Das war meine Rettung "Mein erstes Programm wurde von der Presse total zerrissen"

Als junge Kabarettistin hatte Luise Kinseher Selbstzweifel. Dann starb jemand, der sie stets angespornt hatte. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 10/2017

ZEITmagazin: Frau Kinseher, Sie sind im niederbayerischen Geiselhöring geboren. Wie war es da?

Luise Kinseher: Ich bin in einem mittelständischen Milieu aufgewachsen, mein Vater hatte einen Malerhandwerksbetrieb. Dort bin ich mit meiner Mutter, meiner Oma und meinen beiden Schwestern groß geworden. Daheim waren wir eine echte Weiberwirtschaft, weil der Papa die meiste Zeit gearbeitet hat oder im Wirtshaus war, wie das in Niederbayern halt so üblich gewesen ist. Ich erinnere mich, dass ich als Kind gedacht habe, ich bin jetzt mal ganz brav und verhalte mich ganz still, bis ich erwachsen bin – dann kann ich endlich das sein, was ich will.

ZEITmagazin: Sie sind heute für Ihren scharfen Humor bekannt. Fielen Sie auch als Kind schon damit auf?

Kinseher: Im Gegenteil, ich glaube eher, ich war schüchtern. Zumindest hat meine Mutter uns Töchter so erzogen: bloß keine Wutausbrüche, keinen Streit und brav sein. Eben alles tun, was anständig ist, lernen, aufräumen, sich ordentlich anziehen, Grüß Gott und Auf Wiedersehen sagen und dabei freundlich lächeln. Ich hatte aber immer das Gefühl, ich gehöre hier nicht her, da stimmt was nicht.

ZEITmagazin: Heute teilen Sie auf der Bühne aus. Auf dem Nockherberg beim "Politiker-Derblecken": Müssen Sie sich überwinden, eine so selbstbewusste Rolle zu spielen?

Kinseher: Es gab schon eine Wesensverdrehung bei mir. Ich ging auf die Bühne und konnte das werden, was ich bin. Allerdings war der Weg dahin verschlungen. Schon meine Grundschullehrerin musste meine Eltern dazu überreden, mich aufs Gymnasium zu schicken. Es war ihr aufgefallen, dass ich tolle Aufsätze schrieb. Aber auf dem Gymnasium hieß es dann wieder, ich hätte zu viel Fantasie. So habe ich wieder stillgehalten und versucht, alles richtig zu machen. Heute bin ich aber dafür dankbar. Ich habe dadurch gelernt, mich zu disziplinieren.

ZEITmagazin: Hat Sie als Satirikerin selbst jemals eine Kritik aus dem Gleichgewicht gebracht?

Kinseher: Ja, mein erstes Programm wurde von der Presse total zerrissen. Es hieß, die Kinseher kann es einfach nicht. Es war mein erster Versuch, mich außerhalb meiner heimatlichen Umgebung mit einem Soloprogramm auf die Bühne zu wagen. Auch bei meinem zweiten Programm bin ich heulend in die Garderobe gerannt. Es gab viele schlechte Kritiken, die vielleicht auch gerechtfertigt waren, aber ich habe immer weitergemacht. Ich habe mich durchgekämpft und bin dadurch immer besser geworden. Jahre später, als ich für den Starkbieranstich am Nockherberg auserwählt wurde, kam die große Diskussion: Mein Gott, eine Frau, das geht gar nicht! Einige niveaulose Anfeindungen trafen mich persönlich. Da dachte ich schon mal: Puh, ob ich das aushalte? Am liebsten hätte ich mich wieder versteckt, aber ich hab es nicht getan.

ZEITmagazin: Sie haben weitergemacht. Woher haben Sie die Energie geschöpft?

Kinseher: Es war bei mir niemals der Wunsch nach Geld, Erfolg oder Anerkennung. Es ist der Drang, frei zu sein, mein eigenes Ding zu machen. Auch wenn der Wind von vorn kommt und ich mich erst mal ducken muss: Ich weiß, irgendwann richte ich mich wieder auf und stemme mich dagegen.

ZEITmagazin: Ist diese "Jetzt erst recht"-Haltung typisch bayerisch?

Kinseher: Niederbayerisch ist sie auf jeden Fall. Den größten Knacks meines Lebens bekam ich, als mein Mentor, der Münchner Verleger Reinhold von Grafenstein, 1996 plötzlich verstarb. Er hatte mein Talent entdeckt, als ich während des Studiums als Praktikantin in seinem Verlag arbeitete. Heute würde ich sagen, er war der Erste, der mir Mut gemacht hat, mein Talent nicht mehr vor der Welt "geheim" zu halten. Mit seiner Hilfe unternahm ich die ersten Gehversuche im Theater. Er hatte ein erstes Bühnensolo für mich geschrieben. Als er starb, brach für mich diese noch sehr fragile Ebene zusammen. Kurz nach seinem Tod ist er mir im Traum erschienen und hat vor mir eine Landkarte ausgebreitet und gesagt: Da ist das Theater, da musst du hin. Aus meiner Verzweiflung heraus habe ich damals begonnen zu schreiben. Als Schauspielerin irgendwas zu spielen ist das eine – das eigentlich Künstlerische für mich, meine Berufung, ist das Schreiben.

ZEITmagazin: Hat sein Tod Sie angestachelt, weiterzumachen?

Kinseher: Ja, ich habe angefangen, mein erstes eigenes Programm zu schreiben – unter Tränen, weil ich dachte, ich kann es nicht. Da kamen Erinnerungen hoch, wie ich als Kind geschrieben habe. Ich habe mich auf die Suche gemacht nach dem Gefühl von damals, wie es ist, wenn sich etwas von innen heraus völlig frei seinen Weg ins Außen bahnt. Auf dieser Suche bin ich immer noch, und immer wieder finde ich etwas.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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