"Antideutsche" Ga Ga Land

Im About Blank, einem antideutsch geprägten Club in Berlin-Friedrichshain, kommt an einem Samstagabend die "Poly-Motion"-Sexparty nicht so recht in Gang. An der Bar sitzt eine Psychologie-Studentin. Sie trägt Jeans, ihre lockigen Haare fallen offen auf die Schultern. "Die antideutsche Ideologiekritik ist ja selbst eine Ideologie", sagt sie und klammert sich an ihre fast leer getrunkene Bierflasche. "Antideutsche sind Linke, die sich duschen", scherzt sie und gibt eine Runde aus. Auch sie scheint der Bewegung nicht mehr so zugetan zu sein wie früher.

Der Darkroom des Clubs ist seit Stunden verwaist. In einer Ecke ist ein Pärchen ziemlich lustlos mit sich selbst beschäftigt. Wenige Minuten später sitzen die beiden wieder am Tresen neben der Studentin. Die blättert nun lustlos in einer Jungle World. Bevor sie sich auf den Heimweg macht, sagt sie noch: "Was ist nur aus dem antideutschen Grundgedanken geworden?"

Um die Bewegung heute zu verstehen, müsse man nach Leipzig fahren, haben die Psychologiestudentin, der Soziologe und auch Otto geraten. Dort sei der "wahre Gegner" lebendiger denn je. Der Leipziger Stadtteil Connewitz sei im Grunde die Hauptstadt von Antideutschland. Dort hätten Antids keinen Nerv für Eat-ins bei McDonald’s oder Sexpartys. In Leipzig-Connewitz gehe es noch um wirklich existenzielle Fragen. Wie früher.

Denn vor etwas mehr als einem Jahr fiel dort die antideutsche Bastion. Hunderte Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet zogen damals durch den Süden von Leipzig und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Zeitgleich zu einer Legida-Demonstration überfielen die Rechten das Kerngebiet ihrer antideutschen Urfeinde. "Ein Schock", sagt Lydia Jakobi. Die freie Autorin arbeitet ehrenamtlich im Club und Jugendtreff Conne Island, der so etwas ist wie das antideutsche Rathaus von Connewitz. Ihre Stimme stockt, als sie den Horror beschreibt.

Antideutsch zu sein war und ist vor allem auch eins: eine Jugendkultur. © Jan Philip Welchering

"Die Nazis", wie hier die Erzfeinde konsequent genannt werden, demolierten die Naturbackstube und den kleinen Stickereiladen Buntgarn komplett. Sie stiegen in eine Imbissbude ein, packten Stühle und Tische und warfen sie durch die Gegend. Sie schmierten Hakenkreuze und Hassphrasen an die Fassaden und suhlten sich im Netz in ihrem Triumph. Die 28-jährige Jakobi ärgert sich über einige Berliner Antideutsche. Sie wüssten gar nicht mehr, was hier in Sachsen und in Leipzig abgehe – mit einer erzkonservativen Landesregierung, einer CDU wie aus der Steinzeit und Pegida als sächsischem Markenzeichen. In Connewitz ist die ursprüngliche Stimmung dieser Jugendbewegung, der Hass auf "Deutschland" und die Angst, die den ersten Antideutschen in den Neunzigern Antrieb verschaffte, plötzlich wieder gegenwärtig.

Aber selbst hier tun sich Widersprüche auf, die sich nicht auflösen lassen. Risse, die die Ideologie zersetzen: Eine Identitätskrise spaltet Antideutschland.

#FlüchtlingeWillkommen hat jemand auf einen Laternenmast gekritzelt. Antideutschland befand sich im Sommer 2015 im Auf und Ab der Gefühle. Denn Hunderttausende Menschen überwanden Grenzen und widersetzten sich der Staatsmacht – der deutschen Staatsmacht: sehr gut! Nicht so gut: Es waren viele Araber und Muslime. Dieser Sommer 2015 war so ganz anders als der Sommer 2014, als noch der Gazakrieg die Schlagzeilen dominierte und man sich an altbekannten Fronten bewegte. Plötzlich mussten sie sich in Connewitz mit Menschen arrangieren, die zu "befeindeten Nationen" gehören, die teilweise antizionistische und antisemitische Weltbilder mitbrachten. Dennoch durften die Geflüchteten zunächst für nur 50 Cent ins stets nach verschüttetem Bier riechende Conne rein. Einige von ihnen waren aber nicht so anpassungsfähig. Vor wenigen Wochen stoppte der Club sein Integrationsprogramm, mit dem er die Neuen tanzend in ihr neues Zuhause einbinden wollte: Immer mehr Frauen hatten sich wegen sexueller Belästigung beschwert. "Uns zur Problemlage so explizit zu äußern fällt uns schwer, da wir nicht in die rassistische Kerbe von AfD und CDU/CSU schlagen wollen", stand in einer hundertfach im Netz geteilten Mitteilung. In den entsprechenden Foren brach wieder die antideutsche Islamfeindlichkeit aus. Im Conne sahen sie sich gezwungen, sich von der AfD zu distanzieren.

Monate der Verwirrung lagen hinter ihnen: Die "greatest nation on earth" brachte Trump hervor. Bilder von Hunderten Deutschen, die in München und anderen Städten Flüchtlinge willkommen hießen, passten nicht zu dem Bild von einer Gesellschaft, der man Rassismus unterstellt. Die CDU-Kanzlerin tauchte lächelnd auf Selfies mit Syrern auf. Seit 2015 können sich einige Antideutsche sogar vorstellen, Merkel zu wählen.

In Connewitz ringen sie in den letzten Monaten mit sich selbst. Der Identitätsanker sitzt nicht mehr so fest wie früher. Sie stoßen mit ihren Glaubenssätzen an die Barrieren der Realität und fragen sich, wer sie eigentlich sind und wohin sie eigentlich wollen.

Refugees welcome? Am Yisrael Chai? Nie wieder Deutschland?

Hinter der Geschichte:

Mehr als ein Jahr lang recherchierte Mohamed Amjahid für diese Reportage. Er sprach insgesamt mit zehn Antideutschen, von denen die meisten nach einer Bedenkzeit doch nicht im ZEITmagazin zitiert werden wollten.

Kommentare

292 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

im Gegenteil, der Artikel bringt es sehr sehr detailiert und gut auf dem Punkt, wie ich finde.
Die Antideutschen und angewachsen? Mitnichten, man möchte nicht das selbe Gedankengut wie Pegida, Wilders und Co teilen, die überwältigende Mehrheit der Linken distanziert sich scharf von Antideutschen und ihrem verrückten Nationalismus, Staatsfetisch, Antisemitismusverhöhnung und rechten Ideen.
Mir kommt es so vor, als könnten es Antideutsche letztendlich einfach nicht einsehen, dass sie sich lange selber überlebt haben... ;)
sogar am AlQudsTag sieht man nur noch eine handvoll von den Antideutschen, zusammen mit erzkonservativen israelischen und regierungstreuen Verbänden Fähnchen schwingen.
Mehr ists einfach nicht mehr und das schon sehr lange.. sorry.
shalom und salam