünf gerade sein.

Wenn man sich schon schämt, sollte man sich auch nicht im Gegensatz hervortun, ich denke gerade das differenzieren Kinder und Jugendliche.