© Herlinde Koebl

Das war meine Rettung "Mit 13 hatte ich eine Punkfrisur"

Sahra Wagenknecht durfte in der DDR nicht studieren. Dann kam die Wende. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 11/2017

ZEITmagazin: Frau Wagenknecht, Sie sagten einmal, dass Sie als junges Mädchen eine kleine Terroristin sein konnten, wenn etwas gegen Ihren Willen ging.

Sahra Wagenknecht: Ja, ich war ein sehr selbstbewusstes und forderndes Kind. Meine Mutter hat versucht, mich in den Kindergarten zu geben, aber das wollte ich nicht, da habe ich richtig Terror gemacht. Meine Großmutter war 39, als ich geboren wurde, sie hat mich sehr verwöhnt und am Anfang die Mutterrolle übernommen. Und ich war insoweit pflegeleicht, als ich mich fast nur mit mir selbst beschäftigt habe.

ZEITmagazin: Ihr Vater, den Sie nie kennenlernten, kam aus dem Iran. Es gab in Ihrem Dorf bei Jena nicht viele Kinder mit Migrationshintergrund. Hat Sie das verändert?

Wagenknecht: Ich hatte ja keinen Migrationshintergrund, aber ich sah fremdländisch aus. Da gab es immer wieder unschöne Erlebnisse, Kinder, die mich gehänselt haben: "Wie sieht denn die aus?" – "Kommst du aus China?" Ich hatte deshalb eine gewisse Scheu im Umgang mit anderen Kindern.

ZEITmagazin: Hatten Sie nie das Gefühl, angenommen zu werden?

Sahra Wagenknecht

47, ist Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken. Sie studierte Philosophie und promovierte neben ihrer politischen Karriere 2012 in Wirtschaftswissenschaften. Seit zwei Jahren ist sie mit Oskar Lafontaine verheiratet.

Wagenknecht: Mit 13 hatte ich eine Punkfrisur und eine Clique, lauter Freunde, die älter waren, da war ich akzeptiert. Wir sind durch die Discos gezogen, und ich habe erste Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Bei einer Faschingsfeier habe ich das exzessiv ausprobiert. Ich wurde ohnmächtig und musste nach Hause getragen werden. Es war nichts Schlimmes passiert, aber dieser Kontrollverlust hat mich doch schockiert. Das wollte ich nie wieder haben. Das war auch ein Grund, dieses Leben wieder zu beenden, nach einiger Zeit kam mir das öde vor.

ZEITmagazin: Stattdessen haben Sie sich in Bücher vertieft. Was gab Ihnen Struktur?

Wagenknecht: Das war ich in zunehmendem Maße selbst. Mit vier habe ich angefangen zu lesen, Kinderbibliotheken waren für mich wie Süßwarenläden. Ich bin immer mit einem Riesenstapel Bücher rausgegangen, habe die Geschichten in Gedanken weitergesponnen und mich deswegen nie einsam gefühlt. Mein Lieblingsmärchen war Die Schneekönigin, in dem die Tränen eines Mädchens das eingefrorene Herz ihres Freundes wieder aufwärmen. Nach dem Abitur habe ich zwölf bis fünfzehn Stunden am Tag gelesen, zu Hause, weil ich nicht studieren durfte, streng nach Zeitplan: fünf Stunden Hegel, zwei Stunden Marx, Kant, Descartes und dann noch was Belletristisches. Ich hatte einen unglaublichen Hunger nach Wissen und suchte Antworten auf die großen philosophischen Fragen, aber da war niemand, mit dem ich darüber sprechen konnte. Selbst meine Mutter verstand damals nicht, warum ich zu Hause blieb, statt den mir angebotenen Job als Sekretärin zunächst einmal zu machen. Aber ich wollte keine Zeit verlieren, damals träumte ich davon, das Hegelsche System auf moderne Weise neu zu schreiben. Von zu Hause aus konnte ich nicht die Weltphilosophie revolutionieren, das war mir schon klar, deshalb habe ich mich natürlich weiterhin um einen Studienplatz bemüht. Aber das war hoffnungslos, und ich war ziemlich verzweifelt.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Wagenknecht: Na ja, platt gesagt, die Wende. Im Februar 1990 – ich hatte gerade den Doktor Faustus von Thomas Mann gelesen und machte mir ernste Sorgen, irgendwann wie die Figur Adrian Leverkühn zu enden – gab es nicht mehr diese politischen Zugangsbeschränkungen. Der Studiumsbeginn war eine Befreiung, die Professoren haben schnell gemerkt, dass ich kein Grundstudium brauche, weil ich ja alles gelesen hatte. Da bekam ich das erste Mal wirkliche Anerkennung und hatte Mitstudenten, kaum jünger als ich, denen ich Seminare über Hegel und Kant halten konnte. Auch konnte ich mich endlich über solche Themen austauschen, das war fantastisch.

ZEITmagazin: Oskar Lafontaine hat Ihnen 2011 geraten, Sie sollten mehr auf andere zugehen und "auch mit Leuten reden, die du für Idioten hältst". Beherzigen Sie das?

Wagenknecht: Das muss man natürlich, wenn man politisch arbeitet. Ich glaube aber, dass ich auch früher nicht arrogant oder überheblich war, eher schwierig aus Unbeholfenheit.

ZEITmagazin: Inzwischen sind Sie mit ihm verheiratet. Was haben Sie von ihm gelernt?

Wagenknecht: Dass Politik und politischer Erfolg nicht alles sind. Auch wenn ich politisch angegiftet werde: Ich habe durch unsere Liebe ein sehr schönes Leben, für das ich dankbar bin. Unsere gemeinsame Zeit ist ein Schutzraum, ohne den ich die politischen Auseinandersetzungen nicht durchstehen würde. Das macht mich weniger verletzbar. Ich bin jetzt ein sehr viel glücklicherer und auch ausgeglichenerer Mensch als vor 20, 30 Jahren.

Das Gespräch führte Herlinde Koebl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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