Ich habe einen Traum Josef Hader

"Der Lehrer sagte, Fantasie sei schön und gut, aber bei mir handle es sich oft um ganz normale Lügen"
© Matthias Ziegler
ZEITmagazin Nr. 11/2017
Josef Hader

55, ist Schauspieler, Drehbuchautor und einer der bekanntesten Kabarettisten Österreichs. Voriges Jahr trat er als Schriftsteller auf: In Maria Schraders Vor der Morgenröte spielte er Stefan Zweig. Am 9. März feiert er sein Debüt als Regisseur, dann startet sein Film Wilde Maus in den Kinos

Als Kind kam ich mir oft vor wie ein Außerirdischer. Auf dem Bauernhof meiner Eltern fühlte ich mich zwar heimisch, gleichzeitig aber auch immer ein bisschen fremd. Ich hatte nie das Gefühl, ich könne mich meinen Eltern anvertrauen. Dieses Gefühl begleitete mich durch meine ganze Kindheit: niemandem meine wirklichen Gedanken sagen zu können.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich überhaupt jemals mit anderen Menschen eine engere Beziehung führen sollte. Ich war der Überzeugung, dass Menschen im Grunde nicht miteinander kommunizieren können. Im Mitteilungsheft der Schule stand oft, ich würde mir die Welt ausdenken und sie nicht akzeptieren, wie sie ist. Der Lehrer sagte, Fantasie sei schön und gut, aber bei mir handle es sich oft um ganz normale Lügen.

Ich weiß nicht genau, wann sich das geändert hat. Irgendwann macht man eben seine Erfahrungen. Nicht dass das Leben besser ist, als ich mir’s erwartet habe. Aber man versöhnt sich ein bisschen mit den menschlichen Möglichkeiten.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich schon in der ersten Klasse begann, dicke Bücher zu lesen. Eigentlich habe ich ununterbrochen gelesen. In den Sommerferien, nach der Feldarbeit, zog ich mich mit Karl May in ein dunkles, kühles Zimmer zurück. Seit diesen Tagen habe ich einen Traum: Ich würde gern über einen sehr langen Zeitraum hinweg schreiben. Schreiben ist die beglückendste Arbeit, die ich kenne. Es ist wie eine Bio-Droge, mit der man aus völliger Verzweiflung darüber, dass einem nichts einfällt, in die größte Euphorie gelangen kann, wenn man den richtigen Einfall hat. So einen Effekt bewirken normalerweise nur verbotene Substanzen, aber beim Schreiben geht es ganz von selbst. Und diesen Zustand, in dem ich jeden Tag mein Pensum schreibe und in einer Geschichte lebe, den könnte ich monatelang aushalten. Beim Drehbuchschreiben dauert das leider nur zwei, drei Wochen, dann hat man die Überarbeitung fertig und muss schon wieder aufhören.

Ich wäre natürlich am liebsten ein amerikanischer Romanautor. Europäische Schriftsteller betonen ja meistens, wie sehr sie sich quälen. Amerikanische Autoren erzählen eher, dass sie glücklich sind beim Schreiben: Sie sitzen irgendwo in einem Landhaus in Neuengland, schreiben am Vormittag, dann essen sie mit der Familie, dann gehen sie spazieren, dann schreiben sie wieder, dann gehen sie wieder raus aus ihrem Arbeitszimmer, reden mit der Frau und den Kindern und verbringen einen schönen Abend. Derart entspannt könnte ich leider gar nichts schreiben. Die Realität sieht nämlich so aus, dass ich nie aus der Stadt rauswill und auf dem Land depressiv werde. Wenn ich zum Schreiben doch mal woandershin will, käme ich nie auf die Idee, irgendwohin zu fahren, wo Bauernhöfe stehen, wahrscheinlich weil mich das zu sehr an die Arbeit meiner Kindheit erinnert. Außerdem kann ich zwar einiges, aber sicher keinen Roman schreiben. Deshalb wird das immer ein Traum bleiben.

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