Harald Martenstein Über glückliche kleine Unfälle

Von
ZEITmagazin Nr. 11/2017

Ich saß in München im Restaurant, wir waren, glaube ich, acht Personen, von zwanzig bis Mitte sechzig. Irgendwie kam das Gespräch auf Bob Ross. Alle waren sofort elektrisiert. Jeder kannte Bob Ross. Alle fanden ihn großartig. Es gab keine zwei Meinungen.

Bob Ross war ein amerikanischer Maler mit Afrolook und Bart, er ist 1995 gestorben, schon in seinen Fünfzigern. Aber er besitzt das ewige Leben, dank seiner Fernsehserie The Joy of Painting, die in Deutschland fast täglich im Sender ARD-alpha zu besichtigen ist, neuerdings auch bei Netflix. Von dieser Serie wurden 31 Staffeln und 403 Folgen hergestellt, Bob Ross hat also länger durchgehalten als Charlie Sheen in Two and a Half Men. Der Inhalt jeder Folge ist exakt gleich. Er besteht darin, dass Bob Ross in nur knapp 30 Minuten ein schauderhaftes Bild malt und dabei erzählt, wie er das macht. Ein typisches Bob-Ross-Gemälde zeigt einen von Mischwald umstandenen See, hinter dem eine Bergkulisse mit schneebedeckten Gipfeln zu sehen ist, oben wölbt sich ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken, oder die Sonne geht farbenfroh unter.

Selbst die Neujahrsansprachen von Helmut Kohl hatten, vergleichsweise, eine atemberaubende Themenvielfalt, ein irritierendes Tempo und eine respektgebietende intellektuelle Tiefe. Bob Ross trägt anscheinend immer dasselbe Hemd, seine Stimme fühlt sich sanfter an als Kaschmirwolle und beginnt immer mit dem Satz "Hi, welcome back!" . Ein paar Jahre saß während des Malens ein Eichhörnchen in seiner Jackentasche. Wenn er eine Wolke malte, sagte er immer, verträumt ins Ungefähre, den Satz "Hier lebt eine hübsche kleine Wolke"; wenn ihm der Pinsel mal ausrutschte, sagte er: "Wir machen keine Fehler. Uns unterlaufen nur glückliche kleine Unfälle." Die Bilder sind Kitsch, aber grandioser Kitsch, und seine Kunstauffassung orientierte sich an Joseph Beuys: Jeder ist ein Künstler.

Bob Ross ist ein Popstar, das wusste ich, aber mir war nicht klar, dass er einer der wenigen generationenübergreifenden Popstars ist. Es gibt auf YouTube Filme, in denen er drei Minuten lang nur seinen Pinsel wäscht oder in denen gezeigt wird, wie man aus Legosteinen eine Bob-Ross-Figur baut. Für die Sendungen, deren Wirkung stark an einen Joint mit gleichzeitiger Rückenmassage zu Musik von Coldplay erinnert, hat er angeblich nicht mal Honorar genommen. Vorher war er 20 Jahre lang beim Militär, danach schwor er sich, nie wieder im Leben die Stimme zu erheben.

Ich hatte ein bisschen Angst davor, dass sogar dieser letzte milieu-, gender- und generationenübergreifende Held unseres Zeitalters inzwischen dekonstruiert oder als irgendwas entlarvt wurde. Ich habe seinen Namen gegoogelt, zusammen mit "Sexismus", "Rassismus" und all diesen Begriffen, und war schon erleichtert, weil er, ebenfalls als Letzter, tatsächlich eine weiße Weste zu haben scheint. Nicht mal Jutta Ditfurth hat was an ihm auszusetzen. Dann habe ich es mit "Adolf Hitler" probiert. Bob Ross wird vorgeworfen, dass sein Malstil an den Stil von Adolf Hitler erinnere. Andere Stimmen verweisen darauf, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn Bob Ross mit einer Zeitmaschine ins Wien des Jahres 1910 gereist wäre und Hitler das Malen von richtig gutem Kitsch beigebracht hätte. Hitler hätte jede Menge Kohle verdient und wäre nicht in die Politik gegangen. Für den kommenden Wahlkampf empfehle ich allen Rednern die Formulierung: "Unsere Partei macht keine Fehler. Uns unterlaufen nur glückliche kleine Unfälle."

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