© Markus Jans

Maxim Biller Der Unzumutbare

ZEITmagazin Nr. 10/2017
Maxim Biller macht es allen schwer: Seinen Lesern, den Fernsehzuschauern, seinem Verleger, seinen Freunden – und vor allem sich selbst. Nur nicht seinen Kritikern, die sein Buch "Biografie" mit Freude verrissen haben. Jetzt hat Biller die Sendung "Das Literarische Quartett" verlassen, um wieder das zu sein, was er immer war: Ein Schriftsteller, der sich nicht kontrollieren lassen will. Von

Würde man den Familiennamen Biller in ein Verb verwandeln, dann hieße es billern. Einen billern, das würde bedeuten: einen Menschen charmant begrüßen und ihn auf kluge Weise zum Lachen bringen. Billern, das hieße aber auch: einen Menschen aus dem Nichts heraus angreifen und ihn verletzen. Billern wäre eine Drohung: Ich biller dir gleich eine. Oder ein Wunsch: Ach, lass uns doch mal wieder richtig schön billern gehen.

In jedem Fall wäre es eine verwickelte Geschichte, von der man nicht wüsste, wie man sie erzählen sollte. Vielleicht so: Im Restaurant 3 Schwestern in Berlin hat sich ein Schriftsteller an einen Tisch in einer Ecke gesetzt. Der Schriftsteller heißt Maxim Biller. Er war Stammgast in der Fernsehsendung Das Literarische Quartett, gab im Januar aber mit einem Mal seinen Abschied bekannt. Von nun an nimmt die Autorin Thea Dorn seinen Platz ein.

Biller ist Jude, 56 Jahre alt. Bis er zehn war, lebte er mit seinen Eltern und seiner Schwester in Prag. Dann zog die Familie nach Hamburg. Seitdem ist Maxim Billers Leben so kontrovers verlaufen, dass in der Literaturbranche nur noch wenige Menschen übrig geblieben sind, die er mag und die ihn mögen. Mit zweien von ihnen hat er sich zum Mittagessen verabredet. Gleich müssen seine beiden Freunde eintreffen.

Zuerst taucht ein Mann auf, dem man ansieht, dass er im Flugzeug versucht hat zu schlafen. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Das ist der Schriftsteller Etgar Keret aus Tel Aviv. Wenn er Biller etwas erzählt, und das tut er unentwegt, leuchten Kerets Augen vor Freude. Aus einer Tasche seiner Jeans baumelt das gekringelte Ladekabel seines Smartphones am Bein herunter. Es könnte auch dazu dienen, Kerets eigene Batterie schnell aufzuladen, sobald er von einer Gesprächspause überrascht werden sollte.

Dann betritt ein Mann den Raum, der aus New York anreiste, der Schriftsteller Daniel Kehlmann. Sein Scheitel liegt exakt so, wie er liegen soll, und er lächelt versöhnlich. So kontrolliert, wie er am Tisch sitzt, so aufrecht und aufgeräumt, könnte er auch die Tagesthemen moderieren. Kehlmann berichtet, dass er für seine Novelle Du hättest gehen sollen keine Werbung machen musste, in keiner Talkshow sitzen, gar nichts tun. Das Buch läuft auch so hervorragend und erreicht die Bestsellerlisten. Dabei hat es bloß 96 Seiten.

Maxim Biller hat im vergangenen Jahr den Roman seines Lebens veröffentlicht, Biografie. Die meisten Literaturkritiker lehnten das Werk ab, als zu verschachtelt, zu komplex, zu stark überdreht. Es verkauft sich schlecht. Biller hatte acht Jahre lang daran wie ein Besessener gearbeitet, allein zwei Jahre lang hatte er rigoros gekürzt. Am Ende hatte es immer noch 896 Seiten.

Biller nickt wortlos, als Kehlmann mit großer Leichtigkeit seine Erfolge paraphrasiert. "Maxim", fragt Kehlmann, "warum wurde dein Stück Die Kanalratten eigentlich nie aufgeführt? Es ist doch so relevant." Ja, warum? Warum die, warum nicht ich? Das hat sich Biller auch schon oft gefragt. Vielleicht ist es sogar die alles entscheidende Frage. "Ich muss mich immer extrem anstrengen, um Anerkennung zu bekommen", sagt Biller später.

Auch Etgar Keret hat wieder ein Buch herausgebracht, voller kurioser Familiengeschichten. Er steht vom Stuhl auf und zieht schnell seine Hose hoch. Irgendwo auf dem Weg von Israel nach Deutschland muss er seinen Gürtel verloren haben.

Eine wilde Geschichte fällt Keret ein, von seinen schmerzenden Rippen und einem Autounfall. Er habe schon gedacht, er müsse sterben, aber dann passierte das und das und das. Keret wirkt immer so glücklich wie jemand, der gerade einer Katastrophe entkommen ist. Bei Biller ist es anders. Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe.

Biller erinnert sich an einen lange zurückliegenden Bombenanschlag auf dem Münchner Flughafen, der ihn als jungen Mann in Todesangst versetzte. Schließlich sprechen sie über Donald Trump, den Kehlmann für eine große Gefahr hält. Bei Biller löst Trump sofort die Fantasie aus, im Weißen Haus werde ein Mord geschehen.

Biller geht immer einen Schritt weiter. Er übertreibt, er lotet seine Grenzen nicht aus, er sprengt sie. Im Literarischen Quartett fiel er regelmäßig über die Kritikerin Christine Westermann her. Er sagte zu ihr: "Sie haben einfach keinen guten Geschmack. Was soll ich machen?" Vor acht Jahren kündigte er an, Thomas Mann zerstören zu wollen. "Ein unheimlich guter Journalist, der leider versucht hat, Schriftsteller zu sein." So beschreibt er Martin Walser. Findet Biller ein Buch bemüht und banal zugleich, dann sagt er gern: "Das ist doch Juli Zeh für Intellektuelle. Grauenhaft."

Manchmal behauptet er, er wolle nicht immer so schlecht über andere Schriftsteller sprechen, macht aber einfach weiter. Rainald Goetz? "Er schreibt das schönste Deutsch, das ich kenne. Nur sein Roman Johann Holtrop war erbärmlich." Navid Kermani? "Ein Witz." Christoph Ransmayr? "Die Sprache eines alten Mannes." Am Tag vor dem Fototermin mit dem ZEITmagazin sagte Biller: "Ich will in meinem Anzug aber auf keinen Fall so aussehen wie dieser Christian Kracht." Man muss Biller nicht lange zuhören, um zu verstehen, wie es kam, dass er eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht. Gegen irgendwas oder gegen irgendwen rennt er immer an. Warum nur?

Kommentare

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"Könnte lachen, bis ich Pipi im Schlüpfer habe." Ist das das enstsprechende Maß für Humor oder Anstand oder Literatur, ob jüdische oder christliche oder irzzwie-aufällige - .. oder nur für weibliches Lesen?
Dieser Aussage kann ich zustimmen: "Ich glaube, Biller hat wirklich ein psychisches Problem und braucht einen Therapeuten." - Bei Maxim Biller ist die Schamgrenze für Ver- oder Anstaaaaaaaaaaand mit einigen oder vielen Kriterien für Jüdischsein oder verantwortliche Kommmunkation so undifferenziert verwoben, dass er sie nicht unterscheiden. Aber er hat immer Recht, dass man ihm übel will.