Gesellschaftskritik Über Empathie

© Alexander Hassenstein/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 11/2017

Der Fußballer Mats Hummels sagte kürzlich, er habe den Eindruck, der Umgang mit Spielern sei respektloser geworden – die Hemmschwelle der Fans, Spieler zu beleidigen, liege immer niedriger. Nun werden bei dieser Aussage hartgesottenere Fußballfans die Augen verdrehen: Fußballer trainieren zwei Stunden am Tag, überziehen Porsches mit Goldlack und verdienen in einer Woche mehr als die meisten von uns in einem Jahr. Da sollen die Millionarios bloß nicht so rumheulen!

Aber manchmal bringt es ja einen Erkenntnisgewinn, wenn man sich in jemanden hineinversetzt. Wie wäre es also, wenn in unserem Arbeitsalltag die Gepflogenheiten der Fußballwelt gelten würden ("Total bekloppte Idee!")? Sagen wir, an einem Tag, an dem man eher so mittelgut drauf ist, weil Kind krank und Partner genervt und überhaupt ("Die kann ja keinen geraden Satz schreiben!")? Dann würden in genau diesem Moment Millionen Menschen live dabei zusehen, wie diese Kolumne entsteht ("Gib ab! Gib endlich ab!"). Bei jedem neuen Satz lägen die Kritiker wie Jäger auf der Lauer ("Was für eine Scheißmetapher!"), jeder nicht geglückte Witz würde verrissen ("Die Pointe hätte sogar meine Omma reingemacht!"), der Autorin würden grundsätzliche Fähigkeiten abgesprochen ("Ich weiß echt nicht, warum der di Lorenzo die immer wieder aufstellt!"). Die Wand hinter dem Bildschirm wäre mit Transparenten gepflastert ("Dafür zahle ich mein Abo?" – "Verräterin!" – "Lusche!"). Jede unschöne Formulierung würde in Superzeitlupe und Endlosschleife über die Bildschirme flackern. Der Chefredakteur würde einem per Bild-Zeitung mitteilen, dass man an der kommenden Ausgabe leider nicht mitwirken dürfe und er darüber nachdenke, einen an den Trierischen Volksfreund auszuleihen ("Da kann sie mehr schreiben, dann kriegen wir wenigstens noch was, wenn wir sie nach China verkaufen!"). Bekäme man dann doch noch mal die Chance, eine Kolumne zu verfassen, würde man nach der Hälfte des Textes ausgewechselt gegen das 17-jährige Supertalent, das nicht nur locker schreiben kann, sondern auch als Kriegsreporter einsetzbar ist. Dann ist man 33, hat das Konto voller Geld, aber nichts mehr zu tun. Alles irgendwie nicht so schön.

Oder ...? Leider haben wir keine Zeit, darüber nachzudenken, denn draußen warten schon die Kameras: "Sie haben heute wirklich absoluten Mist zusammengeschrieben, Ihre Texte haben seit Wochen nicht mal Zweitliganiveau. Woran liegt’s?"

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