© Jan Philip Welchering

"Antideutsche" Ga Ga Land

ZEITmagazin Nr. 12/2017
Sie hassen Deutschland, stehen fest an der Seite Israels und lehnen jede Kritik an den USA ab. Die Antideutschen sind eine sehr seltsame Gruppe innerhalb der linken Bewegung. Ursprünglich wollten sie mal das "Vierte Reich" verhindern – und haben sich dabei furchtbar verlaufen. Was sind das eigentlich für Leute? Eine Reise durch Antideutschland. Von

Einmal im Jahr, am sogenannten Al-Kuds-Tag, begeben sich einige Hundert Menschen auf den Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg, um das Existenzrecht Israels zu leugnen. Al-Kuds, so heißt Jerusalem auf Arabisch. Manchmal halten die wütenden Demonstranten am Ku’damm dabei Schilder mit der Aufschrift "Kindermörder Israel" in die Höhe.

Im Sommer 2014, während der Krieg im Gazastreifen tobte, war die Stimmung besonders aufgeheizt. Gegendemonstranten mit großen Israelflaggen versammelten sich hinter einer Polizeiabsperrung und versuchten, die antiisraelische Hetze ihrer Gegner mit Pfiffen zu übertönen. Ein Demonstrant schwenkte triumphierend eine kleine USA-Fahne durch die Luft. Hier, unter den Gegnern der Israelhasser, wähnte man sich zunächst auf der guten, zivilisierten Seite.

Aber dann fielen inmitten der israelsolidarischen Gegendemo einige bemerkenswerte Sätze: "Alle Araber gehören auf den Scheiterhaufen", sagte jemand. Ein anderer erklärte seinen Mitstreitern seine Lösung des Nahostkonflikts: "Bombardieren! Denn alle Muslime sind gehirngewaschen." Zumindest einige der Demonstranten schienen plötzlich mit ihren Parolen gar nicht so weit entfernt zu sein von denen, gegen die sie protestierten. Sie nannten sich "Antideutsche". Ein Begriff, der seltsam klang und neugierig machte: Was soll das sein, "Antideutsche"? Deutsche, die gegen sich selber sind? Was soll das bedeuten? Was treibt diese Leute an? Woher kommen sie? Und wohin wollen sie?

"Antideutsche", verrät Wikipedia, "sind eine aus verschiedenen Teilen der radikalen Linken hervorgegangene politische Strömung in Deutschland." Die weitere Recherche führt ins Archiv, zu Ausgaben aus den neunziger Jahren von linken Zeitschriften und Zeitungen wie Bahamas,konkret oder Jungle World. Sie präsentieren sich als Sprachrohr einer politischen Strömung, die in den Jahren nach der Wende geboren wurde. Denn als Helmut Kohl im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer die Wiedervereinigung feierte, ging erstaunlicherweise für einige junge Deutsche eine Welt unter. Für sie bargen Mauerfall und Wiedervereinigung die Gefahr, dass sich dieses neue Deutschland an sich selbst und seiner neuen Macht berauschen und sich die dunkle Geschichte ihrer Eltern und Großeltern wiederholen könnte. Während auch die europäischen Nachbarn den neuen großen Staat in ihrer Mitte zum Teil misstrauisch beäugten, weckte die Wiedervereinigung bei den "Antideutschen", wie sie sich nannten, tatsächlich die Angst vor der Auferstehung eines "Vierten Reiches". Ein Gefühl, das man beim Blättern durch die Magazine von damals förmlich greifen kann: "Nie wieder Deutschland!" oder "Halt’s Maul, Deutschland!" steht da. Parolen machten in Schulen, Universitäten und Jugendclubs auf Flugblättern die Runde: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können!"

Antideutsche, das wird klar, hassen Deutschland. Sie lieben dafür das Gegenteil von Deutschland, das sie in Israel sehen. Der jüdische Staat als logische Konsequenz aus der historischen Schuld der Deutschen ist für Antideutsche so etwas wie ein Identitätsanker. Deswegen heften sich viele Antideutsche einen Davidstern ans Revers – obwohl sie zugleich grundsätzlich gegen das Konzept des Nationalstaates sind. Doch wenn überhaupt eine Nation existieren soll, dann ist es der jüdische Staat. Und welches andere Land garantiert die Existenz Israels? Genau: die USA. Deswegen sind Antideutsche proamerikanisch. Man kann auch sagen: amerikaverrückt.

Das klingt verwirrend – aber wenn man sich die Genese der antideutschen Bewegung näher anschaut, versteht man die Spuren, die die deutsche Geschichte in uns hinterlassen hat, und zugleich die linken Grabenkämpfe von heute.

Im Jahr 1990 war somit eine neue Jugendkultur geboren. Die Enkel der Nazis rebellierten nach dem Mauerfall gegen eine Gesellschaft, der sie unterstellten, die Schuld an der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte nach dem Einheitstaumel möglichst bald unter den Teppich kehren zu wollen. Sie rebellierten aus Angst, aus Überzeugung und ein bisschen auch aus Spaß – wie es zu jeder Jugendkultur dazugehört. So war es damals, in einer Zeit, als Deutschland noch nicht cool war und die politischen Fronten klar gezogen waren. Doch Deutschland und die Welt sind nicht mehr das, was sie mal waren. Und diese Veränderungen scheinen die Logik der Antideutschen, die trotz aller inneren Widersprüche so lange Bestand gehabt hat, endgültig zum Bersten zu bringen.

Antideutsche sind scheue Deutsche: Auch die meisten der zehn Antideutschen, zwei Frauen und acht Männer, die man für diesen Text trifft, wollen anonym bleiben. Unter ihnen sind Journalisten und Sozialarbeiter, Mitarbeiter der Partei Die Linke und ein Barkeeper. Die Frage, wie viele Antideutsche es in Deutschland gibt, ist genauso schwer zu beantworten wie die Frage, wie viele Deutsche neoliberal denken. Einen Eindruck geben zumindest die antideutschen Studentengruppen, die es an den großen deutschen Universitäten gibt und die jeweils einige Hundert Mitglieder haben. Die Antideutsche Aktion, unter deren Dach sich antideutsche Aktivisten sammeln, hat zumindest auf Facebook in Hamburg 813 und in Berlin 2.195 Anhänger.

Kommentare

294 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

im Gegenteil, der Artikel bringt es sehr sehr detailiert und gut auf dem Punkt, wie ich finde.
Die Antideutschen und angewachsen? Mitnichten, man möchte nicht das selbe Gedankengut wie Pegida, Wilders und Co teilen, die überwältigende Mehrheit der Linken distanziert sich scharf von Antideutschen und ihrem verrückten Nationalismus, Staatsfetisch, Antisemitismusverhöhnung und rechten Ideen.
Mir kommt es so vor, als könnten es Antideutsche letztendlich einfach nicht einsehen, dass sie sich lange selber überlebt haben... ;)
sogar am AlQudsTag sieht man nur noch eine handvoll von den Antideutschen, zusammen mit erzkonservativen israelischen und regierungstreuen Verbänden Fähnchen schwingen.
Mehr ists einfach nicht mehr und das schon sehr lange.. sorry.
shalom und salam