Männer! Reine Gefühlssache

DIE ZEIT Nr. 11/2017

Zähne blecken, brüllen, kreischen – und dann bücken, Schuh vom Fuß reißen und ihn RUMMMS auf den Tisch geknallt: Das Kinderspiel hieß Chruschtschow und war der Kracher. Wir kugelten uns vor Lachen, schrien vor Vergnügen – glucksen, auslaufende Kiekser, schniefen und noch mal, Schuh hoch, WUMM WUMM WUMM, bis die Erwachsenen sich Ruhe ausbaten! Der durchknallende Politiker war mal der Joke an sich. Erstaunlich, Hitler war ja noch nicht so lange her. Die Erwachsenen hätten noch sein hochgetuntes Gejaule im Ohr haben können. Wollten sie aber nicht. Politik und Gefühl waren so out. Männer ohne Worte waren in. Typen, die schwiegen bis zur Paartherapie. Oder bis zur Kardiologie. Politiker machten ihren Job. Ausnahme: Sex. Na ja. Also Kennedy.

Brandts Kniefall in Warschau funktionierte ja nur, weil es nicht die Regel war, das Überwältigtwerden von Gefühl. Und noch nicht so wirkte wie eine Regieanweisung von RTL. Was also ist passiert, dass ein Erdoğan jetzt Nazi-Vorwürfe rausheult wie ein Fünfjähriger, dem Mamas Handy entrungen wurde, im Sound von "Ich hassehassehasse euch!"? Und keiner lacht? Ein amerikanischer Präsident, der Hass und Wut rausknallt wie ein fehlzündender Gebrauchtwagen – und jeder zweite Amerikaner applaudiert? Fillon, der Filou, wird beim Schummeln erwischt und kreischt "MORD!". What happened?

Eine gern ventilierte Theorie ist, der Siegeszug der 68er habe Schuld. Weil die in ihren selbst gestrickten Schlabberpullis allem ihren Stempel aufdrückten. Die Pullover seien zwar ein Opfer von Motten geworden, durchgesetzt habe sich aber eine Political Correctness, die den Mann zwinge, sich nach jedem Koitus nach der Orgasmusqualität der Frau zu erkundigen, anschließend laufe er mit weich gefedertem Knie und Baby im Beutel rum und müsse seine Männergefühle unterdrücken. Bis sie als Verpuffung rauskommen! Hmm.

Theorie 2. Variante von eins, fokussiert aber auf Emanzipation. Vor der Emanzipation war Hysterie reine Frauensache. Bevor es Emanzipation gab und noch kein RTL-Vorabend-TV, musste man bis Paris fahren und konnte dort in der Irrenanstalt Salpêtrière zuschauen, wie der Monsieur Charcot bei leicht gekleideten Insassinnen auf über den Körper verteilte G-Spots drückte und so Ausrasten (Kreischen, Brüllen) sowie ein geiles Sichwinden auslöste. Zuschauer: Strindberg etc. Heute tragen auch Frauen straffe Herrenanzüge, wirken darin eisern wie Mrs. May, erlauben sich allenfalls ein siegesgewisses Grinsen. Die Gefühlsshow sei auf Männer verschoben (schon weil Frauen sich das nicht erlauben könnten, ohne hysterisch zu wirken, s. o.).

Theorie 3 besagt, dass der gefühlssiedende Mann nicht so neu ist wie empfunden. Mal auf die Gesichter der Broker auf dem Floor der Börse geachtet? Der Schweiß auf der Stirn, die fast postkoitale Rötung der Wangen? Kühl überlegte Geldanlage sieht anders aus. Ein Auftritt von CEO Richard S. Fuld Jr., der die Titanic-Versenknummer der Lehman Brothers inszenierte, wirkte wie Charlie Chaplins Diktatorparodie. Schreien, bis die Spucke fliegt! Dem Mann Geld geben? Taten nicht nur Blinde und Taube. Da pochte doch im Herzen des global zirkulierenden Kapitals immer etwas Finsteres. Oder will man den Vernichtungszug über Arbeitsplätze vernunftgeleitet nennen? Und wo wäre der Ausweg? Nun, neulich erzählte die immer heitere Performancekünstlerin Laurie Anderson in Berlin anlässlich der 30. transmediale von ihrer Zeit als "Artist in Residence" bei der Nasa. Männer! Man arbeitet dort an der Besauerstoffung des Mars. Es wird bald einen neuen Planeten geben, wo alles besser ist als hier! Wir mit unserem Planetenrettungs-Know-how – es wird herrlich!

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